Das Lesezimmer

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Enrico Albizzi
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Das Lesezimmer

Beitrag von Enrico Albizzi »

Bücherregale bis an die Decke, bequeme Sessel um einen lodernden Kamin gruppiert. Zeitungen liegen auf den Beistelltischen, in der Bar finden sich Getränke. Das Lesezimmer. :kaffee:

Für den seltenen Fall, dass ein lesenswerter Artikel mal nicht in den "Kein Wille zur Macht...." gehört, oder für Buchempfehlungen, kleine Rezensionen, oder einfach den Hinweis, was man gerade zu lesen beginnt oder beendet.

Eben alles, was mit Text zu tun hat.

In diesem Sinne:
NZZ hat geschrieben: Bild

Auf diesem Pass ziehen 2000 Jahre europäischer Geschichte vorbei

Um ein Haar wäre Napoleon am Grossen St. Bernhard ums Leben gekommen. In der Folge begann der Ausbau eines Pfades, der schon für den römischen Jupiterkult seine Bedeutung gehabt hatte.
Suicidal, violent, tragic state of mind; lost my halo, now I'm my own Antichrist! I'm running out of Teardrops, let it hurt 'til it stops, I can't keep my grip, I'm slip pi ng a w ay f r o m m e. Oh God! Everything is SO FUCKED! but I can't feel a thing... - BMTH: Teardrops

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Marco Foscari
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Re: Das Lesezimmer

Beitrag von Marco Foscari »

Ein Gemälde von Paul Delaroche aus dem Jahr 1850 zeigt Napoleons Ritt auf einem Maultier über den Grossen St. Bernhard 50 Jahre zuvor.
Der Fehler ist offensichtlich aufgefallen 0:)
In dem Moment, da sich der Staat von seinen kulturellen Fesseln löst – der Kirche, zivilen Institutionen, Sitten und Bräuchen – wendet sich nicht nur der Bauer gegen den Adligen, sondern auch der Arme gegen den Reichen; aus Gleichheit vor dem Recht pervertiert die Vorstellung sozialer Gleichheit. Zuletzt wendete sich gar der Idiot gegen das Genie, weil dieser das Verbrechen begangen hat, anders zu sein als er selbst. - Vittorio Barzoni

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Re: Das Lesezimmer

Beitrag von Enrico Albizzi »

Dabei finde ich rückblickend betrachtet, dass der Fehler sich sehr gut in die heutigen Ereignisse einreihte. :prost:
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Re: Das Lesezimmer

Beitrag von Marco Foscari »

Shameless self-advertising. 0:)

[...]

Aus dem dritten Gesang stammen gleich mehrere Bonmots: das berühmte „Lasciate ogne speranza“ (Lasst alle Hoffnung fahren) hat heute selbst im Deutschen Bekanntheit erfahren. Anders sieht es mit dem Vorwurf aus, „ohne Schande und ohne Lob“ zu sein (sanza 'nfamia e sanza lodo). Dante verwendet diese Schmähung für jene Seelen, die ihr Leben lang sich weder zum Bösen noch zum Guten bekennen wollen, und als laue Geister selbst dem Teufel missfallen. Sie werden von Insekten in einem Trakt vor der eigentlichen Hölle gepiesackt; ihr berühmtester Vertreter ist der Papst Coelestin V., der 1294 abdankte. Ebenfalls auf diese Stelle bezogen ist der Ausspruch „non ragioniam di lor, ma guarda e passa“ (Wir kümmern uns nicht um sie, sondern schauen und gehen weiter), dem die deutsche Wendung, jemanden „nicht einmal zu ignorieren“, am ehesten entspricht. Dass etwas „notizwürdig“ sei (degno di nota) verwendet Dante figurativ als erster in der italienischen Sprache. 84 Neologismen haben über Dantes „Divina Commedia“ Eingang in die italienische Sprache gefunden, darunter etwa das Wort „bolgia“ für die Höllengräben.
In dem Moment, da sich der Staat von seinen kulturellen Fesseln löst – der Kirche, zivilen Institutionen, Sitten und Bräuchen – wendet sich nicht nur der Bauer gegen den Adligen, sondern auch der Arme gegen den Reichen; aus Gleichheit vor dem Recht pervertiert die Vorstellung sozialer Gleichheit. Zuletzt wendete sich gar der Idiot gegen das Genie, weil dieser das Verbrechen begangen hat, anders zu sein als er selbst. - Vittorio Barzoni

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Re: Das Lesezimmer

Beitrag von Marco Foscari »

Wieder mal in eigener Sache. Die Idee, einen Bonner den Berlinumzug vor 30 Jahren kommentieren zu lassen ... vielleicht nicht die beste Entscheidung des Preußenblattes. :pfeif:

[...]

Keine Frage: über Jahrzehnte hatte die deutsche Politik im Fall der Einheit die Rückkehr nach Berlin bekräftigt. Daran rüttelte auch die nachhaltige geografische Veränderung nichts, die Berlin von seiner zentralen Position im ehemaligen Reich in eine abgelegene Position gerückt hatte – bis heute von den restlichen urbanen Zentren Deutschlands entfernt und damit immer der Illusion verfallen, die einzige große und bedeutende Stadt zu sein, die notgedrungen Zentrum sein müßte.

Viel wichtiger fiel die „historische“ Bedeutung aus: Berlin als historischer Sitz des Reichstags, Berlin als historische Hauptstadt des Deutschen Reiches, Berlin als Schicksalsstadt Deutschlands per se. Nicht nur Ort, sondern auch Gebäude wurden überhöht, die Rückkehr in den Reichstag galt als verheißungsvolle Erfüllung deutscher parlamentarischer Geschichte – und das, obwohl das Gebäude schon damals entkernt war und auch die Umbaupläne wenig von dem Original übrigließen, als vielmehr eine neudeutsche Version lieferten, die nicht der Historie, sondern dem Zeitgeschmack Genüge tat.

Mit derselben Gewißheit hätte man von der Rekonstruktion einer deutschen Innenstadt träumen können, nur, um in diese anschließend dieselben Discounterläden, Handygeschäfte und 1-Euro-Shops einziehen zu lassen, wie sie auch die häßlichen Nachkriegsbauten der Weststädte schmückten – und darauf zu bestehen, es handele sich um historische Kontinuität oder gar um einen historischen Geist, der hinter den bloßen Fassaden wehe. Eine Mentalität, die später auch das Stadtschloß heimsuchte. Dem schlagenden Geschichtsargument hat dies bis heute keinen Abbruch getan.

Vergessen sind dafür die historischen Bewertungen der 50er Jahre, die in Bonn nicht ein Exil, sondern eine „Rückkehr“ an den Rhein sahen – dem eigentlichen deutschen „Kernland“ (Eugen Ewig). Nicht Preußen, sondern das Mittelalter war die Geburtsstätte Deutschlands: ob Merowinger, Franken, Salier oder Staufer, der Schwerpunkt der Reichsgeschichte konzentrierte sich über Jahrhunderte auf den südlichen und westlichen Teil Deutschlands.

Selbst für die sächsischen Ottonen endete die Welt an der Elbe. Berlin war dagegen in der „Streusandbüchse“ des Heiligen Römischen Reiches höchstens Nebenschauplatz. Der Historiker Eugen Ewig, führender Kopf eines solchen abendländisch-deutschen Verständnisses, gab dementsprechend sein Bundesverdienstkreuz im Jahr 1991 zurück.


[...]
In dem Moment, da sich der Staat von seinen kulturellen Fesseln löst – der Kirche, zivilen Institutionen, Sitten und Bräuchen – wendet sich nicht nur der Bauer gegen den Adligen, sondern auch der Arme gegen den Reichen; aus Gleichheit vor dem Recht pervertiert die Vorstellung sozialer Gleichheit. Zuletzt wendete sich gar der Idiot gegen das Genie, weil dieser das Verbrechen begangen hat, anders zu sein als er selbst. - Vittorio Barzoni

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