Das Kaffeehaus „Caffè degli Specchi“

Das schmucke Kanalviertel beherbergt den selbstbewussten Mittelstand der Stadt, in dem aufklärerische und jakobinische Ideen Fuß gefasst haben. Das Kaffeehaus, die Akademie und die Freimaurerloge gelten als intellektueller Treffpunkt und politischer Unruheherd.
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Jacques Bottier
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Re: Das Kaffeehaus „Caffè degli Specchi“

Beitrag von Jacques Bottier »

Schleunigen Schrittes kommt nur einen Augenblick später auch Jacques an dem nun besetzten Tisch an, und bleibt abrupt stehen. Einen Moment ist er verdattert, als er nun eine Frau auf genau dem Stuhl sitzen sieht, den er sich gerade noch ausgesucht hatte. Sie war an ihm vorbeigezogen, und hatte sich einfach hingesetzt. Das hatte er sich so nicht vorgestellt.

Er fängt sich jedoch schnell wieder und setzt eilig seinen Hut auf, um ihn sogleich zum Gruß wieder zu ziehen. Es ist eine unbeholfene Geste, doch sein freundliches Lächeln lässt sie dennoch charmant wirken.


Guten Tag, Madame!

sagt er strahlend, und schaut ihr für einen Moment unverwandt ins Gesicht. Nicht jedoch, ohne Notiz von ihrer Kleidung zu nehmen. Die Dame, die so unplanmäßig auf dem Platz saß, den er belegen wollte, gehörte defintiv zu den aufwändiger gekleideten Personen in diesem Raum. »Bellissime scarpe« schießt es ihm durch den Kopf, doch ihre Schuhe kann er unter dem langen Rock und dem Kaffeehaustisch nicht ausmachen. Er verwirft den Gedanken vorerst wieder; gerade war er erstmal gekommen, um sich zu setzen.

Verzeihung. Offenbar haben wir beide denselben ausgezeichneten Platz ausgewählt. Darf ich mir einen anderen suchen – oder ist hier zufällig noch ein Platz frei?

Fragt er in einwandfreiem Italienisch, dass kaum einen Akzent erahnen lässt. Nur die Sprachmelodie lässt den genauen Hin-Hörer vielleicht erahnen, dass die Ausdrücke ihm nicht ganz selbstverständlich über die Lippen kommen.
Der Wind trägt meine Schritte fort.
Doch das Echo bleibt.
- Unbekannt

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La Femme
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Re: Das Kaffeehaus „Caffè degli Specchi“

Beitrag von La Femme »

La Femme setzt jenes ausdrucksvoll schweigende Gesicht auf, das erahnen lässt, dass sie einen Augenblick braucht, um die Präsenz des Mannes anzuerkennen, etwa in der Art einer rebellischen Kolonie, die einfach ohne Absprache ihre Unabhängigkeit erklärt hatte, und nunmehr eine bäuerliche Delegation entsandt hat, um eben jene Unabhängigkeit der Krone kundzutun.

Bis eben hatte Jacques in ihrer Welt schlicht nicht existiert; nicht so sehr, weil sie ihn aus Arroganz übersah, sondern, weil er in ihrer sehr kalkulierten Rechnung aus Spionage, Informationsbeschaffung, Informationsvernichtung, Übergabe etc. pp. einfach keine Rolle spielte. Jacques war so unscheinbar und uninteressant, dass sie keinerlei Wert in ihm sah.

Das war freilich nicht so unfreundlich, wie es sich im ersten Moment anhörte – denn das bedeutete auch, dass der Unbekannte keine Bedrohung war. Dass sie ihn bisher noch nie im Kaffeehaus gesehen hatte – und Gott wusste, um wie viele aurianische Säcke mit Kaffeebohnen sie dieses Haus erleichtert hatte! – wunderte sie zwar etwas, denn sie glaubte, die wichtigsten Stammgäste des Hauses zu kennen; aber wer war sie, über jeden Besucher Buch zu führen.

Das taten ja bereits die Carabinieri.


Certo.

sagt sie distanziert, aber nicht unerfreulich, deutet auf den freien Platz. La Femme legt die Beine dabei übereinander, sodass der Herr kurz ihre roten Schuhe mit Brokat und Goldverzierungen erspähen kann, bevor sie sich leicht in die Richtung des Fensters dreht.

Sie zückt einen Fächer, um den Tabakqualm eines Nebentisches zu vertreiben. Ihre Auge suchen den Raum ab.

Wo ist denn nur dieser Papagei wieder …

La Femme wirkt ungeduldig. Sie ist es offenbar nicht gewöhnt, wegen der Bedienung zu warten. Eher zum Zeitvertreib fragt sie:

Kommen Sie öfter hierher?

Ganz bewusst benutzt sie das bürgerliche „Lei“ statt des vornehmen „Voi“, da sie davon ausgeht, dass sich nicht zufällig ein Reaktionär hierher verirrt hat.
Wenn ein Mann seinem eigenen Ruin zustrebt, dann leistet ihm ein Gott Hilfe. - Aischylos

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