Das Castello

Auf der Spitze des Palatin liegt die Festung San Vittorio, um die sich mittlerweile ein kleines Dorf gebildet hat. Aus dem Zentralbau der Festung, dem Castello, ist in den Jahrhunderten der Sitz des Dogen entstanden, der diesen kleinen Stadtteil Palatinas direkt regiert.
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Die Signoria
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Das Castello

Beitrag von Die Signoria »

Das Castello, der Sitz des Dogen von Palatina

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Das Castello ist der zentrale Bau der Festungsanlage. Von seiner militärischen Funktion ist allerdings nur noch wenig übrig. Unter dem Dogen Scipione Buonavista mit den damals modernsten Mitteln erbaut, ist das Castello heute – so, wie die gesamte Festung – aus militärischer Sicht komplett veraltet. Stattdessen hat sich das Castello in den letzten beiden Jahrhunderten immer mehr zum eigentlichen Sitz des Dogen von Palatina entwickelt. Bereits Tiberio Livio di Testabella e Braccioleone, der zweite Herr der Festung, verbrachte den Großteil seiner Amtszeit nicht mehr im Dogenpalast. Seine Nachfolger richteten den vormals rein funktionellen Bau nach ihren Wünschen ein. Der eine ließ einen Turm anbauen, der andere einen alten erhöhen. Wieder ein anderer erweiterte das Hauptgebäude um einen Nebenbau, sein Nachfolger wollte eine Galerie, der nächste ein opulentes Badezimmer. Um 1700 war es bereits Brauch, dass der Doge nur noch zu wichtigen Besprechungen der Signoria oder der Räte in den Dogenpalast kam, der in dieser Periode auch seinen alten Namen verlor. Die Sphäre der Exekutive war von da an das Castello, die Sphäre der Legislative der Palazzo della Serenissima.

Ab 1733, als die Dogen de facto entmachtet wurden, entwickelte sich das Castello umso mehr zur extravaganten Spielwiese alter Männer, denen langweilig war. Der Doge Tullio Sabbionetto entwickelte den Plan einer gewaltigen Treppe, für die er extra ein Treppenhaus bauen ließ, allerdings kein passendes Stockwerk für dessen Zugang hatte. Einer seiner Nachfolger, Giulio Poggetino, verlangte eine Pferderennbahn – in der dritten Etage. Selbst Capricorno XIV., der Dogenbock von Palatina, hatte es in seiner dreizehntägigen Amtszeit nicht verabsäumt, zumindest den Befehl zum Bau eines neuen Apartments zu geben, das in seiner extravaganten Kombination von nackten Stuckziegen mit vornehmlich überdimensionalen Eutern und einem simplen Heubett für Kritik vonseiten des Dogenberaters der Finanzen gesorgt hatte; besagter Dogenberater wurde nur wenig später auf die Hörner genommen und aus dem Fenster gestoßen.

Trotz dieser wenig erfreulichen Anekdoten sich andeutenden dekadenten Wahns ist das Castello eines der prachtvollsten Gebäude der Republik, das einem Herrscher des auslaufenden Rokokos zur Ehre gereicht. Die Hängenden Gärten des Ambrogio di Borghetto sind in der ganzen Toskana berühmt, und die privaten Räumlichkeiten entbehren keines noch so luxuriösen Wunsches. Einige behaupten, dass sich mit dem verbauten Blattgold alle Schulden der Republik bezahlen ließen. Die langen Gänge sind gefüllt mit Gemälden von Dogen und ihren Beratern, berühmten historischen Episoden und exquisiten Statuen und Kunstwerken aus Metall aus den letzten 350 Jahren palatinischer Geschichte. Tatsächlich hatten sich einige Patrizierdogen nur dazu überreden lassen, die Marionette des Parlaments zu spielen, weil sie Aussicht darauf hatten, in diesem Dogenpalais ihren Lebensabend verbringen zu dürfen.
Wissen Sie, warum die europäische Gesellschaft stirbt? Sie stirbt, weil sie vergiftet worden ist. Sie stirbt, weil Gott sie geschaffen hatte um mit der katholischen Substanz ernährt zu werden und weil Kurpfuscher ihr die rationalistische Substanz als Nahrung verabreicht haben. Die einzelnen Menschen können sich noch retten, weil sie sich immer retten können. Aber die Gesellschaft ist verloren, nicht deshalb, weil ihre Rettung eine radikale Möglichkeit an sich darstellt, sondern weil die Gesellschaft meiner Überzeugung nach ganz offenbar nicht gerettet werden will. - Juan Donoso Cortés

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Marco Foscari
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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Türen knarren auf dem Korridor. Das Geräusch verrät Gravität. Es war Holz, das schon damals, als es gefällt worden war, um seine Zukunft wusste. Irgendwann damals, als der letzte Baum des Kleinen Laubwaldes einer alanischen Axt zum Opfer gefallen war. Es ging die Legende, dass die fein verzierte Doppeltüre, die um 1700 einen anderthalb Jahrhunderte alten Vorgänger ersetzte, aus dem letzten Holz jenes Waldes geschnitzt worden war, der sich zwischen Amor-See und Palatina erstreckt hatte. Foscari kannte sie zu gut.

Eine alte Eiche soll auf einem Hügel gethront haben. Der letzte Baum eines Waldes, der schon im 17. Jahrhundert kein Wild mehr kannte, weil man alle seine Tiere erlegt hatte; aus dem zuvor schon Suppenpapageie und Hermeline geflohen waren. Ein Wald, wo es bereits in den letzten Jahrzehnten kein Feuerholz mehr gab, weil jeder sich daran bediente, und weil San Trovaso wie auch das neu gegründete Villanuova wuchsen und ihre Einwohner Baumaterial für sich beanspruchten. Doch die alte Eiche hatte sich gewehrt. Man hatte versucht, ihre Wurzeln zu schlagen, doch sie waren tief im Erdreich verankert gewesen und hart wie Stein. Sie stand deswegen, weil es einfacher war, die Bäume um sie herum zu entfernen. Und so stand sie einsam auf den Hügeln, als Zeugnis und Mahnung.

Aber gerade weil diese Eiche so außergewöhnlich, so widerständig, so prächtig und alt gewesen war - weckte sie Begehrlichkeiten. Tischler boten Höchstpreise, weil sie davon träumten, die legendäre Eiche des verlorenen Laubwaldes zu einem Kunstwerk zu verarbeiten. Und wenn der Doge von den Zinnen der Burg in die Ferne schweifte, dann war es die einsame, wuchtige Eiche, die er in der Ferne sah und sich als Baum am Horizont an schönen Tagen zeigte. D'Alano, der selbst aus einer Familie stammte, die einst das Tischlerhandwerk erlernt hatte, beanspruchte als Doge bald diesen letzten Baum für sich. Aber anders, als seine Diener dachten, hatte er den Baum nicht fällen lassen wollen; er träumte davon, sie für folgende Generationen zu erhalten und als Dogenbesitz zu reklamieren. Doch als er sagte, dass ihm nichts so wichtig sei wie dieser Baum, fasste der Hof den Spruch völlig konträr auf. Sie dachten, der Doge beanspruchte den Baum, damit kein anderer ihn haben könnte - und fällten ihn, im falschen Glauben, der Doge wollte sich ein Möbelstück daraus fertigen.

Zu seinem Schrecken musste der Doge bei seiner Geburtstagsfeier erkennen, was geschehen war, als man ihm im Festungshof den gefällten Baum vorführte, gezogen von acht Rössern und in Begleitung eines Dutzends Holzfäller, die es für diese Unternehmen gebraucht hatte. D'Alano soll an dem Boden in die Knie gegangen, und unter Tränen gesagt haben: "Vale, Vale, gib mir meine Eiche wieder!"*

Daraufhin ließen die besten Holzfeinwerker der Republik Kunstwerke aus der Eiche anfertigen. So das große Portal innerhalb der Festung, das den Sitzungssaal der Signoria von der Außenwelt schied. Auf der die großen Szenen der Republik in Erinnerung gerückt wurden. Geschnitzte Gesichter von Senatoren, die den ersten Dogen kürten. Die Gründung des Großen Rates. Die Abwehr des Kaisers bei der Schlacht in den Hügeln. Der Friedensschluss zwischen Palatina und Toskana unter Vermittlung des Papstes.

Foscari bleibt vor dem Eichenholz stehen. Es wirkt, als habe der Baum um sein Schicksal gewusst, als Überbleibsel vergangener Zeiten zugleich vergangene Zeiten zu verklären. Es war nur eine von tausend Kuriositäten im Castello. Aber es war eine, die durch das hundertfache Knarren jeden Tag in Erinnerung rief, wie ein falsches Wort Schicksale besiegelte.

Seine Hand fährt kurz über das Holz.


Heute ... wie gestern.

Und betritt dann den Sitzungssaal der Signoria.
________________
*Vale, der Spitzname des Hauptholzfällers Valentino.
In dem Moment, da sich der Staat von seinen kulturellen Fesseln löst – der Kirche, zivilen Institutionen, Sitten und Bräuchen – wendet sich nicht nur der Bauer gegen den Adligen, sondern auch der Arme gegen den Reichen; aus Gleichheit vor dem Recht pervertiert die Vorstellung sozialer Gleichheit. Zuletzt wendete sich gar der Idiot gegen das Genie, weil dieser das Verbrechen begangen hat, anders zu sein als er selbst. - Vittorio Barzoni

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Marco Foscari
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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Vom Uhrenturm schlagen die Mittagsglocken. Das prächtige Lapislazuli des Ziffernblattes strahlt durch ein großes Renaissancefenster in den weitläufigen Flur. Zwischen Sternen und Planeten glitzern goldene Tierkreiszeichen. Die Uhrzeiger deuten nicht nur Stunde und Minute, sondern auch den Monat an. Es war eine Spielerei, die sich der Doge Leone Semifreddo gegönnt hatte. Ein funktionslos gewordener Wehrturm diente nun als nützlicher Schmuck.

Als die zwölfte Glocken verklingt, verlassen die Mitglieder der Signoria den Saal. Ludovico Carmagnola, der Dogenberater des Wohlstands, ist wie so häufig der erste. Er geht so eilig durch den Flur, dass dieser schon leer ist, als Foscari nachfolgt, seine Arme streckt - und durchatmet. Er verschränkt die Hände hinter dem Rücken, stellt sich ans Fenster, schaut zum Uhrenturm, der die ganze Front am Ende des Korridors einnimmt. Die Gemälde zweier Dogen und die blau-goldenen Stadtbanner flankieren ihn.

Carmagnola hatte es immer eilig. Er galt als letzter Liberaler unter Reaktionären und Konservativen. Er hatte die Hand auf der Staatskasse und wusste sie gegen die Cavalieri zu verteidigen. Der Vorstoß, einen Kanal zu bauen, der San Trovaso mit dem Amor-See verbinden würde, und von dort über den Leocorno-Kanal und Ponte Capuletti bis zum Rio und dem Meer - abgelehnt. Die Idee, von der britischen Navy ein neues Schiff zu erwerben - abgelehnt. Ein Gesetz zur besseren Unterstützung des Militärhospitals von San Pietro - abgelehnt. Michele nannte ihn verächtlich "Signore No". Den wirtschaftlichen Sachverstand mochte ihm keiner der Signori absprechen. Aber heute - heute war etwas anders gewesen.

Denn eigentlich hatte der letzte Tagesordnungspunkt durchaus finanzielle Implikationen, die Carmagnola entgegen kamen. Doch auch hier blockierte der liberale Gegner. Aus reinem Prinzip. Es war ein ideologischer, kein pragmatischer Punkt. Die Verpachtungsrechte an der Isola Tiberina, welche die Briten derzeit hielten, würden noch ein großes Problem werden. Nicht nur in der Signoria, sondern erst recht im Parlamento. Selbst einige Serenissimi könnten bei dem delikaten Thema aus der Reihe tanzen.

Foscari schnaubt deutlich hörbar aus. Erst die Hälfte des Tages war um, und Gott allein wusste, welcher Ärger ihm noch bevorstehen würde. An Castello-Tagen war es stets dasselbe. Als Dogenberater der Città Antica galt er als primus inter pares unter den Consiglieri. Das hieß: er nahm eine besondere Rolle gegenüber dem Dogen ein, und unterrichtete ihn über die wichtigsten Belange, bevor sie darüber verhandelten. Dass er bereits eine Viertelstunde nach Acht zugegen war, obwohl die Sitzungen erst um Neun anfingen, hing damit zusammen, dass er 40 Minuten davor mit ihm Tagesordnung und Tagesplanung durchging. Michele war erst seit wenigen Monaten im Amt, zeigte sich vorsichtig gegenüber der Macht und ihren Herausforderungen, wollte eher abwägen, bevor er zur Tat schritt. Manchmal - so hatte Foscari den Eindruck - konnte er nicht von seinem alten Leben lassen. Musste warmwerden. Hatte noch kein Gespür dafür, was es hieß, der mächtigste Mann im Staat zu sein. Er tarierte wohl noch aus, ob ein gemeinsames, statt ein konfliktreiches Vorgehen der ganzen Signoria möglich war.

Für Foscari hatte sich die Sache vom ersten Tag an erledigt. Er war der einzige Reaktionär unter den vier Consiglieri. Es brauchte mindestens einen der beiden Konservativen, um zu einem Entschluss zu kommen. Mit Carmagnola würde es nie Frieden geben. Das hatte die Debatte um die Mandragola-Affäre ganz deutlich gezeigt.


So viel Ärger um ein Stück Land, das nur etwas größer ist als ein Exerzierplatz ...
In dem Moment, da sich der Staat von seinen kulturellen Fesseln löst – der Kirche, zivilen Institutionen, Sitten und Bräuchen – wendet sich nicht nur der Bauer gegen den Adligen, sondern auch der Arme gegen den Reichen; aus Gleichheit vor dem Recht pervertiert die Vorstellung sozialer Gleichheit. Zuletzt wendete sich gar der Idiot gegen das Genie, weil dieser das Verbrechen begangen hat, anders zu sein als er selbst. - Vittorio Barzoni

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Battista Braccioleone
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Re: Das Castello

Beitrag von Battista Braccioleone »

Battista geht entschlossenen Schrittes durch das schwere Eichenportal. Man merkt es ihm nicht an, doch innerlich ist er ärgerlich angespannt, als er als einer der letzten den Saal verlässt.

Unglaublich was alles in diesen Sitzungen diskutiert werden musste! Und unglaublich wie uneinig man sich in den einfachsten und offensichtlichsten Fragen war! Battista schüttelt innerlich den Kopf, sein Blick aber ist starr geradeaus den Gang hinab, an dessen Ende er Dogenberater Foscari an einem Fenster stehen sieht.

Die Sache mit der Insel war eindeutig. Die Briten hatten die stärkste Marine, das Verhältnis war äußerst gut und angesichts der aktuellen Lage mit der französischen Bedrohung konnte es keine bessere Möglichkeit für die Tiberina als eine erneute Pacht durch die Engländer geben. Ja verdammt, sie würden sogar dafür Geld zahlen, dass eines ihrer Kriegsschiffe indirekt auch Schutz für Palatina bot. Unglaublich, wie dieser aufgeblasene Carmagnola soetwas ablehnen konnte.

In diesen Momenten ist er besonders froh, nicht Teil der politischen Ränkespiele zu sein. Andererseits... einzig als Berater an den Sitzungen teilzunehmen und keinerlei Möglichkeiten zu einem direkten Eingriff zu haben konnte wie er nun feststellen musste auch zermürbend sein. Vielleicht hatte der Generale ihn deshalb geschickt, weil er der unendlichen Streitereien müde war, an denen man doch nichts ändern konnte.

Battista ballt unauffällig eine Faust beim Gehen. Er würde sich nicht so einfach geschlagen geben. Mochte er kein Stimmrecht haben, sehrwohl aber eine Stimme.

Er hatte nach der Sitzung nocheinmal aus militärischen Gesichtspunkten auf den Dogen eingeredet, doch war es fraglich, ob der junge Kerl sich wirklich seiner ganzen Verantwortung bewusst war. Seiner Verantwortung gegenüber PALATINA - nicht gegenüber seinen politischen Ämtern.
Dadurch unterscheidet sich der vorausdenkende Staatsmann von dem schwatzenden Pöbel oder der Leidenschaft der Partei, daß er die Elemente der Gefahr von Ferne erkennt und ihnen vorzubeugen sucht.
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Marco Foscari
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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Die letzte Eiche des Kleinen Laubwaldes gibt ein donnernderes Geräusch als sonst von sich.

Schlagartig dreht sich der Foscari zur Seite, sieht den Braccioleone, der durch den Korridor marschiert. Marschiert - das war das richtige Wort. Im Gegensatz zu Carmagnola, der über den Flur schlich, wirkte der Generalsvertreter deutlich zackiger. Battista gehörte zu den Leuten, die man nicht übersehen konnte, selbst wenn er mitten auf dem Marktplatz zwischen Buden und Ständen unterwegs gewesen wäre. Foscari dreht sich mit dem Rücken zum Fenster, in Richtung des Braccioleone, nimmt eine Haltung ein, als erwartete er ihn.

Battista war zu ehrlich. Nach außen hin ließ er sich vielleicht nichts anmerken. Aber Foscari kann aus mehreren Gründen erahnen, dass es in ihm brodeln musste. Die männlichen Braccioleone waren zwar dafür bekannt, keine Frohnaturen zu sein, und höchstens zwischen verachtungsvoller Kühle und unnachgiebiger Härte zu schwanken. Aber Battistas Schritt macht deutlich, dass er hier weg wollte; nicht nur aus der Sitzung, sondern ziemlich weit weg.

Andererseits: die Mentalität. Ein Soldat gehorchte. Aber er mochte Geradlinigkeit in den Befehlen. Man wollte sich kaum vorstellen, wie die Streitereien zu Zeiten der Dritten Republik gewesen waren, als jeder gegen jeden stand! Für den Militär musste das eine Zumutung sein. Denn tatenlos zuzuschauen, wie Dinge entscheiden wurden, ohne selbst entscheiden zu können - das musste die Hölle sein.


Ser Braccioleone - habt Ihr einen Moment Zeit für mich?

Er neigt das Haupt fragend zur Seite. Im ersten Moment glaubt der Dogenberater, dass ihn Braccioleone vielleicht übersieht, so geradeaus und zielgerichtet ist sein Blick.

Mir ist Eure Expertise nicht entgangen ...
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Battista Braccioleone
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Re: Das Castello

Beitrag von Battista Braccioleone »

Battistas Blick richtet sich von Unendlich auf den Dogenberater, bleibt aber zunächst genau so ausdruckslos. Seine hellen Augen fixieren den Mann, auf eine durchdringende, nicht herablassende, aber entschlossene Weise, die die kurze Unsicherheit in seinen eigenen Gedanken verbirgt. Was konnte der Foscari wollen? Wollte er selbst nun wirklich mit diesem reden? Foscari war einer der wenigen, der sich für den Erhalt der Insel als britischen Stützpunkt einsetzte; insofern: Vermutlich ja.

Sein Brustkorb hebt sich unter einem leichten Einatmen, der starre Blick weicht unter einem Anflug von Interesse leicht gehobenen Augenbrauen und einem trockenen, symbolischen Lächeln bei geschlossenen Lippen. Es ist kein falsches Lächeln, doch es ist eher eine Geste als ein echter Ausdruck von Freude.


Aber selbstverständlich.

Erwidert er mit einer beinahe fröhlichen Stimme die im selben Maße symbolhaft ist wie das Lächeln. Fügt dann etwas gelassener hinzu:

Ich gebe mein Bestes.

Er geht am Foscari "vorbei", bis heran an das Fenster, aus dem er für einen Sekundenbruchteil herausblickt, wendet sich dann links zu seinem gegenüber

Wie kann ich Euch helfen?
Dadurch unterscheidet sich der vorausdenkende Staatsmann von dem schwatzenden Pöbel oder der Leidenschaft der Partei, daß er die Elemente der Gefahr von Ferne erkennt und ihnen vorzubeugen sucht.
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Marco Foscari
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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Als Dogenberater des Äußeren, der vielleicht nicht so weltmännisch ist wie manch kaufmännischer Patrizier, aber der zumindest mitbekommen hat, wie brüchig und kostbar die öffentliche Ordnung ist, bin ich immer geneigt, die Lösung zu bevorzugen, die den Staat erhält statt ihn in Gefahr zu bringen.

sagt er ziemlich deutlich durch die Blume, dass Carmagnola ein Hanswurst ist, der seinen Geldschrank nie verlassen hat, keine Ahnung hat, wie es draußen ausschaut und erst recht keine Prioritäten setzen kann, wenn es um das Wohl der Republik geht.

Tiberina ist ein wertvolles Pfand. Ich bin zwar immer der Meinung gewesen, dass man sich keine starken Mächte vor die Haustüre holen sollte, weil sie dann einen zu erwürgen drohen; aber die Briten würden sich nie in italienische Angelegenheiten einmischen, dazu liegt ihnen viel zu viel am guten Verhältnis mit Österreich.

Foscari faltet die Hände, schaut ebenfalls durch das Fenster. In den Gärten des Innenhofes pflanzen Mädchen ein neues Beet, schneidet ein Gärtner die Buchsbaumhecken, die das Feld umgeben. Ein Gartenkünstler schneidet aus einem Buchsbaum ein sich aufbäumendes Hermelin.

Der Dogenberater beobachtet den Vorgang.


Die Insel tut das, was die außenpolitische Direktive von Alboina Vargazza war: die Insel hält die Briten drin, die Franzosen draußen und die Toskana unten. Ohne das freundliche Verhältnisse zwischen London und Palatina sind wir wieder allein auf päpstlichen Ausgleich angewiesen. In einer Zeit, in der niemand mehr auf Rom hört.

Mit verschränkten Armen dreht er sich zum Braccioleone. Seine Augen sind kühl. Abgeklärt. Es ist der Blick eines Mannes, der ein Komplott vermutet. Mindestens eine Verschwörung gegen die Republik.

Ich bin daher der Überzeugung, dass am Schicksal Tiberinas nicht nur das Schicksal der Briten in Palatina, sondern unsere nackte Existenz hängt. Und ich fürchte, genau so sieht es Carmagnola auch. Aber er sieht nicht die Existenz Palatinas - sondern die Existenz dieser Regierung.

Foscari kommt langsam zu der entscheidenden Wende. Denn für ihn war es kein Zufall, was hier passierte. Carmagnola war nicht nur der Dogenberater der Parlamentspartei der Illuminati, sondern auch Interessenvertreter der Freimaurerei. Es war ziemlich sicher, dass es Verbindungen gab. Verbindungen, die dazu da waren, um das Regime der Cavalieri di San Leone schneller zu Fall zu bringen, als es aufgestiegen war.

Ihr habt da doch diese neue Truppe ... wie hieß sie noch gleich ...

schauspielert er, tippt sich mit den Fingern gegen die Wange, schnalzt mit der Zunge, als fiele es ihm wirklich nicht ein - obwohl es ganz offenbar ist, dass er von Battista verlangt, seine eigenen Schlüsse zu ziehen, was Foscari tatsächlich beabsichtigen könnte.
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Battista Braccioleone
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Re: Das Castello

Beitrag von Battista Braccioleone »

Battista schaut den Dogenberater interessiert aber starr an, nur ein ganz leichtes Lächeln umspielt seine Mundwinkel, die Augen sind nüchtern auf das Gesicht des Foscari gerichtet, zeigen sich von dessen Ratespiel unbeeindruckt.

Carabinieri.

sagt er schließlich tonlos.


Meine Männer halten die militärische und zivile Ordnung aufrecht...

jetzt erhellt doch ein freundliches Lächeln seine Züge; der nüchterne Augenausdruck hingegen weicht dem eines Habichts, der Beute ausgemacht hat

und stellen sie wo nötig wieder her.

Der Punkt hinter diesem Satz ist beinahe hörbar. Er nimmt dann eine deutlich entspanntere Haltung ein, verfällt beinahe in einen freundlichen Plauderton.


Wir haben moderne Waffen und ich sorge dafür, dass jeder einzelne Mann erstklassig ausgebildet ist um gegen Unruhestifter jeglicher Art vorzugehen.
Berichtet er als, redete er vom Kuchenbuffet im Casino.

Und wir sind befugt diese Ausfindig zu machen und...

Hinweisen aus der Bevölkerung nachzugehen.
fügt er dann gedehnt hinzu, schließt den Satz mit einem zufriedenen Strahlen ab, dass gar nicht zum schneidenden Unterton der Aussage passen will.

Ihr interessiert Euch für die Truppe?
fragt er dann wieder beinahe kindlich naiv und strahlt den Foscari mit einem zufriedenen Lächeln an, dass deutlich macht, dass man sich vermutlich längst einig war, der Form nach aber harmlos über den eigenen Alltag plauderte.
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Marco Foscari
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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Carabinieri ...

Foscari betont jede einzelne Silbe mit einem freundlichen, wie gerissenen Unterton, der deutlich macht, wie sehr er diese Einrichtung schätzt. Er macht eine Handbewegung.

Begleitet Ihr mich ein Stück?

Der Dogenberater geht durch den Korridor, die Hände hinter dem Rücken.

Die Zitadelle hatte seit ihren Anfängen nicht nur den Schutz nach außen, sondern auch den Schutz nach innen zur Aufgabe. Damals, als die Republik Anfang des 18. Jahrhunderts immer mehr in die Wirtschaftskrise taumelte, und die Währung sich so verschlechterte, dass man Revolten fürchtete. Damals war für die Führung des Landes klar, dass San Pietro ein möglicher Unruheherd war.

Die beiden Nobili gehen an einem Spiegel vorbei, der kurz das Profil des Foscari und des Braccioleone fixiert. Im Augenwinkel erspäht der Dogenberater einen Kollegen, der durch einen Marmorbogen in einen anderen Trakt des Castello verschwindet.

Wer hätte damals gedacht, dass nicht San Pietro, sondern San Paolo ebenso viel Aufmerksamkeit fordern würde? Ich bin sicher, Ihr seid über die Epizentren der revolutionären und frankophilen Strömungen im Bilde.

Der Foscari gibt einen leisen Seufzer von sich.

Natürlich kann man einen Dogenberater nicht einfach so wegen jakobinischer Umtriebe verhaften. Nicht nur juristisch, sondern auch politisch wäre es blanker Selbstmord. Aber wir leben in einer Zeit des Wortes und der Presse, Messer Braccioleone. Ein Skandal hat schon mehr Köpfe gekostet als die Guillotine. Etwa, wenn man direkte Bezüge aufdeckt, die in - sagen wir - neutraler, sachlicher Berichterstattung der loyalen Medien aufgearbeitet werden ...
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Re: Das Castello

Beitrag von Battista Braccioleone »

Battista schreitet neben dem Foscari her, den Blick entspannt-nachdenklich vor seine Füße gerichtet, die Hände ebenfalls hinter dem Rücken verschränkt. Ab und an wandert er zu seinem Gesprächspartner herüber, hört ihm aufmerksam zu.

Natürlich ist längt klar, worauf der Dogenberater hinaus will. Carmagnola konnte aufgehalten, oder zumindest sabotiert werden, wenn es gelang diesem revolutionäre Umtriebe nachzuweisen. Und natürlich würde Battista in diese Richtung ermitteln lassen können.

Andererseits war die Lage immer noch häufig unklar. Revolutionäre Umtriebe und "frankophiles" Gedankengut wie der Foscari es ausdrückte, gab es an allen Ecken und Enden. So lange er aber keine belastbaren Beweise oder begründete Vermutungen zu Handlungen wenigstens an der Grenze zu Legalität hatte, konnte auch er nicht einfach jemandes Haus auf den Kopf stellen oder gar den Betreffenden verhaften lassen.

Genau genommen konnte er schon.
Aber er würde dies womöglich nicht mehr lange können, wenn er sich zu weit aus dem Fenster lehnte. Seine Befugnisse waren bereits umfassend, es wäre töricht durch Maßlosigkeit eine Einschränkung dieser zu provozieren. Es galt also die Macht die er in diesen Dingen hatte wohl dosiert einzusetzen.


Ich bin wie gesagt ein Mann der Ordnung, Ser.
entgegnet Battista schließlich mit immer noch leicht amüsiertem Unterton.

Selbstverständlich würde ich niemals irgendwen einfach so wegen haltloser Anschuldigungen verhaften lassen.

Die Botschaft hinter dieser Aussage ist deutlich: Battista würde sein Möglichstes tun allen Revolutionären, seien sie Fabrikarbeiter oder Dogenberater, das Wasser abzugraben. Doch er brauchte Hinweise, Aussagen, Fakten, an denen sich ein ermittlerischer oder zugreifender Hebel ansetzen ließ.
Vielleicht würde der Foscari ihm etwas liefern. Ansonsten wäre es in jedem Fall ratsam, seinen Bruder hinzuzuziehen, auch wenn es ihm bei dem Gedanken nicht behaglich ist, diesen quasi um Hilfe zu bitten. Außerdem lief man bei Adriano stets Gefahr, vom Anwender zum Werkzeug zu werden, ohne es selbst zu bemerken. Das versuchte er stets tunlichst zu vermeiden und dabei war es vollkommen egal, ob es sich bei den Bemühungen der Brüder um das gleiche Ziel handelte. Adriano war und blieb immer noch der kleinere Bruder. Und als solchen galt es dessen ständige Bemühungen um Kontrolle im Zaum zu halten.

Auf Adriano konnte man sich verlassen,...
und ihm genau so wenig vertrauen.


Ihr habt ganz Recht was San Paolo angeht. Es ist wie ein Ameisenhaufen. Wo immer man hineinsticht fördert man ein Gewirr aus Umtrieben und Verflechtungen zu Tage. Das Treiben ist jedoch so emsig, dass es uns bei der Vielzahl an Verstrickten bisher nur selten möglich ist einzelne Verantwortliche zu identifizieren, wenn Ihr versteht...
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