Der Obelisk (Bekanntmachungen)

Die Insel in der Mitte Palatinas ist die Heimat des vermögenden Bürgertums und niederen Nobili. Geographisch immer noch der Kern Palatinas, hat die Neustadt ihre Bedeutung als Stadtzentrum verloren. Anders als die übrigen Viertel ist es keiner Ideologie zuzuordnen und gilt noch am ehesten als Refugium des normalen Stadtlebens.
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Die Signoria
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Der Obelisk (Bekanntmachungen)

Beitrag von Die Signoria »

Der Obelisk

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Angeblich sollen die Gelehrten der Universität einst die äußersten Punkte der Stadtmauer genommen, ausgemessen, und alles mit Strichen verbunden haben, nur, um dann festzustellen, dass der Obelisk mitten auf dem Marktplatz zufällig auch das Zentrum der Stadt war.
Dazu hätten die Einwohner wahrlich keine wissenschaftliche Abhandlung gebraucht – hier war immer der gefühlte Mittelpunkt.
Zugegebenermaßen können jedoch selbst die Gelehrten nicht mit aller Genauigkeit sagen, woher diese hohe, steinerne Nadel herstammen soll. Einige vermuten, sie hätte schon in der altrömischen Stadt gestanden, und wäre dann verlegt worden, andere glauben an ein Bauwerk aus byzantinischer Zeit, andere an Raubgut aus Ägypten, welches die Kreuzritter mitbrachten.
Letztere Legende des Timbaldo klingt am Abenteuerlichsten, ist aber auch am verbreitetsten:
Nachdem der eigene Kreuzzug der Stadt gegen die Ungläubigen gescheitert, und die Ritter mit leeren Händen zurückzukommen wagten, stahl man einfach ein Wahrzeichen von so unglaublicher Exquisität, dass die Rückkehrer von ihrer Niederlage ablenken konnten.
Tatsächlich entgingen alle der Kartoffelung zum Tod, und stattdessen gab es ein rauschendes Fest, und eh man sich versehen hatte, war die ganze Gesellschaft derart betrunken, dass man nach einem mehrmonatigen Kater ganz vergessen hatte, was man mit den Heimkehrern eigentlich vorhatte – und woher das Riesenteil auf dem Marktplatz herkam.
Seitdem ist dieses Denkmal jedenfalls das Symbol der Insel, egal, wo es herkam und was es bedeutete. Hieroglyphen aus grauer Vorzeit weisen auf sein Alter hin, und das reicht auch.

Der quadratische Block jedoch hat seit langer Zeit eine praktische Bedeutung: weil dies der Nabel der Republik ist, werden hier auch Bekanntmachungen befestigt, ob öffentliches oder privates Fest, Werbung, oder Mitteilungen der Regierung. Jeder, der etwas der Stadt mitteilen möchte, kann es hier durch ein Plakat tun.

Zudem ist ein Kreis um den Obelisken eingezeichnet, über welchen der Schatten desselben wandert – so funktioniert er auch als Sonnenuhr.
Wissen Sie, warum die europäische Gesellschaft stirbt? Sie stirbt, weil sie vergiftet worden ist. Sie stirbt, weil Gott sie geschaffen hatte um mit der katholischen Substanz ernährt zu werden und weil Kurpfuscher ihr die rationalistische Substanz als Nahrung verabreicht haben. Die einzelnen Menschen können sich noch retten, weil sie sich immer retten können. Aber die Gesellschaft ist verloren, nicht deshalb, weil ihre Rettung eine radikale Möglichkeit an sich darstellt, sondern weil die Gesellschaft meiner Überzeugung nach ganz offenbar nicht gerettet werden will. - Juan Donoso Cortés

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Salomè Albizzi
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Re: Der Obelisk (Bekanntmachungen)

Beitrag von Salomè Albizzi »

Bühnenprogramm der Oper im Frühjahr 1796


Der Musel und die Bäckerin
Eine vergnügliche Buffa aus San Paolo.

~

Der gronfende Pfarrer von Santa Trinità
Eine gesellschaftskritische Buffa aus San Pietro.

~

Der Uhrmacher und die tickende Teufelsuhr
Eine Seria spannender wie tragisch-heroischer Art.

~

Der eitle Sankt Trovas' und die Dame
Eine Seria schwieriger Kost.


Das gesamte Programm inklusive Details erhaltet Ihr im Opernhaus "Ermelino" für nur 1.000 Lire.
Weil Geld etwas Sündiges ist, muss es verschleudert werden. - Coco Chanel

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Marco Foscari
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Re: Der Obelisk (Bekanntmachungen)

Beitrag von Marco Foscari »

In der Nacht schleicht sich eine Gruppe junger Männer in dunklen Umhängen zum Obelisken, reißt Annoncen und jakobinische Propaganda ab, und macht genügend Platz für ein reaktionäres Propagandaplakat, dass die Palatiner am nächsten Morgen kaum übersehen können:
Der Affe. Ein Fabelchen

Ein Affe stekt' einst einen Hain
Von Zedern Nachts in Brand,
Und freute sich dann ungemein,
Als er's so helle fand.
„Kommt Brüder, seht, was ich vermag;
Ich, - ich verwandle Nacht in Tag!“

Die Brüder kamen groß und klein,
Bewunderten den Glanz
Und alle fingen an zu schrein:
Hoch lebe Bruder Hans!
„Hans Affe ist des Nachruhms werth,
Er hat die Gegend aufgeklärt.“
In dem Moment, da sich der Staat von seinen kulturellen Fesseln löst – der Kirche, zivilen Institutionen, Sitten und Bräuchen – wendet sich nicht nur der Bauer gegen den Adligen, sondern auch der Arme gegen den Reichen; aus Gleichheit vor dem Recht pervertiert die Vorstellung sozialer Gleichheit. Zuletzt wendete sich gar der Idiot gegen das Genie, weil dieser das Verbrechen begangen hat, anders zu sein als er selbst. - Vittorio Barzoni

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Campari
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Re: Der Obelisk (Bekanntmachungen)

Beitrag von Campari »

Die aristokratische Hydra

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Ganz deutlich kann man auf dem Plakat ein Ungeheuer erkennen, die "aristokratische Hydra" der Nobili. Einige Gesichter sehen denen von Michele di San Trovaso, Marco Foscari, Riccardo d'Alano, Adriano Braccioleone und anderen Cavalieri di San Leone zum Verwechseln ähnlich. Aber auch Mitglieder der Generalität und ein paar Stabsoffiziere - darunter Battista Braccioleone - sowie Flaggoffiziere der Marine - hier Valerio Mascarpone - sind ebenso gemeint.
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Re: Der Obelisk (Bekanntmachungen)

Beitrag von Maria Foscari »

Eine Klarisse schleicht sich am Morgen zu den verschiedenen Plakaten, führt ein Flugblatt unter ihrem Gewand. Als keiner hinschaut, die Leute größtenteils vom frühen Marktbetrieb, dem Aufstellen der Buden und mit der Sortierung der Waren beschäftigt sind, steckt sie das Blatt Papier über jakobinische Propaganda, und geht dann unbeachtet wieder in der Menge unter.

Aufklärung

Was soll ich thun, was soll ich glauben?
Und was ist meine Zuversicht?
Will man mir meine Zuflucht rauben,
Die mir des Höchsten Wort verspricht?
So ist mein Leben Gram und Leid
In dieser aufgeklärten Zeit.


Ein jeder schnitzt sich nach Belieben
Jezt selber die Religion;
Der Teufel, heißt es, ist vertrieben,
Und Christus ist nicht Gottessohn;
Und nichts gilt mehr Dreyeinigkeit,
In dieser aufgeklärten Zeit.


Die Taufe, das Kommunicieren,
Ist für die aufgeklärte Welt
Nur Thorheit wie das Kopulieren,
Und bringet nur den Priestern Geld,
Der Kluge nimmt ein Weib und freyt
Nach Art der aufgeklärten Zeit.


Der Ehebruch ist keine Sünde,
Noch weniger die Hurerey;
Und obs gleich in der Bibel stünde,
Steht doch der Galgen nicht dabey.
Drum ists galante Sittlichkeit
In dieser aufgeklärten Zeit.


Der Aufgeklärte folgt den Trieben,
Und diese sind ihm Glaubenslehr;
Was Gottes Wort ihm vorgeschrieben,
Das deucht ihm fabelhaft und schwer.
Dem Pöbel ist es nur geweiht
Und nicht der aufgeklärten Zeit.


Die Tugend sucht man zwar zu preisen,
Als die alleine selig macht;
Doch nur den Glauben zu verweisen,
Weil der uns unsre Laster sagt.
Und Laster suchet man nicht weit
In dieser aufgeklärten Zeit.


So liegt nun in dem Sündenschlafe
Das ganze aufgeklärte Land;[167]
Weil auch die ewge Höllenstrafe
Ist glücklich aus der Welt verbannt.
Denn jeder hofft Barmherzigkeit
In dieser und in jener Zeit.


So schreiben alle Antichristen,
Weil es dem Leichtsinn wohlgefällt;
Denn diese sind als Kanzelisten
Vom Satan selber angestellt:
Durch sie gewinnt der Teufel mehr,
Als wenn er selbst zugegen wär.


O laßt mich doch bei meiner Bibel,
Laßt mich in meiner Dunkelheit:
Denn ohne Hoffnung wird mir übel,
Bei dieser aufgeklärten Zeit;
Und ohne Hoffnung bin ich hier
Ein elend aufgeklärtes Thier.


Drum Thoren sprecht, ich mag nichts hören,
Verschonet mich mit eurem Gift;
Gesetzt, wenn es auch Fabeln wären,
Das, was ich lese in der Schrift;
So macht mich doch dies Fabelbuch
Zum Leben und zum Sterben klug.


Es spricht: Erwach vom Sündenschlafe,
Du thörigt aufgeklärtes Land;
Es naht die schwere Höllenstrafe,
Der böse Feind ist nicht verbannt;
Ich will euch lesen aus dem Buch
Im Unglück giebts mir Ruh genug.

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Campari
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Re: Der Obelisk (Bekanntmachungen)

Beitrag von Campari »

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Eindrucksvoll zeigt ein Plakat radikalliberaler Parteigänger, was diese von der Elite der Republik halten. Auf der rechten Seite sind nicht nur die Mitglieder der Signoria abgebildet, sondern auch bekannte Cavalieri di San Leone, reaktionäre und konservative Parlamentarier, sowie die Speerspitzen des Militärs.
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Adriano Braccioleone
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Re: Der Obelisk (Bekanntmachungen)

Beitrag von Adriano Braccioleone »

Schrein eines Jakobiners

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Auf dem Obelisken prangt nunmehr das Bild eines nicht ganz unbekannten, liberalen Dogenberaters, von dem die reaktionäre Gesellschaft überzeugt ist, dass er in Wirklichkeit die Errichtung einer Demokratie nach französischem Vorbild will. Einige gräßliche Putten mit den Gesichtern anderer liberaler Vertreter der "Illuminati"-Fraktion im Parlament sind ebenfalls abgebildet.

Der Jakobiner kniet vor einem Altar mit republikanischer Phrygiermütze auf der das Wort "Gleichheit" steht, flankiert von Büsten Robbespierres und Napoleons.

Der eigentliche Kult gebührt einer Tafel mit der Überschrift "Menschenrechte" die der Knieende offensichtlich verehrt. Darunter zählt u. a. das Recht, "anzubeten, was auch immer uns zu gefällt" oder "vor jeder Sache niederzuknieen, die wir gerade geschaffen haben und dazu ausgewählt haben", das Recht "zu töten" oder das "Recht auf Ehebruch".
In einer Revolution wie im Roman besteht der schwierigste Teil darin, sich das Ende auszudenken. - Alexis de Tocqueville

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