Palatina sul aqua – Eine Schlussbetrachtung

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Marco Foscari
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Palatina sul aqua – Eine Schlussbetrachtung

Beitrag von Marco Foscari »

Palatina sul aqua – Eine Schlussbetrachtung

Im Oktober jährt sich Palatinas 12. Jubiläum. Das ist eine sehr lange Zeit. Auch eine Zeit der gemischten Gefühle – bedenkt man, dass Palatina fast die Hälfte dieser Zeit leer stand. Das macht es nötig, die Lage nüchtern zu betrachten. Insbesondere, da es mit La Caduta nun ein „spin-off“ gibt, das mir derzeit das Gefühl gibt, dass das Forenrollenspiel mit Palatina vielleicht doch nicht an sein Ende gelangt ist. Anders sieht es mit dem Palatina der Renaissance aus. Man sollte Realitäten ins Gesicht schauen, statt sie zu leugnen.

Wir haben über 100.000 Posts geschrieben, besitzen einen eigenen YouTube-Kanal, spannende Hauptpersonen, ungezählte Nebencharaktere, es gibt ein Palatina-Drehbuch, ein Kartenspiel, sogar einen Roman. Ich denke, wir haben so ziemlich alles gemacht, was man mit einer Idee anstellen konnte.

Ja, es gibt einige Dinge, die natürlich nie beendet wurden. Etwa, dass Castiglione sul Mandro nie dem RPG hinzugefügt wurde, obwohl immer geplant. Viele kleinere Plots fanden nie ihr Ende. Auch die Geschichte um Delia Bensano, die zum Schluss verwoben werden sollte mit einem letzten großen Plot, hat niemals Fahrt aufgenommen. Palatina endet im Ungefähren: Foscari ist verschwunden und von Sardofiore als Markthallenherr und Gildenmeister der Kaufleute verdrängt worden, Anteas Macht als Strippenzieherin wurde gebrochen. Amilcare dell’Ulivo hat endlich den Posten errungen, auf den er geschielt hat, und ist nun die Graue Eminenz der Republik. Braccioleone dagegen – sein Schicksal bleibt in den Kriegswirren ungewiss.

Aber genau hier liegt die Crux. „Unser Palatina“ hat sein Ende vor ein paar Jahren gefunden. Wir haben diese Geschichte vielleicht auch deswegen nie zu Ende gespielt, weil es nicht mehr unsere ist. Schon vor fünf Jahren haben sich fremde Kräfte der Republik bemächtigt. Dadurch, dass diese Dinge „unvollendet“ blieben, unsere Figuren aus der Geschichte verschwanden, abtraten; dadurch hat diese Geschichte ihr Ende gefunden. Das zeigt sich an mehreren Stellen.

Wir hatten – im Nachhinein betrachtet – ein ganz exzellentes „Finale“ mit dem Kartengeheimnis, wo wir wirklich alles, was Palatina ausmacht, in die Waagschale geworfen hatten. Es war eine sehr lange Geschichte, an deren Pausen sich bereits zeigte, dass das RPG so wie früher nicht mehr funktionierte. Aber wir brachten es zum Abschluss. Bereits dabei habe ich mit meinem eigenen Hauptcharakter die Grenzen dessen erreicht, was ich wollte: Cesares Hintergründe, seine Familiengeschichte, die Tragik um Giulia, wirklich alles kommt zum Tragen; wir treffen auf Tarquinio, der im Krieg bald verschwindet; und wir treffen auch auf „Hector“, dessen Schicksal mit dem Erlöschen einer Fackel im Gefängnis von Sirena ebenso spurenlos bleibt.

Ich denke, es geht anderen sehr ähnlich, wenn ich das erwähne. Mir hat sich danach schon die Frage gestellt: was kann ich noch von diesem Charakter wollen? Es ist ein bisschen wie in der letzten Ratssitzung. Da spürt man deutlich, da geht etwas zu Ende. Mit ungewisser Zukunft. Zugleich ist es eine Sitzung, in der die Braccioleone und Ricotta nach Jahrhunderten ihre Streitigkeiten beilegen. Etwas findet seinen Abschluss. Mit Genugtuung. Auch, wenn die Situation einen melancholisch zurücklässt.

Palatina sul aqua ist daher – und da sollten wir ehrlich sein – zu Ende erzählt. Hätte es irgendetwas gegeben, was es wert gewesen wäre, in den letzten fünf Jahren zu erzählen, dann wäre es gespielt worden. Man sollte dies nicht mit Phantasielosigkeit gleichsetzen. Plots erfindet man immer. Aber die Umgebung, das Gefühl, das ist jetzt ein anderes. Die Stadt ist eine andere als vor zehn Jahren. Die Phase, in der wir lebten, die wir prägten, die unser Palatina zu dem machte, was es ist – die ist vorbei.

Ich habe daher – nach Jahren – beschlossen, nicht mehr in Sul Aqua zu schreiben. Weil Palatina ein Museum geworden ist, und ein Museum sollte man ruhen lassen und beschauen. Es wäre nur frustrierend, es lebendig halten zu wollen. Denn nicht nur, dass zu viele Jahre vergangen sind, um die alten Charaktere glaubwürdig zu beleben; es bliebe immer der Vergleich zu „früher“, zu der Zeit, als es rund lief, als viel los war, als man zugleich mit mehreren Accounts spielte und die RPG-Posts im hohen zweistelligen Bereich liegen konnten. Täglich.

Ich will Sul Aqua daher so, wie es war, in Erinnerung behalten, und es nicht künstlich wiederbeleben, aufgrund so vieler Probleme, die sich auch wegen der langen Abwesenheit einfach aufdrängen und stellen. Es ist jedem überlassen, es anders zu halten. Doch wie gesagt: in den letzten fünf Jahren gab es so gut wie keine Ambition von irgendjemanden, die Stadt am Rio aus dem Dornröschenschlaf zu küssen. Ich schätze, es hat seine Richtigkeit.

Ein Grund, warum ich von La Caduta deutlich mehr angetan bin, ist nicht nur das neue Setting. Es ist eine komplett andere Grundstimmung. Sul Aqua war immer Leben, war immer Freude, war immer auch ein Stück weit Utopie. Das Palatina von 1560 war nicht nur eine Stadt, in der man gerne spielte; es war eine Stadt, in der man gerne gelebt hätte. Es war eine Stadt, in der zuletzt nie etwas wirklich Schlimmes hätte passieren können, das man nicht doch noch ironisieren konnte; erst beim Kartengeheimnis (und vorher andeutungsweise bei Santa Domenica) fällt wirklich auf, dass es auch einmal anders geht. Da sind schon die Schatten von La Caduta zu erahnen, bzw. werden sie länger in den letzten zwei Jahren, als sich mit dem Toskanischen Krieg auch ein Konflikt andeutet, den man nicht so humorvoll lösen kann wie sonst.

Über La Caduta liegt eine ganz andere Atmosphäre, eine, die realistischer, tiefgründiger, ahnungsvoller und dunkler ist. Es ist eine Atmosphäre, die sich auch schon in der Schreibart des RPG niederschlägt; die Introspektive dominiert, die Handlung tritt zurück. Wir lernen Charaktere deutlich besser kennen und was in ihnen vorgeht. In Sul Aqua „geschieht“ häufig einfach etwas. In La Caduta herrscht Misstrauen, Vorsicht und Nachdenklichkeit vor. Auch vielsagend, dass diese Innerlichkeit, wie sie in der Romantik vorherrscht, dort schon greifbar ist, im Gegensatz zum lebensfreudigen Renaissanceleben, das einfach „macht“. Auch der Rhythmus, in dem Posts entstehen, ist ein komplett anderer. Zwei bis drei gehaltvolle RPG-Posts statt vieler kleiner. La Caduta lebt viel stärker von einer kleinen, aber tiefen Stetigkeit, als das chaotische Sul Aqua mit seinen brachialen Höhen und Tiefen.

Es ist ein Rhythmus, der auch geänderten persönlichen Viten entgegenkommt. Zumindest bei mir ist das ein Grund, warum RPG überhaupt wieder möglich ist. Es hetzt nichts, es stresst nichts. Man macht mehr aus, ob und wann man sich abends trifft, hat eine Vorstellung, was man schaffen möchte. Es ist alles langsamer; eine Art von Spiel, die für mich in Sul Aqua gar nicht möglich wäre, weil ich es einfach mit einer ganz anderen RPG-Kultur verbinde. Eine RPG-Kultur, die übrigens auch in ihrer Art deswegen möglich war, weil die Zeitumstände andere waren. Ich sage es mal so: unsere Realität ist mittlerweile so irre geworden, dass Sul Aqua diese nicht mehr mit Absurdität übertreffen kann und damit verharmlost. La Caduta ist – eher unbeabsichtigt – ernster. Es hat aber nichts von der Palatina-Faszination eingebüßt, sondern um eine Facette bereichert.

Sul Aqua wird nicht „geschlossen“. Geht es nach mir, so bleibt das Forum bis ins Jahr 2050 verfügbar, allein um als Erinnerung für eine ganze Forenrollenspielkultur zu dienen, die bereits jetzt nicht mehr existiert. Aber es hat für mich seinen Sinn verloren, dieses RPG noch einmal zu beleben. Alles, was es noch zu erzählen gäbe – darauf gibt La Caduta noch eine Antwort.

Saluti, und auf ein hoffentliches Wiedersehen im späten 18. Jahrhundert,


Marco
In dem Moment, da sich der Staat von seinen kulturellen Fesseln löst – der Kirche, zivilen Institutionen, Sitten und Bräuchen – wendet sich nicht nur der Bauer gegen den Adligen, sondern auch der Arme gegen den Reichen; aus Gleichheit vor dem Recht pervertiert die Vorstellung sozialer Gleichheit. Zuletzt wendete sich gar der Idiot gegen das Genie, weil dieser das Verbrechen begangen hat, anders zu sein als er selbst. - Vittorio Barzoni

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