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Das Pulvermagazin

Verfasst: Donnerstag 14. Mai 2020, 13:41
von Die Signoria
Das Pulvermagazin

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Von außen erscheint es als kleines, mehreckiges Lager, das sich unscheinbar in der Nähe einer Mauer versteckt. Doch tatsächlich ist es so, dass es hinter der Türe steil in die Tiefe geht, in Spiraldecken und mehreren Tonnengewölben hinunter. Die europaweit bekannten Unglücke mit Schießpulver haben die Erbauer der Zitadelle veranlasst, ein Pulvermagazin zu bauen, das selbst bei einer Explosion so gut wie keinen Schaden anrichtet. Die Tonnengewölbe und die mehreren Ebenen sollen bei einer möglichen Explosion die Sprengkraft unterirdisch festhalten. Die Fässer können über einen Aufzug nach oben verfrachtet werden, der jedoch nach jeder Tätigkeit sofort wieder verschlossen wird. Schließlich könnte das hier gelagerte Schießpulver für Kanonen und Büchsen nicht nur die Cittadella, sondern auch San Pietro in Schutt und Asche legen.

Re: Das Pulvermagazin

Verfasst: Sonntag 27. Juni 2021, 16:06
von Matteo Salinguerra
Matteo lehnt mit dem Rücken gegen die Wand des Pulverhauses. Er merkt, wie der Wechsel ins Freie ihm gut tut. Er kann sein Buch viel besser studieren, kommt voran, blättert um, macht sich mit einem Kohlestift eine Notiz.

Dann atmet er wie resignierend aus.

Die Blätter im Heft flattern, als er seinen rechten Arm damit senkt. Er sieht geradeaus. Zur Kaserne der Carabinieri.

Er führt ein gutes Leben. Er hat viel vor. Prüfungen, Abschlüsse, Aufstiege. Er bereitete sich körperlich und geistig vor. Ein Salinguerra war nicht der Hölle der Manufaktur entronnen, nur, um jetzt eine ruhige Kugel zu schieben. Umso größer ist seine Desillusionierung, dass es niemanden gibt, der mit ihm studiert. Der mit ihm trainiert. Mit ihm voranschreitet. Jemand der ähnliche Ziele hat. Stattdessen spielten die Carabinieri auf seinem Raum Karten, tranken oder ... putzten.

Es war nicht das erste Mal, dass er es auf dem Mannschaftsraum nicht mehr aushält. Nicht nur wegen des Alkoholgeruchs. Er konnte mit seinen Kameraden zurechtkommen. Er konnte als Kaporal seine Autorität wahren, obwohl ein paar Männer älter waren als er selbst. Das war es aber nicht; es war vielmehr das Problem, dass er nicht durchdrang. Die Armee war ein Körper, der funktionieren musste. Aber irgendwie fühlte sich Matteo selten so einsam wie in einer Mannschaft. Es gab wenig, was ihn interessierte, und was zugleich die Männer auf seinem Mannschaftsraum interessierte. Im Grunde fast nichts.

Santa Trinità war Dreck. Aber es war Dreck mit Leuten, zu denen er Zugang finden konnte. Bei einigen Kameraden hatte er den Eindruck, dass sie nur hier waren, um ein neues Paar Stiefel oder etwas Besseres als Fischreste im Eintopf vorgesetzt zu bekommen - wenn sie überhaupt etwas bekamen. Sie begnügten sich mit dem einfachen Soldatenleben, ja, es juckte sie nicht einmal, wenn sie nicht befördert wurden.

So viele Menschenleben - so vergeudet!

Wie viele wertvolle Seelen lungerten dagegen in seiner dreckigen Heimat, die aber erstickt wurden, bevor sie sich entfalten konnten?

Matteo weiß nicht, was besser, was schlimmer ist.