Die Casa „Andromache“

Das schmucke Kanalviertel beherbergt den selbstbewussten Mittelstand der Stadt, in dem aufklärerische und jakobinische Ideen Fuß gefasst haben. Das Kaffeehaus, die Akademie und die Freimaurerloge gelten als intellektueller Treffpunkt und politischer Unruheherd.
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Antonio Foscari
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Die Casa „Andromache“

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Die Casa „Andromache“

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In der Contrade Tra Fiumi, in einer sehr guten Lage zwischen allen drei großen Plätzen, erhebt sich am Canal Minozzolo die Casa Andromache, ein altes Haus, wie es San Paolo früher viele kannte. Roter Backstein und ornamentierte Fenster mit Marmorrahmen prägen das Gebäude aus dem frühen 16. Jahrhundert. Besonders die zweite Etage weist eine prächtige Fensterreihe mit Säulen und Balkon aus weißem Carrara auf und gilt als Blickfang des ganzen Hauses. Auf der Westseite, wo sich der Garten anschließt, geht die rote Fassade in Efeu und Moos über.

Die Casa besteht aus einem Erdgeschoss und drei weiteren Stockwerken. Das Haus befindet sich insgesamt in einem soliden und gepflegten Zustand. Von außen ist dabei bereits ersichtlich, dass das erste und zweite Stockwerk mit ihren Marmorverzierungen und großen Fenstern die besten Gebäudeteile darstellen, während das oberste Stockwerk mit kleinen, quadratischen Fenstern engräumiger und eher bescheiden erscheint. Die alte Funktion des Stadthauses mit einer Geschäfts- bzw. Kontoretage, zwei Piani Nobili und einem obersten Stock für Hausangestellte wird dadurch bis heute ersichtlich.

Ursprünglich handelte es sich um den Wohnsitz der nicht ganz unbedeutenden Handwerkerfamilie Fazzolini, die mehrmals als Zunftmeister der Taschentuchmacherzunft fungierten. Der letzte Erbe, Fazzoletto III. Fazzolini, starb allerdings verfrüht an einer deutlich unterschätzten Grippe. Seine junge Witwe, Camilla Manini, verwaltet seitdem das Haus und lebt von der Miete der verschiedenen Bewohner. Sie hat trotz ihrer jungen Jahre nie wieder geheiratet und führt ein sparsames, zurückgezogenes Leben, obwohl die Miete ihr ein recht gutes Einkommen sichert.

Orientierung:

Erdgeschoss: Der ehemalige Geschäftsbereich wurde zu einer Wohnung ausgebaut, die sich über die ganze Etage zieht, mit Ausnahme des Treppenhauses. Hier wohnen die Cappucini, eine vierköpfige Familie, wie sie überall in Palatina wohnen könnte. Der Vater arbeitet als Sekretär und Buchhalter eines Kaffeehausbestreibers, die Kinder gehen bereits zur Schule.

1. Etage: Dieses Stockwerk ist das einzige, das nicht vermietet wird, sondern verkauft wurde. Das ehemalige Piano Nobile des Stadthauses umfasst mehrere Räume, darunter einen Salon, eine Küche, einen Waschraum und ein Schlafzimmer. Die Wohnung wurde bereits vor drei Jahren von Antonio Foscari erworben, der vom Land in die Stadt zog, um effektiver am kulturellen Leben der Hauptstadt teilhaben zu können. Obwohl die Wohnung rechtlich ihm gehört, überlässt er die eigentliche Hausverwaltung der Witwe Manini.

2. Etage: Auch dieses Stockwerk nimmt eine Wohnung ein und gilt als vornehmster Bereich des Hauses. Die Hausbesitzerin verbringt hier die meiste Zeit ihres Alltags, wobei man ihre genauen Freizeitbeschäftigungen nicht kennt. Häufig sieht man sie nachdenklich auf dem Balkon sitzen. Siera Manini ist eine feine, charmante Frau, sie spricht allerdings wenig und geht so gut wie nie auf private Gespräche oder alltägliches Geschwätz ein. Sie hat ein gutes Auge auf die Vorgänge im Haus, übt jedoch häufig Nachsicht, wo ein strengerer Verwalter längst eingetreten wäre. Sie ist um die dreißig Jahre alt, aber kaum jemand hatte bisher die Kühnheit, nach ihrem tatsächlichen Alter zu fragen.

3. Etage: Der ehemalige Dienstbotentrakt wurde in mehrere, kleine Wohnungen zu meistens nur einer Kammer, in seltenen Fällen zwei Kammern aufgeteilt. Die Witwe vermietet hier recht günstig an die Studenten der Akademie. Ihr ist dabei wichtig, dass sich die Burschen ruhig und rücksichtsvoll benehmen und dass die Miete pünktlich kommt; ansonsten sind ihr Gesinnungen oder mögliche jakobinische Verschwörungen recht egal. So leben hier gleich mehrere radikale Studenten revolutionärer Coleur, ohne, dass die Dame sich für derlei Belange interessiert. Neben den Fratelli Spratz, die ein Sansculotten-Plakat auf der Türe ihrer Studentenbude geklebt haben, gehört dazu auch Domenico.

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NPCs:

Avogadorio Capuccini (braun/#804000): Buchhalter, Familienvater der Familie im ersten Geschoss. Meistens nicht da. Mutmaßt, dass im obersten Geschoss eine Revolution geplant wird, scheiterte aber bisher immer daran, die Studenten zu überführen.

Camilla Manini (lila/#BF00FF): Junge Witwe, Erbin des Fazzolini-Vermögens, zu dem dieses Haus gehört. Zurückgezogen lebende, melancholische Dame, die sich für wenig außerhalb der eigenen vier Wände interessiert. Reserviert und wortkarg, aber nicht unfreundlich.

Domenico (rot/#FF0000): Student, revolutionär-liberal unterwegs, offensichtlich mehr als nur ein Sympathisant der Freimaurer. Mit Leonora Albizzi ... mehr als bekannt.
Anmerkung: Dieser NPC ist ein Privat-NPC von Enrico und steht nur ihm und seinen Accounts zur Verfügung.

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Antonio Foscari
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Re: Die Casa „Andromache“

Beitrag von Antonio Foscari »

Durchsichtige Vorgänge flattern im Frühlingswind. Die Nachmittagssonne wandert gen Westen, nimmt ersten, rötlichen Schimmer an. Die Fassaden von San Paolo nehmen am nachmittäglichen Lichtspiel Teil, das Wasser nimmt eine warme Farbe an. Im Garten, der sich im benachbarten Hausblock erstreckt, sitzt ein Ehepaar, der Herr trinkt Kaffee, die Dame liest einen Unterhaltungsroman. Eine Gondel fährt träge durch den Minozzolo-Kanal, in der Ferne wehen Wäschestücke an einer Leine.

Antonios Blick geht über die Schreibtischplatte zum Fenster hinaus, nimmt die Eindrücke auf. Für Sekunden ist er aus einer anderen Welt aufgewacht. Einer Welt, die anders war als diese. Der Ruf eines Kindes hatte ihn aus dem Schreibfluss geweckt. San Paolo hat ihn für diesen Moment wieder. Er überlegt, das Fenster zu schließen; denkt darüber nach, ob es nicht eine schlechte Idee gewesen war, seinen Arbeitstisch in diese Ecke der Wohnung zu stellen, wo er das Panorama der nächsten Umgebung, und die Kuppel von San Paolo in der Ferne erspähen konnte. Aber auch, wenn man sich ins Kreative vertiefte, es nützte nichts, sich komplett abzuschließen.

Auf dem väterlichen Landgut hatte er auch einen weiten Blick gebraucht. Auf die Pferdeweiden der Bassa Mandrana, die Haine und Felder geschaut. Ruhiger: vielleicht. Aber alles hatte seinen Charme. Seine ganz eigene Kraft.

Antonio mochte diese Wohnung. Sie lag inmitten eines pulsierenden Viertels, und doch in einem ruhigen Teil desselben. Sein Fußweg zur Akademie war überschaubar, aber das galt zugleich für jeden Punkt in diesem Stadtviertel. Vieles hier erinnerte an das "alte San Paolo" von dem ihm Cappucini mal erzählt hatte. Eines, das für seine ruhige, seine idyllische Atmosphäre, seinen eigenen Kosmos bekannt war. Unberührt von ideologischen Irrlichtern. Es wäre ein Ort gewesen, an dem Antonio gerne gelebt hätte. Hier konnte man "diese Luft noch atmen", wie ihm auch Siera Manini erzählte. Hier, auf der Isola Flagrante, hatte man ein Refugium geschaffen.

Aber nur eine Brücke, einen Block weiter, sah es anders aus. Dort schrieb man nicht, man deklarierte. Man dichtete nicht, sondern hetzte. Man philosophierte nicht, sondern ideologisierte. Das war San Paolo: voller Gegensätze. Der größte Gegensatz war das Selbstbild. Die angeblichen Freigeister waren engstirnige Kleingeister. Freigeist, das hieß: ein Liberaler sein. Eine schäbige Verengung. So, wie es eine schäbige Vernegung war, wenn man glaubte, dass man ein Reaktionär sein musste, um Patriot zu sein.

Er nimmt die Schreibfeder wieder in die Hand, tunkt sie ins Fass.


Erster Aufzug. Zweite Szene. Das Bühnenbild zeigt ...

Seine Kunst würde nicht politisch sein. Das war sein Grundsatz. Sie sollte nur sich selbst gehören.

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Antonio Foscari
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Re: Die Casa „Andromache“

Beitrag von Antonio Foscari »

Ein heller Halbstundenschlag ertönt im Salon der Wohnung im ersten Stock. Drängt sich vorbei an Bücherregalen, einer Dante-Büste auf einer kleinen Marmorsäule, an Stichen von Karten und einem venezianischen Markuslöwen, der Blickkontakt mit einem Hermelin hält. Er bahnt sich seinen Weg zum Salon, wo Antonio sich sinnierend auf dem Kinn abstützt. Die Tinte am Federkiel ist getrocknet.

Er war blockiert. Seit einer gefühlten Stunde kam er nicht mehr weiter. Es war keine übliche Schreibblockade. Vielmehr Perfektionismus. Er wusste noch nicht, wie er ein szenisches Problem löste, war mit der bisherigen Konzeption unzufrieden. Nur, weil keine Idee kam, gab er sich nicht mit der nächstbesten zufrieden.

Für gewöhnlich begann erst im Prozess dieser Phase die Schreibblockade.


Es ist sowieso fast vier.

Der Kiel fährt in die Halterung. Antonio war Künstler. Aber keines dieser laissez-faire-Modelle, die sich Freiraum und Chaos gönnten. Alles in seiner Wohnung war geordnet, geplant und organisiert. Antonio führte Tagebuch, nicht, um sein Herz auszuschütten, sondern um nicht den Überblick über seine Angelegenheiten zu verlieren. Sein Zeitplan war getaktet: 8 Uhr aufstehen, um 9 in der Akademie bis 13 Uhr. Anschließend Arbeit an Akademieprojekten bis 16 Uhr. 16 Uhr bis 17 Uhr ein Spaziergang. Anschließend Beendigung der Sachen, die er nicht in den ersten drei Stunden zu Ende bekommen hatte; wenn diese schon beendigt waren, dann Lektüre von Zeitungen oder Büchern. Um 20 Uhr Essen, auswärts oder daheim, das entschied er nach Bedarf. Von 22 Uhr bis 2 (je nach Schöpfungskraft: 4 Uhr) Arbeit an den eigenen Projekten, die er vorantrieb.

Es war ein geordnetes, aber kein starres System. Wenn er nachmittags an seinen Werken arbeitete, erledigte er die akademische Arbeit Nachts. Und wenn Akademiekurse am Nachmittag stattfanden, dann verlegte er den Spaziergang auf den Vormittag und sein Pensum auf den Morgen.

Antonio war kein normaler Student. Er war ein junger Mann mit Ambition. Es gab bereits genügend Faulpelze aus wohlhabenden Familien, die den Müßiggang für ihn übernahmen. Antonio hätte sich als Abkömmling einer so bedeutenden Familie einen faulen Lenz machen können. Aber er hatte Hunger. Keinen Hunger nach einer Karriere, nach politischen Ämtern oder dem Umsturz bestehender Ordnungen. Ihn reizte das alles nicht. Antonio suchte nach Größe und Schönheit. In seinem Geist waren sie realer als Macht oder Geld. Aber Schönheit fiel einem nicht in den Schoß. Sie war harte, mühevolle Arbeit. Schönheit bedeutete Schweiß. Blut. Tränen. Das Hahnenkrähen am frühen Morgen, das signalisierte, wie lange er sich abgemüht hatte.

Das Leben als Schriftsteller war nicht frei, nicht sorglos und vor allem war es nicht angenehm. Schreiben, das war ein Handwerk. Ein entbehrungsreiches, ein brutales Handwerk, das irgendwo zwischen der Präzision des Uhrmachers, der Feinheit der Seidenweberei, der Nachtarbeit der Bäcker und dem Schweiß der Schmiede rangierte.

Aber es war das, das er gewählt hatte. Und das einzige, das er wählen wollte.

Hoffentlich ist die Promenade nur nicht zu voll ...

Antonio zieht sich einen dunkleblauen Mantel über, dazu weiße Handschuhe an. Ein kurzer Blick fällt auf einen Degen, der zusammen mit einem Gurt daran über einem Stuhl lehnt ...

Ach, komm, was soll's.

Und greift auch danach.

Kaffee am Paulusplatz

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Antonio Foscari
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Re: Die Casa „Andromache“

Beitrag von Antonio Foscari »

Sterne strahlen über den halbmonderleuchteten Kanälen in das Appartement des jüngeren Foscari. Milchiges Mondlicht trifft auf Möbel und formt schwarz-weiße Schatten im Wohnzimmer. In einem Kamin wehrt sich letzte Glut gegen das eigene Ersticken. Spendet Wärme in der Frühlingsnacht, die kälter geworden ist, als es noch Nachmittag und Abend vermuten ließen.

Mit verschränkten Armen steht Antonio davor. Er sieht auf zwei Büsten, die über dem Kaminsims stehen. Der eine mit Phrygiermütze und Lorbeerkranz, der andere mit Halskragen und Bart. Antonio fixiert Dante und Shakespeare. Dante und Shakespeare schauen zurück.
Antonio tritt ab, atmet resignierend durch.

Er geht mit gebücktem Haupt durch den Raum. Schüttelt ab und an langsam den Kopf. Geht im Kreis um eine korinthische Säule.

Dieses Funkeln in den Augen des Mannes von der Piazza dell'Arte war echt gewesen. Er war nicht der einzige. Er hatte es im Publikum gewesen. Eine Lust daran, die eigenen Ideen bestätigt zu sehen. Voll und ganz überzeugt, das Stück sei nach ihrem Geschmack geschrieben worden. Sie bildeten sich Botschaften ein, weil sie sich einbilden wollten; sie waren deswegen so fest davon überzeugt, weil es in ihrer Welt nur so sein konnte, dass es die Wahrheit war. Weil Kritik an der Regierung, weil Politik in ihrem Sinne, weil die Bedienung ihrer abgrundtief bigotten Vorurteile so wichtig war.

Andere hätten sich gefreut. War das der Preis des Ruhms? Nicht den Ruhm für die Dinge zu erhalten, die einem wichtig waren und die man transportieren wollte - sondern für das, was andere darin nur erkannten? Zogen sie es damit nicht auf ihr minderwertiges Niveau herunter? Waren das nicht Perlen vor die Säue?

Antonio konnte nicht schlafen. Andere Künstler blieben unbekannt, weil sie nicht verstanden wurden. Andere blieeben unbekannt, weil sie verstanden wurden.

Und er hatte das seltene Vergnügen mit der Gabe, bekannt zu werden - weil man ihn nicht verstand ...


O Diana, keusche Jungfrau des silbernen Saums des Firmaments
Warum quälst du mich mit deinem Schein in dieser kalten Nacht ...?

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Antonio Foscari
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Re: Die Casa „Andromache“

Beitrag von Antonio Foscari »

So viele Jahre waren ins Land gezogen. So viel Lebendiges war tot; und so vieles, das den Tod verdient hatte, lebte immer noch. Antonio sprach nicht von Menschen; denen wünschte er den Tod im Grunde nie. Überdies war es in vielen Fällen deutlich schlimmer zu leben, als tot zu sein. Wer das unangenehme Gefühl jener nächtlichen Unruhe kannte, das einen nicht schlafen ließ, konnte seine Gedanken nachvollziehen. Nichts war so wohltuend wie der gesunde Schlaf; nichts war so aufreibend wie die Möglichkeit zu schlafen, aber keinen Schlaf zu finden, trotz jeder Mühe.

Eine Löffelspitze glitzert im Mondschein des offenen Fensters. Rührt in einer winzigen Porzellantasse heißer Schokolade, deren Dampf um seine Wangen spielt. Sein Blick geht hinaus zum Trabanten.

Was den Tod gefunden hatte waren dutzende Ideen. In Stunden wie diesen wurde ihm das so schmerzlich bewusst. Die Sehnsucht des Menschen nach dem Moloch, nach dem bürokratischen Staat, nach der Materialisierung des Abstrakten in der totalitären Herrschaft, das hatte seinen Höhepunkt in der Revolution erreicht. Es war ein Schritt hin in eine Welt, die nicht mehr die Seele, sondern den Staat als Gedanken Gottes auffassen würde. Es existierte eine ganze Reihe von Philosophen, die sehr viel auf höhere Ideale hielten, für die sie bereit waren, nicht nur unzählige Salven zu verschießen, sondern auch eine Unzahl Menschen unter einem maschinellen Tötungsinstrument durchzuschieben, das sie mal verniedlichend, mal zynisch, mal mit Pathos als große Gleichmacherin bezeichneten – offenbar überzeugt, dass der Sensemann nicht genug war. Auch hier: die Liebe zum unbelebten Metall, zur Maschine, wie sie sonst nur Fabrikbesitzer an den Tag legten.

Menschen waren Gedanken Gottes. Nicht Staaten. Nicht Völker. Jedes Individuum das Zeugnis eines großen Autors. Gott war Schöpfer; und wenn der Mensch schöpfte, dann war das eben das, was man unter Gottes Ebenbild verstand. Dafür musste man nicht Christ oder Jude sein, um das zu verstehen. Selbst die Pantheisten konnten das begreifen und Schreiber – Antonio betonte in seinen Gedanken: Schreiber – wie Goethe, die zu dieser Gruppe seiner Ansicht nach zählten, wollten es so verstehen.

Auf Spaziergängen fantasierte er Universen. Waren es nur Fantasien? Existierten sie nicht auf eine bestimmte Art? Waren Gedanken nur ein Fingerschnipsen? Nur kurze Spiele? Vielleicht. Waren sie es denn noch, wenn sie auf der Bühne standen? Waren sie Fantasie, wenn Schauspieler Rollen übernahmen, die er ersonnen hatte? War die Musik, die ein Komponist in seinem Kopf hörte, weniger real als die, die er nur wenig später auf dem Fortepiano dem Nobile vorspielte? Wenn ja – wieso? War es nicht lediglich eine andere Form der Existenz?

Es gab zwingende Konsequenzen. Wenn eine Geschichte ein Millionenpublikum erheiterte, dann war sie im Moment, da sie jemand las, für Sekunden real. Orte entstanden. Menschen erwachten zum Leben. Die Sonne hob und senkte sich in einem parallelen Universum. Manch junger Mann hatte mehr Zeit mit Shakespeares Charakteren verbracht als mit realen Menschen. So, wie mancher Student der alten Klassiker seine toten Römer und Griechen besser kannte als den Nachbarn. Stimmte der Vorwurf, dass sie in einer Fantasiewelt lebten – oder war es nicht schlicht so, dass es lediglich eine andere war?

Man mochte solche Gedanken für überflüssig halten. Antonio tat es nicht. Denn neuerlich: Konsequenz. So vielen Persönlichkeiten er Leben eingehaucht hatte, so viele waren im Meer der Vergessenheit untergegangen und noch vor ihrer Geburt gestorben. Er machte sich keine Notizen. Auf seinen Spaziergängen kreuzten jeden Tag neue und alte Menschen seinen Kopf, während er für die Straße blind war. Jeden Tag stand ihm plastisch eine neue Szene vor Augen, mit neuen Personen, mit neuen Wendungen – und schon am Abend hatte er sie vergessen.

Aufschreiben hieß bewahren. Vergessen hieß fahrlässig totschlagen. Missachten hieß vernichten. Wie oft hatte er totgeschlagen und vernichtet – wie oft hatte er alles ziehen lassen, weil er letztlich doch nicht alles fassen konnte, was er fassen musste? Welche Freude hatte es ihm bereitet, als er jünger gewesen war, jeden forschen Gedanken sofort auszuspielen, jede Inspiration zum Gedicht, jeden Gedankenfetzen zur Geschichte, jede Wendung zum Drama auszuarbeiten! Wie schön die Zeit, als er nicht vom Mühlrad des Betriebs geknechtet schreiben musste, statt schreiben durfte. Was war dieser Ruhm alles wert, wenn die Schönheit der eigenen Welt brach, weil es so vieles gab, was es zu beachten galt? Bis hin zu dem Moment, da Schreiben nur noch mühsamer Broterwerb war, lästige Arbeit, kein Handwerk, sondern – Fabrikarbeit.

Die Mechanisierung der Zeit machte vor niemanden Halt. Doch ihn schmerzte weit mehr, was er verlor: jeden Tag. Nein, nicht jede Idee, nicht jeder Gedanke, nicht jede Szene, die ihm durch den Kopf ging, war gut. Aber er traf Freunde und verlor sie wieder; ihm blieben Erinnerungen, bloße Fetzen, aber nichts von den Welten, die er besucht und wieder verlassen hatte. Vielleicht hatte er die perfekte Geschichte, das perfekte Drama, den perfekten Roman an irgendeinem Nachmittag liegen lassen, weil irgendein Zeitvertreib wichtiger war. Oder das Mühlrad des Betriebes, der von sich selbst behauptete, der Kunst zu dienen, aber in Wirklichkeit zum Selbstzweck geworden war. Jeden Tag eine andere Sau, die durch das Theaterdorf getrieben wurde, morgen schon vergessen war.

So viele Jahre waren ins Land gezogen. So viel Lebendiges war tot; und so vieles, das den Tod verdient hatte, lebte immer noch. Was hätte er dafür gegeben, an die Orte zurückzukehren, die verloren waren. Ihm blieben nur Erinnerungen an Erinnerungen. Nostalgie war schlimmer als die Melancholie: weil sie selbst daran erinnerte, dass auch sie nicht mehr so gut war wie früher.

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