Das Castello

Auf der Spitze des Palatin liegt die Festung San Vittorio, um die sich mittlerweile ein kleines Dorf gebildet hat. Aus dem Zentralbau der Festung, dem Castello, ist in den Jahrhunderten der Sitz des Dogen entstanden, der diesen kleinen Stadtteil Palatinas direkt regiert.
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Marco Foscari
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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Braccioleone versteht. Nichts anderes hatte er erwartet. Battista hatte kein Stimmrecht, aber er war eine Stütze - und eine ausführende Kraft. Das Militär hatte als - im wahrsten Sinne des Wortes! - Exekutive in den letzten Jahrzehnten den Laden zusammengehalten. Es war an der Zeit, dass das Militär nicht nur das Nötigste für die Regierung tat, sondern hilfreich die Feinde der Republik dahin zurückschlug, wo sie hingehörten.

Foscari hasste nicht. Er liebte Palatina. Und weil er Palatina so sehr liebte, würde er die zerschmettern, welche die Liebe der Republik so herzlos verschmähten. Im Zweifelsfall mit Kugeln und Pulver. Palatina stand seit 2.117 Jahren. Es hatte seine Kinder gesäugt wie ein liebevolles Hermelin seine Jungen an den Zitzen. Aber es gab undankbare Kinder. 60 Jahre lang hatte die Dritte Republik vortrefflich gezeigt, wie man ein Land nicht regierte. Aber statt zu lernen und umzukehren - gaben sich diese Utopisten dem nächsten Wahnsinn hin.

Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Bewegungsfreiheit, Versammlungsfreiheit - was war die Beschneidung dieser Freiheiten gegen den blutigen Platz der Republik von Paris, wo die Guillotine unablässig hinabrasselte? "Wer Freiheit zugunsten der Sicherheit aufgibt, verliert beides" - ein liberaler Poesielbumsspruch! Wer nicht bereit war, aus Staatsräson die Freiehit unter die Guillotine zu legen, musste selbst mit seinem eigenen Blut bezahlen - und dem zehntausender.

Man musste nicht in Paris gewesen sein, um das zu verstehen. Man musste nicht gesehen haben, wie Priester ermordet wurden, einfach, weil sie Priester waren. Man musste nicht erlebt haben, wie die Revolutionäre mal die einen, dann die anderen politischen Gegner töteten.

Aber man musste erlebt haben, wie ein Marat, ein Widerling durch und durch und eines der Idole der Revolution, in seinem Schmierenblatt gegen ein Genie wie Antoine Laurent de Lavoisier gehetzt hatte. Einen verdienten Wissenschaftler, ein echter Freigeist, ein Entdecker und Erfinder, wie ihn Frankreich in hundert Jahren hervorbrachte. Mit welcher Nonchalance man ihn ruiniert, zermürbt, gedemütigt hatte. Wie all diese Aufklärer, Freigeister, Liberalen, all diese Menschenfreunde - zuletzt jemanden geköpft hatten, der um so viel größer, edler, klüger und vobildlicher gewesen war. Lavoisier war das Ideal dessen, woran die Aufklärer glaubten.

Sie hatten ihn kaltblütig ermordet. Ermordet in Sekunden, eine einzelne Zahl zwischen tausenden, eine Ziffer im Mahlsystem des Wahnsinns.

Und Foscari war bereit, die Methoden Marats anzwuenden, um einen Marat zu verhindern.


Das Kaffeehaus.

Sagt er dann, als füllten diese zwei Worte alles aus, was der Dogenberater ausdrücken will.
In dem Moment, da sich der Staat von seinen kulturellen Fesseln löst – der Kirche, zivilen Institutionen, Sitten und Bräuchen – wendet sich nicht nur der Bauer gegen den Adligen, sondern auch der Arme gegen den Reichen; aus Gleichheit vor dem Recht pervertiert die Vorstellung sozialer Gleichheit. Zuletzt wendete sich gar der Idiot gegen das Genie, weil dieser das Verbrechen begangen hat, anders zu sein als er selbst. - Vittorio Barzoni

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Battista Braccioleone
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Re: Das Castello

Beitrag von Battista Braccioleone »

Das Kaffeehaus.
Natürlich das Kaffeehaus.

Hier tummelte sich alles was sich irgendwie für revolutionär hielt. Dass der Foscari es aber nun so erwähnte, deutete darauf hin, dass es hier vermutlich mehr aufzudecken gab, als nur ein paar Jakobiner beim Kaffeeklatsch. Er hatte bereits vor ein paar Tagen einen seiner vielversprechendsten Leutnante sozusagen dorthin abkommandiert und bereits erste pikante Informationen erhalten. Offenbar zweigte jemand in der Fabrik Schwarzpulver ab, um es über verschiedene Mittelsmänner weiter zu reichen. Wohin genau, das hatte er noch nicht herausgefunden.

... aber er würde es!

Battista nickt zustimmend.


Einer meiner jungen Offiziere hat mir erst neulich berichtet, dass es dort ganz exzellenten Kaffee geben soll.

Deutet er an, bereits an der Sache dran zu sein. Ärgerlicher Weise war das Kaffehaus genau diese Art von unübersichtlichem Ameisenhaufen, in die man lieber nicht zu früh hineinstechen wollte, wenn man sicher gehen wollte die Königin zu erwischen und nicht nur ein paar Arbeiterinnen zu erschlagen.
Dadurch unterscheidet sich der vorausdenkende Staatsmann von dem schwatzenden Pöbel oder der Leidenschaft der Partei, daß er die Elemente der Gefahr von Ferne erkennt und ihnen vorzubeugen sucht.
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Marco Foscari
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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Es gibt ein Leck, Ser Braccioleone. Und ich bin sicher, es handelt sich um ein Kaffeeleck.

Foscari hatte für einen Moment auf dem Korridor eingehalten. Doch jetzt geht er weiter. Da ist ein Vorfall von gestern, der ihn immer noch umtreibt. Es war nicht so sehr das Plakat. Sondern das, was das Plakat bedeutete. Pamphlete und Propaganda gehörten zur Tagesordnung. Aber das, was er gesehen hatte, beinhaltete mehr. Eine Information, die man eigentlich nicht besitzen konnte. Außer, man gehörte dem Geheimdienst der Republik an.
Oder hatte die Information vom Chef des Geheimdienstes.


Ihr erinnert Euch an unsere gestrige Sitzung. Ich berichtete über den Zusammenzug von französischen Truppen in der Nähe von Nizza. Exklusive Informationen. Geheime Informationen. Informationen von staatstragender Bedeutung, die man nicht so einfach in die Hände bekommt. Außer den Consiglieri, dem Dogen und Euch weiß nur noch Euer Bruder davon. Niemand sonst.

Der Blick des Dogenberaters verdüstert sich. Er schaut nach vorne.

Gestern, nach dem Opernbesuch, fand ich ein Plakat vor. Revolutionspropaganda. Nichts Ungewöhnliches. Aber es war da ein Satz drin. Einer, der mich überraschte. Weil er bedeutete, dass jemand schwätzt. "Die Revolution ist unaufhaltsam und kommt jeden Tag näher, mit dem die Franzosen ihren Stiefel auf italienischen Boden setzen", hieß es darin.

Er schaut zum Militär.

Wie ist zu erklären, dass eine Information, die am Morgen nur sieben Leuten kannten, am Abend bereits dahergelaufenen Jakobinern in die Hände geraten ist? Ein Plakat ist schnell gedruckt, aber es braucht Vorlauf. Mindestens Nachmittag, wenn nicht Mittag.

Foscari greift in die Innenseite seines Obergewandes. Zeitungspapier kommt zum Vorschein. Eine frisch gedruckte Ausgabe, offensichtlich vom heutigen Morgen. Battista zeigt sich das Titelblatt. Darauf die Schlagzeile:
"Französische Truppen überqueren die Alpen".


Und wie kann es sein, dass der "Libero" heute Morgen dazu einen Aufmacher schreiben kann?

Der Dogenberater macht keinen Hehl aus seinen Vemrutungen. Deutlicher kann er nicht mehr werden: seiner Ansicht nach hat Carmagnola diese Geheiminformation an seine liberalen Alliierten weitergegeben. Die Redaktion des "Libero", des führenden Blattes der Jakobiner, Aufklärer und anderen liberalen Anhangs war bis heute unbekannt. Aber dass es direkte Verbindungen zum Kaffeehaus gab, war ein offenes Geheimnis. Vielleicht hatte Carmagnola diesmal zu viel riskiert. Wenn man nachweisen könnte, dass es eine Verbindung gab, Geheimnisse aus der Signoria weitergab ...
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Re: Das Castello

Beitrag von Battista Braccioleone »

Mein Bruder?
Battista hebt interessiert eine Augenbraue. Warum wusste Adriano nun schon wieder davon? Ja, natürlich, er war mit dem Foscari eng verbunden, aber dennoch...
Es ist ausgeschlossen, dass Adriano die Information missbräuchlich verwenden würde, trotzdem sollte er ihn auf diese Sache ansprechen. Er musste heute sowieso noch mit ihm reden...

Battista drängt den Gedanken über das eigentliche Gesprächsthema beiseite, hört Foscari weiter zu.

Das Gesicht des Braccioleone verfinstert sich.


Ja, das Plakat liegt mir seit gestern Nacht auch vor.

Doch es ist nicht nur das Plakat, dass seinen Ausdruck trübt. So sehr er sich ohnehin über Carmagnola ärgerte: Politische Differenzen sind das eine. Dass der Mann womöglich auf derartige Weise sein Amt missbrauchte, nein, es verriet, Informationen an derartiges Volk weitergab...

Hieraus ergaben sich nun gleich zwei Gründe diesem Dogen"Berater" und dem Kaffeehaus DEUTLICH auf den Zahn zu fühlen. Chiodo war dort schon ganz recht eingesetzt.


Diese Zeitliche Abfolge ist in der Tat äußerst interessant.
Seid gewiss, ich werde mehr als nur ein Auge auf das Local richten. Darüber hinaus versuchen wir ohnehin schon länger die Männer hinter dem Libero ausfindig zu machen.

Es tut sich allerhand in den letzten Wochen.
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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Es würde mich nicht wundern, wenn Carmagnola die Quelle für den Politik- und Auslandsteil ist. Das würde erklären, woher der Libero seine erstklassige Informationslage bezieht.

fügt der Foscari hinzu.

Noch ein Wort zu Tiberina.

Er hatte Battista die nötigen Hinweise gegeben - ein Mittel musste immer seinem Zweck dienlich sein. Es nützte nichts, pure Gewalt einzusetzen, wenn man nicht wusste, wofür. Willkürherrschaft brachte einen nicht weiter. Die Verfolgung der Liberalen erfolgte aus stichhaltigen Gründen. Und die Kampagne gegen Carmagnola, die das eigentliche Ziel blieb, war ein Manöver, um den trotzigen Dogenberater endlich zu zähmen. Dessen Mandat endete erst im Herbst nächsten Jahres. Das war zu lange, um es aussitzen zu können.

Er hebt den Finger, fährt im analytischen Tonfall fort.


Meine persönliche Einschätzung lautet, dass es in der Signoria keinen Konsens gibt, und die Gesetzesvorlage durch Parlamento und Senat muss. Im Senat ist die Pacht völlig unstrittig, selbst wenn einige eigensinnige Serenissimi aus der Reihe tanzen sollten. Im Parlamento müssen wir darauf hoffen, dass die Koalition aus Konservativen und Reaktionären hält. Einige könnten nämlich argumentieren, dass eine Erneuerung der Pacht die Franzosen erst richtig provozieren könnte.

Das war der andere Punkt. Manche Parlamentarier waren unberechenbar. Denn eigentlich hätten die Illuminati - wie Carmagnola - gute Gründe dafür, der Pacht zuzustimmen: sie waren für gewöhnlich an einem ausgeglichenen Haushalt interessiert, weil das zahlende Patriziat hinter ihnen stand. Aber je länger Foscari nachdachte, umso mehr war er überzeugt, dass dies der Sinn der Aktion sollte: die Kräfte, die seit 1792 an die Macht gelangt waren, sollten ausgehungert werden. Wie würde man das Pachtloch stopfen? Mit Steuern, höchstwahrscheinlich. Und Steuern waren nie beliebt.

Doch auch die Vittoriani und Serenissimi im Parlament verhielten sich uneindeutig. War Tiberina nicht urpalatinisches Land, das einem anderen quasi verkauft worden war? War das nicht eine nationale Schmach? Was bedeutete es, von der Weltmacht Großbritanniens abhängig zu sein - war das nicht ein erniedrigendes Vasallenverhältnis? Foscari kannte seine Mitstreiter zu gut, als dass solche Gedanken nicht auch ihre Köpfe beherrschten.

Er verzieht den Mund. Das waren keine Zufälle. Das war ein liberales Komplott.


Diese ganze Mandragola-Affäre könnte der ungemütliche Aufhänger für eine ganze Reihe von Konflikten sein. Man will uns desavouieren. Und bringt den Staat in Gefahr. Diese Liberalen haben aus der Dritten Republik rein gar nichts gelernt. Parteiengeklüngel auf dem Rücken Palatinas!
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Battista Braccioleone
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Re: Das Castello

Beitrag von Battista Braccioleone »

Battista hört nur halb zu, als der Foscari von seiner Einschätzung über den Ausgang erzählt. Die ganzen politischen Ränke sind nicht seine Welt. Zuviel Lug und Trug, zu viel hin und her, zu viele Männer in Ämtern, denen sie nicht die Würde verliehen, die das Amt verdiente. Das galt gleichermaßen für Liberale, wie für Konservative und Reaktionäre.

Die Diskussion um Tiberina ist dabei nur ein Symptom, für die Verkommenheit vieler palatinischer Politiker, egal wie sie am Ende ausging.


Battista bleibt stehen, schaut den Dogenberater bedeutungsvoll an

Es ist eben einfacher, Dinge auf dem Rücken des Staates auszutragen, als auf seinem eigenen.

In diesem Sinne, Ser Foscari, entschuldigt mich jetzt bitte. Ich denke ich habe ein paar Informationen, denen ich nachgehen sollte.

Er nickt seinem Gesprächspartner mit einem verschlagenen Lächeln zu

>>
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Marco Foscari
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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Ihr habt zu tun, nur verständlich. Viel Erfolg.

wünscht der Foscari, der nichts gegen das Ende der Konversation einzuwenden hat - schließlich würde Battista, je schneller er San Vittorio verließ, umso eher Zeit haben, sich den liberalen Ärgernissen dieser Stadt zuzuwenden.

Auf bald - und grüßt mir Euren Bruder.

Er verabschiedet den Braccioleone, nickt ihm zustimmend zu. Foscari sieht dem Militär nach, wie er zackig den Korridor nach unten geht. Er selbst verbleibt an Ort und Stelle. Bleibt nachdenklich.

Die Mandragola-Affäre und der Marsch der Franzosen. Zwei Phänomene, die viele noch nicht zusammendachten. Aber die Jakobiner mussten sie zusammendenken. Man hatte ihm allerorten versichert, dass Österreich und Sardinien die französische Italienarmee spätestens bei Genua aufhielten. Doch sie unterschätzten den revolutionären Brandherd. Die Anhänger der Revolutionären Ideen würden in ihren Zentren Unruhe schüren. Sich hinter der Front erheben und zu einem Problem werden, das man nicht mit offenen Feldschlachten besiegen würde. Mit jedem Sieg der Franzosen würden sie an Dreistigkeit gewinnen.

Es war ein endzeitlicher, ein apokalyptischer Glauben, eine Sehnsucht nach jenem Tag X, an dem die Menschheit befreit würde von Tyrannei. Wer der Prophet, wer der Anführer sein würde, um diesen Tag herbeizuführen - das konnte wechseln. Aber jetzt, in diesem Moment würde es der General jener Armee sein. Diejenigen, die Kirchen gestürmt und Heiligenfiguren gestürzt hatten, verehrten nun den Weltgeist zu Pferde, der all das realisieren würde, was sie sich im tiefsten Herzen erhofften.

Sie würden alles tun, um den Sieg der Franzosen herbeizuschreiben, herbeizuputschen und herbeizutöten. Niemand sollte den Wahn unterschätzen, den Menschen befiel, wenn sich Utopien realisieren ließen. Man steigerte sich in einen Traum; einen Traum, der Realität werden sollte. Um jeden Preis.

Es hatte nicht nur ein Plakat gegeben. Es mussten hunderte sein. Und dazu dutzende eines anderen Typs. Beschlagnahmte man eins, waren zehn neue gedruckt; riss man eines ab, waren zehn neue schon wieder aufgehängt. Es war ein Propagandawettlauf, den man kaum gewinnen konnte. Der Auftakt, bevor aus Propagandaschlacht ein Bürgerkrieg wurde.

Foscari musste pessimistisch sein. Optimisten waren Feiglinge.
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Michele di San Trovaso
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Re: Das Castello

Beitrag von Michele di San Trovaso »

Der Doge ließ den Blick kurz in die Ferne schweifen. Ein einsames Paar Wolken zog am Himmel vorbei, verschwand kurz hinter einem der Türme des Castellos und kam dann wieder hervor. Das sanfte blau des palatinischen Himmels unterstrich die eigentlich idyllische Stimmung dieses Frühlingstages. Kurz war er wo anders mit Gedanken. Auf dem Landgut der Familie - zwischen Olivenbäumen und den goldgelben Gräsern der Ebene hinter San Trovaso. Wo die Farben wärmer waren, sich der Boden fester anfühlte und sich die Tage ziehen mochten wie zäher Sirup - aber ebenso süß waren.

"Vostra Eccelenza?"

Er zuckte nicht auf, als er aus Gedanken gerissen wurde. Inzwischen hatte er es sich angewöhnt, mehrere Gedanken gleichzeitig zu denken, überall gleichzeitig zu sein. Mit einem Teil wanderte er noch kurz durch die Weinstöcke des väterlichen Landgutes. Mit einem Teil war er wieder auf der Terrasse des Castellos, wo er an einem prachtvoll gezimmerten Schreibtisch unter freiem Himmel seine mittägliche Korrespondenz erledigte, während der Glockenturm des Castellos bereits ein Uhr mittags verkündete.

"Habt ihr bereits nach dem Foscari schicken lassen?"

"Sì, mio Doge. Außerdem hat der Botschafter Großbrittaniens noch eine Unterredung mit euch angefragt"

San Trovaso hielt kurz inne. Nachrichten verbreiteten sich schnell auf dem Castello. Und selbst er wusste, dass er fast niemandem trauen konnte in diesem politischen Intrigenspiel, das die verschiedenen Parteien der Republik veranstalteten. Doch, dass die Nachrichten aus der Sitzung jetzt schon den Botschafter erreicht hatten und auch nicht auf Wohlwollen stoßen dürften - das war besorgniserregend. Jemand versuchte mit allen Mitteln, sein Doganat zu untergraben und die Republik zu schwächen.

"Eines nach dem anderen. Schickt mir zuerst meinen vertrautesten Dogenberater her."
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"Man muss hart arbeiten, um zu regieren." - Louis XIV

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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Dante hatte angefragt - und Foscari antwortete. Michele muss nicht lange warten. Etwa zehn Minuten, nachdem Dante die Terrasse verlassen hatte, kehrt er zurück, kündigt den Dogenberater des Äußeren an. Kurz darauf tritt dieser durch die offenstehenden Fenstertüren, bemerkt eine sanfte Brise. Der Frühling hatte auch dieses Jahr früher im maccaronischen Tal Einzug gehalten als anderswo, bereits Ende März hatte es erste Abende gegeben, die man draußen verbringen konnte. Er begrüßt die Entscheidung des Dogen, sein Arbeitszimmer nach außen verlegt zu haben. Man hatte einen guten Überblick. War im Hellen.

Und die frische Luft reinigte Gedanken.


Eure Exzellenz.

Lang vergangen die Tage, an denen er und Michele sich das Du gegeben hatten. Früher, als das Landleben vom Strandbesuch und Fischfang bei Corno Torro unterbrochen wurde. Da sie sich noch für antike Literatur, denn für Politik interessiert hatten. Es war nicht nur ein anderes Leben gewesen; sondern eine andere Identität in einem anderen Zeitalter. Auf der anderen Seite des Atlantiks hatten sich Kolonisten vom Mutterland gelöst. Doch hier, in der Alten Welt, war die dutzendste radikale Schrift eines drittklassigen Philosophen noch die größte Provokation gewesen. Es herrschte Frieden in Europa, es herrschte Freundschaft zwischen den Staaten, die ihre Differenzen nur in kleinen Zinnsoldatenspielen austobten, bei denen mehr Soldaten an Krankheiten und Unterversorgung starben als auf den Schlachtfeldern. In Frankreich saß ein König auf den Thron, der als "Vater des Vaterlandes" bejubelt wurde.

Ihr habt mit mir sprechen wollen.

Doch das Du war ein Ihr geworden. Nicht aus dem Zerwürfnis heraus; nicht aus geheucheltem Respekt. Foscari nahm sein Amt ernst. Noch ernster nahm er nur das Amt des Dogen. Man konnte nicht als Cavaliere di San Leone die Dritte Republik abschaffen und die lächerlichen Schaufensterpuppen, welche die Dogen geworden waren, wieder zu echten Herrschern aufwerten - wen man das wiedererstarkte Staatsoberhaupt nicht mit jenem Respekt behandelte, den man von der Republik einforderte. Lieber ein überhöhter Doge als eine brokatüberfrachte Puppe. Die Staatsraison stand über der Freundschaft von zwei Männern. Sie hatten nichts Geirngeres getan, als das morsche und verhasste System von zwei Generationen zu unterhöhlen, zu Fall zu bringen und durch ein neues zu ersetzen.

Jetzt hieß es: Wort halten. Ein Reaktionär wahrte die Form. Auch, wenn das unbarmherzige Kühle erforderte.


Ich schätze, weil Euch die letzte Sitzung so sehr im Nacken sitzt wie meiner Wenigkeit, mio serenissimo Doge.

sagt er nüchtern. Seine Aufgabe als Consigliere war es nicht, das Thema zu bestimmen. Michele würde ihm früh genug sagen, um was es ging. Aber dass eine mögliche Regierungskrise ins Haus stand, war offensichtlich - und würde den San Trovaso wohl nicht weniger aufwühlen als ihn selbst.
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Re: Das Castello

Beitrag von Michele di San Trovaso »

"Mein Consigliere."

Lange schon waren die Umgangsformen sehr formell und steif geworden. Die Nähe wahrte Michele, indem er den Foscari immer mit "mein Berater" oder "Vertrautester Consigliere" ansprach - um hervorzuheben, dass zwischen den beiden Rittern von San Leone immer noch eine besondere Nähe vorhanden war, die sich aus Jahren der Freundschaft und gemeinsamen Idealen speiste und auch nicht reißen würde. Michele vertraute wenigen Leuten - doch der Foscari war einer seiner wenigen Fixsterne, in diesem Meer von Irrlichtern, das sich Palatinas Politik nannte.
Der Doge stand vom Schreibtisch auf, drehte sich dann zu Marco.


"Sehr richtig. Wie Ihr bereits erahnt habt, ist die Sitzung vorhin, um es vorsichtig zu sagen, nicht ganz glücklich verlaufen."

Michele überlegte, wie er es ausdrücken sollte, was ihm im Kopf rumging. Er ließ den Blick kurz wieder schweifen, ging ein paar Schritte auf der Terrasse.

"Die Nachricht, dass wir die Pacht von Tiberina nicht zu verlängern scheinen, hat bereits die Runde im Castello gemacht. Fragt mich nicht wie, aber der Botschafter Englands hat bereits nach einem Gespräch gefragt - und ihr wisst, wie ungeduldig Lord Hesketh-Fortescue sein kann. Zudem wird es unangenehm, ihm auch zu sagen, dass die Republik gegen den Kauf der Fregatte gestimmt hat, was wir bereits seit Wochen ausgehandelt hatten."

Michele hielt sich zurück, zu seufzen. Sein Großvater, Raffaele, hatte immer gesagt: Seufzen ist ein Stilmittel von verzweifelten Menschen, oder der letzte Schachzug eines Gewinners; solange man noch keines von beiden war, sollte man nicht seufzen, sondern machen. Doch heute fühlte sich Michele weder als Gewinner, noch als Verlierer. Mehr als Prellbock der Republik, zwischen den Großmächten Europas. Konflikt schwelte auf dem politischen Parkett des alten Kontinents, und wem man sich anvertraute - den imperialistischen Briten, den herrschsüchtigen Habsburgern oder den fanatischen Franzosen - nichts schien eine rosige Aussicht zu haben.

"Mein bester Consigliere. Sagt mir, was wir tun sollten. Ich kann die Briten nicht lange hinhalten, das ist mir bewusst."
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