Das Castello

Auf der Spitze des Palatin liegt die Festung San Vittorio, um die sich mittlerweile ein kleines Dorf gebildet hat. Aus dem Zentralbau der Festung, dem Castello, ist in den Jahrhunderten der Sitz des Dogen entstanden, der diesen kleinen Stadtteil Palatinas direkt regiert.
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Marco Foscari
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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Der Foscari ringt sich für eine Sekunde ein kurzes Heben der Mundwinkel ab, das es nicht bis zum Lächeln schafft. Der Dogenberater der Città Antica hatte in der Geschichte Palatinas immer die Rolle eines Primus inter pares besessen: wenn ein Doge aus dem Amt schied oder starb, führte er kommissarisch die Regierung. Er organisierte die Wahl des nächsten Dogen, führte sie durch und verkündete das Ergebnis. Lang vergangene Zeiten, in denen die Oberstadt nicht nur ein symbolischer Ort war; sondern das pochende Herz der Politik, ein Hügel, auf dem sich Familienpalast an Familienpalast anschloss, die nobelsten Geschlechter nah beieinander wohnten, und die Entscheidungen aus lang geführten Ränken, Allianzen oder Fehden resultierten. Ja, damals hatten sich die Nobili bekriegt und ausgestochen; aber was waren es für Zeiten gewesen, was für eine lebendige Welt, wo man noch Ambition besessen hatte, überhaupt etwas zu tun! Die Nobili von heute scherten sich nur noch um ihren Acker und die dicksten Äpfel oder Birnen. In den 1770ern war der Verfall so fortgeschritten gewesen, dass man überlegt hatte, den Rat an den Marktplatz zu verlegen, und die Markthalle zu diesem Zweck umzubauen. Es hätte zugleich bedeutet, dass der Consigliere der Città Antica seine Stellung nach Jahrhunderten eingebüßt und sie an den der Città Nuova abgegeben hätte.

Doch das zwischen Michele und ihm ging weit über den Rang hinaus. Und das war etwas Neues, etwas lang Vergessenes in der Politik Palatinas. Dass ein Dogenberater und ein Doge nicht an sich auf Streit aus waren; sondern von sich aus auf Allianz. Auf Mitarbeit. Auf Loyalität. Auf Freundschaft.

Weil es hier nicht um Politik allein ging. Mehr als Politik; mehr als Ideale; mehr als ein Traum. Ein inniger, ein leidenschaftlicher Wunsch: diese Stadt, diese ganze Republik, die so lange geschlafen, so lange verödet war, endlich wiederaufzubauen. Wieder wachzuküssen. Wieder mit Leben zu füllen.

Damit sie auferstand.


Jahrzehntelang haben wir uns anhören dürfen, dass die Marine das teuerste Spielzeug der Republik sei. Das ist nicht völlig unwahr. Aber wir haben nach dem Untergang der „Speranza“ nur noch sieben Schiffe. Wenn wir das nächste Schiff abtakeln, dann müssen wir uns fragen lassen, ob es nicht besser wäre, gleich die gesamte Marine einzumotten. Es gibt italienische Händler, die besitzen privat mehr Schiffe als unser Staat.

bemerkt Foscari mit einem sarkastisch-ironischen, aber feinen Unterton, der verrät, dass man auch gleich den Jakobinern den Schlüssel zu San Vittorio geben könnte, wenn man sich hier geschlagen gibt.

Meine Überlegung ist folgende: die Liberalen können nicht beides haben. Entweder, wir haben eine kleine Marine und einen starken Verbündeten zur See, oder wir haben eine starke Marine, die ein solches Bündnis unnütz macht. Keinen britischen Verbündeten und keine Flotte geht nicht. Ich denke, das wird auch die Vittoriani im Parlamento überzeugen.

erklärt er zuerst im Hinblick auf die Innenpolitik; und meint dann zu den äußeren Angelegenheiten:

Der Botschafter ist ein Gentleman und die Briten sind es gewohnt, sich anzustellen und zu warten. Natürlich können wir das nicht überstrapazieren. Meine Empfehlung lautet, Lord Hesketh-Fortescue darauf hinzuweisen, dass unser Parlamento dem britischen Parliament sehr ähnelt, und wir auf einen endgültigen Beschluss warten. Wir werden sehr ausführlich betonen, dass wir alles daran setzen, dass Tiberina britisch bleibt, in seinem wie in unserem Interesse, aber unberechenbare liberale Elemente – natürlich von französischen Geldern unterstützt – unsere Allianz zu torpedieren versuchen. Es handelt sich in Wirklichkeit um keinen Angriff unserer Leute gegen Großbritannien – sondern um eine üble Intrige französischer Agenten auf unserem Boden gegen die erlauchte britische Krone.

Foscari, der als Consigliere der Città Antica auch den Äußeren Angelegenheiten vorstand und selber lange genug in Paris als Diplomat gewirkt hat, fügt mit leisem, fast unschuldigen Ton hinzu:

Das ist vielleicht nicht die ganze Wahrheit, aber es ist das, was ein britischer Botschafter hören will.
In dem Moment, da sich der Staat von seinen kulturellen Fesseln löst – der Kirche, zivilen Institutionen, Sitten und Bräuchen – wendet sich nicht nur der Bauer gegen den Adligen, sondern auch der Arme gegen den Reichen; aus Gleichheit vor dem Recht pervertiert die Vorstellung sozialer Gleichheit. Zuletzt wendete sich gar der Idiot gegen das Genie, weil dieser das Verbrechen begangen hat, anders zu sein als er selbst. - Vittorio Barzoni

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Michele di San Trovaso
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Re: Das Castello

Beitrag von Michele di San Trovaso »

Aus dem Augenwinkel heraus erkannte der Doge das leichte Heben des Mundwinkels. Mehr brauchte es nicht. Mehr musste der Foscari auch nicht ausdrücken oder gar sagen - Michele verstand. Es waren kleine Gesten, die unter dem Protokoll verschwanden, die dem Trovaso sagten, dass er immer noch jemand war - und nicht nur der Doge. Nicht nur eine politische Galleonsfigur, entfernt von allen, sondern eine Person.

"Der Untergang der Speranza war ... nicht der glorreichste Moment unserer Marinegeschichte. Umso bezeichnender der Name. Insofern teile ich eure Meinung, dass wir hier zumindest derzeit vor einem Entweder-Oder stehen."

Michele wusste um die Finanzen der Republik. Die Exporte aus dem Waffenhandel brachten stetige Einnahmen, aber vom Einstigen Reichtum der Handelsrepublik war nicht mehr viel übrig, man zehrte von der Masse. Von jeglich gearteter Expansion war nicht mal zu träumen - der Unterhalt des Staatshaushaltes allein war bereits hier und dort ein schwer lösbares Problem, das Signor No - und das musste Michele ihm lassen - gut zu überbrücken pflegte. Doch was bei dieser Sitzung deutlich herausgekommen war, war die deutlich gewandelte Einstellung des Beraters. Waren die ersten Sitzungen noch einvernehmlich, vorsichtig, abgelaufen, so zeigten sich die Fronten immer deutlicher. Politischer Sachverstand wurde überzogenen Idealen geopfert. Und die Crux an der Geschichte - den falschen Idealen.

"Ich muss euch nicht sagen, Consigliere, dass ich es durchaus wichtig finde, eine Marine weiter zu halten, die uns im Ernstfall wenigstens eine Art von Schutz bieten kann. Palatina wurde auf dem Wasser erbaut, die Flüsse Rio und Mandro sind ihr Lebenssaft, der durch die Kanäle fließt. Diese unsere Identität aufzugeben und sämtliche Schiffahrt ruhen zu lassen könnte ich nicht verantworten. Nicht unter meinem Doganat."

Der Doge brauchte es nicht zu beschönigen - der Foscari wusste, wie wenig von der einst stolzen Armada übrig war und dass die Mittel vorne und hinten nicht reichten, um sie wiederaufzubauen. Zudem war der Sinn und Zweck so einer Aktion auch fraglich, schließlich dominierten die Niederländer und Briten den Handel zur See. Die Marine diente inzwischen nur noch zur Küstensicherung und zur Verteidigung. Und doch waren das essenzielle Funktionen, die die Republik nicht aufgeben durfte.

Der Doge musste schmunzeln. Foscaris Ausführungen zum Botschafter waren natürlich wie immer punktgenau.


"Ich werde Lord Hesketh-Fortescue später am Nachmittag wohl empfangen müssen. Was die Fregatte betrifft - werde ich es nicht ansprechen. Ich hoffe noch, da eine Lösung zu finden, zudem ist das das kleinere Problem. Dahingegen Tiberina ... Wenn wir die Franzosen dafür verantwortlich machen, wird er irgendwann Belege fordern, damit wir glaubwürdig bleiben. Schwebt euch da jemand vor, den man als französischen, liberalen Agenten darstellen könnte?"

Die letzte Frage schwebte in der Luft - der Trovaso sah Marco aus dem Augenwinkel an, ein leichtes Schmunzeln umspielte seine Lippen. Natürlich wusste Michele bereits, dass Marco bereits Leute darauf angesetzt hatte, Liberale Rattennester ausfindig zu machen und zu erledigen. Aber noch viel interessanter war es natürlich, wie hoch denn dieses Ausräuchern von ungeliebten Individuen in der palatinischen Politik gehen könnte.
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Marco Foscari
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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Der Dogenberater nickt. Sie sind sich einig. Heute wie gestern.

Womöglich gibt es angesichts der Marine noch elegantere Lösungen. Obwohl ich dem Militär vertraue, sollte man sich nicht zu sehr über die Eigeninteressen der Generalität täuschen. Dem Esercito wäre es ganz lieb, die Marine zu einer reinen Transportveranstaltung unter Führung der Cittadella zu degradieren. De facto agieren Teile der Marine bereits jetzt nur noch als Seitenflügel des Militärs. Die Vittoriani sind zu wichtige Partner im Parlamento, als ihre Allianz auf die Probe zu stellen, indem wir zu offen agieren. Gegen die Liberalen offen und grob, gegen das Militär nur im Notfall und mit sanfter Hand.

Innerlich stimmt er jeder Zeile zu. Palatina auf dem Wasser ohne Wasser. Wie bedeutsam, wie symbolisch – wie tragisch! Lange bevor Palatina ein echtes Heer besessen hatte, das aus mehr bestand als mit Piken bewaffneten Milizsoldaten, da hatten die Schiffe der Kommune das Mittelmeer besegelt und berudert. Hatten sie alle nicht einst die Kreuzritter des Zuges von Damiette als ihre Vorbilder anerkannt, die nicht zu Felde, sondern zur See ihre größten Erfolge erfochten hatten? Es waren die Malpazzi, die Palatina erst zu einer Landmacht hatten werden lassen. Nicht Borghetto, sondern Porto Vecchio hatte bis dato als freie Hafenstadt als eigentlicher Rivale Palatinas gegolten.

Er kommt auf das Vorgehen gegenüber Lord Hesketh-Fortsecue zu sprechen.


Wir spekulieren vorerst auf die britische Paranoia angesichts der französischen wie revolutionären Bedrohung. Das dürfte uns vielleicht ein paar Tage Zeit geben. Und sollte seine Lordschaft Beweise fordern, so werden wir sie ihm zu gegebener Zeit überreichen, uns aber – verständlicherweise – Zeit erbitten, bis wir diese dem Botschafter vorlegen können. Schließlich handelt es sich um interne Unterlagen der palatinischen Behörden, welche die ausländische Politik im Grunde nichts angehen. Nein, wir werden sogar betonen, welche Großzügigkeit und Liebe wir gegenüber Großbritannien empfinden, dass wir selbst bereit sind, geheime Unterlagen zu beschaffen, nur, um die Krone milde zu stimmen.

Unterlagen, die es dann noch zu beschaffen gilt.

Böse Zungen hätten dem Foscari Machiavellismus unterstellt. Lüge und Betrug, Vortäuschen falscher Tatsachen, Beschaffung von Falschzeugnissen, möglicherweise sogar Beschuldigung Unschuldiger. Viele hätten ihm eine Korruption durch die Macht unterstellt. Doch es hatte keinerlei Macht, keines Amtes bedurft. Foscari hatte in Paris genügend erlebt, um zu wissen, wie die Alternative aussah. Man konnte einen moralisch guten Staat führen, und dann unter einem Haufen untergehen, der sich nicht um Moral scherte. Die Staatsraison war das oberste Gebot. Zu lange war diese Republik von Eigeninteressen, Kleinlichkeiten, Mittelmäßigkeiten und desinteressierten, vaterlandslosen Gesellen geleitet worden. Die Prämisse lautete und würde lauten: für Palatina.

Das war kein Fanatismus, wie ihn die Jakobiner lebten. Das war kalte, rationale Einhegungsstrategie. Ohne die Briten war Palatina ausgeliefert. An die Franzosen, an die Jakobiner – ja, im Grunde an jeden, der Lust auf diesen fruchtbaren Flecken Land im Maccaronischen Tal hatte. Nicht so zu handeln, wie es Foscari tat – das hätte geheißen, Phantasien wie Menschenrechte, Sonntagswortsalbaderei und falsche Ehrlichkeit gegenüber einem ausländischen Botschafter höher zu stellen als die Republik.

Und das hieß wiederum – wieder ganz logisch-schlüssig – nichts anderes, als Verrat an Palatina zu üben. Er, als Dogenberater, musste tagtäglich entscheiden: für Palatina, oder für die Hölle.

Seine Entscheidung hätte nicht klarer sein können. Foscari tat das, was keiner in der Dritten Republik hatte tun wollen. Er traf die unschönen Entscheidungen, die keiner treffen wollte. Er sprach die bitteren Szenarien an, die man jahrzehntelang ausgespart hatte. Ein Soldat war bereit, sein Leben im Kampf zu lassen. Foscari war kein Militär. Stattdessen gab er seine Seele hin, und wenn es geholfen hätte, diesen Staat nur drei Minuten länger zusammenzuhalten, bevor ihn äußere wie innere Kräfte zerfleischten.


Es gibt bei den Briten diesen wunderbaren Ausspruch: Round up the usual subjects. Ich bin sicher, sollte es keinerlei Involvierung französischer Kräfte in palatinische Angelegenheiten geben, so finden wir sie trotzdem.

Der Dogenberater der Äußeren Angelegenheiten war nicht nur für Außenpolitik und Handel – sondern auch den Geheimdienst im Ausland zuständig. Das Innere hatte sich das Militär in den Jahren zu sehr unter den Nagel gerissen. Aber der gute Kontakt zu Braccioleone ermöglichte es, auch hier nachzuhelfen.
In dem Moment, da sich der Staat von seinen kulturellen Fesseln löst – der Kirche, zivilen Institutionen, Sitten und Bräuchen – wendet sich nicht nur der Bauer gegen den Adligen, sondern auch der Arme gegen den Reichen; aus Gleichheit vor dem Recht pervertiert die Vorstellung sozialer Gleichheit. Zuletzt wendete sich gar der Idiot gegen das Genie, weil dieser das Verbrechen begangen hat, anders zu sein als er selbst. - Vittorio Barzoni

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Re: Das Castello

Beitrag von Michele di San Trovaso »

"Das Esercito ... "

Die Worte spricht der Trovaso langsam, mit einem bedeutungsschwangeren Unterton aus, als er nur dieses Fragment des Gesprächs wiederholt, die Worte im Mund ausklingen lässt. Das Heer war ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor geworden, dem war sich der Doge bewusst. Die Zitadelle in San Pietro war eine Festung, deren Kanonen nicht nur nach außen - sondern auch nach Innen gerichtet waren. Und dass die Nobiluomini und Reaktionisten schleichend über die letzten Jahrzehnte Einfluss verloren hatten und sich nun die Vittoriani als einziger Ausweg anboten, um Politik machen zu können, der von der herrschenden Elite mitgetragen und toleriert wurde, war ein unglücklicher Zustand. Doch was nützte Tagträumen - Politik war das, was man an jedem Tag aufs neue unter mühevollem Kämpfen an noch so kleinen Erfolgen errang. Seine Bürger zusammenzuhalten, die verschiedenen Interessensgruppen auszutarieren und Balance zu finden, das würde wohl die meiste Zeit in Anspruch nehmen.

Balance. Das war etwas, was Palatina brauchte. Mochte man noch so jeden archimedischen Punkt versuchen zu finden - diese Stadt hatte keinen. Man konnte nichts aus den Angeln heben, was schon immer nie einen festen Platz gehabt hatte. Mehr Glück denn Geschick, mehr Abstrusität denn Absolutheit zeichnete die Geschichte der Stadt aus, die in ihrer Art einzigartig war. Palatina, mit seinen Höhen und Tiefen, der Frenetik und dann wiederkehrenden Schlafweinlausschneckenplagen. Michele hätte den Kopf schütteln können - und doch schlug sein Herz für diese Stadt, für diesen Flecken Erde, zwischen den Großmächten Europas.


"Ich werde Hesketh-Fortescue einige Tage abringen können. Die Pacht läuft zudem noch bis Ende des Monats und bis dahin sollten wir neue Tatsachen geschaffen haben. Mio Consigliere - ich vertraue da auch auf euer Feingefühl, wenn ich schon dem Botschafter einige krumme Wahrheiten erzählen muss." Ein Zwinkern unterbrach die scheinbar ernste Zwischenrede des Dogen. Natürlich wusste der Trovaso, wie er den Botschafter hinhalten können würde - schließlich war er selbst ja nicht unbewandert auf dem internationalen diplomatischen Parkett. Und dass die wachsende Animosität von Frankreich und Großbrittanien derzeit auch in den Zeitungen tagtäglich Thema war und Spannungen auf de Kontinent erzeugte, würde er sicher auszunutzen wissen. Gegenseitiger Misstraue unter den Großmächten war eine Kante, an der so ein Staat wie Palatina, der von der einen oder anderen Macht abhängig war, ansetzen konnte. Um sich festzuklammern. Um zu überleben.

"Wo wir gerade über Unterlagen sprechen ... " Der Doge hob die Hand und winkte wie beiläufig. Dante sprang geradezu auf, verbeugte sich kurz und sprach kurz mit den beiden Wachen, die daraufhin, ebenso wie der Sekretär, die Terrasse verließen und die Flügeltüren hinter sich schlossen. Michele und Marco waren nun zu zweit.

"Wie ihr mitbekommen habt, machen zu viele Informationen aus unseren Sitzungen und vom Castello viel zu schnell die Runde - sei es in der Stadt, oder noch gefährlicher, in den Ramschblättern dieser Liberalen." San Trovaso ging einige Schritte auf den Dogenberater zu, hatte den Blick nun konzentriert auf ihn gerichtet, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

Es war ein offenes Geheimnis, dass die Dogenberater unter sich zerstritten waren und Beschlüsse nunmal schwer gefasst werden konnten in einem Gremium, das sich untereinander ausgrenzte, Fronten aufzeigte. Kompetitiver Wettbewerb, gerechtes Streiten, ja. Aber hier ging es um einen Kampf bis aufs Blut, der derzeit nur verbal und auf Kosten der Handlungfähigkeit des Gremiums und der Regierung ausgetragen wurde - aber wie schnell das in offene Feindseligkeit und Auseinandersetzungen ausarten würde, konnte Michele sich denken.


"Nicht nur, dass das ein Verrat an der geliebten Republik bedeutet, sollten sich meine Vermutungen bewahrheiten - es geht auch um unsere Schlagkraft und Handlungsfähigkeit, die kompromittiert sein könnte. Ihr versteht?"
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Marco Foscari
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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Es ist zu offensichtlich, was hier gespielt wird, altissima Eccellenza. Der Verdacht steht offen im Raum. Die Beweise sind das Problem.

Er würde den Namen Carmagnolas nicht aussprechen. Michele wusste genau, um was und wen es ging. Foscari war dafür bekannt, dass er es war, der Informationen in die Signoria hineintrug – nicht hinaus. Dass der Libero Informationen hatte, die er aus erster und geheimer Hand aus Nizza erhielt – das war kein Zufall. Trotz aller revolutionären Netzwerke, die Korrespondenten des Libero waren immer noch Korrespondenten und nicht Diplomaten, Spione oder Regierungsmitglieder. Foscari hatte die Informationen nicht von Leuten vor Ort erhalten, sondern durch ein Leck in Paris, das dann über Kontaktstellen bis nach Italien weitergeleitet worden war. Dass er die Truppenverlegungen einen Tag vor dem Aufmarsch in der Signoria erhalten hatte, und diese damit frisch und neu waren – ein blanker Zufall. Aber vierundzwanzig Stunden waren vierundzwanzig Stunden. Auf dem Feld entschieden sie über Sieg oder Niederlage – wie auch in der Politik.

Ich hoffe darauf, dass uns die neue Spezialeinheit des Braccioleone nützlich sein könnte.

Das war Anmerkung genug. Aber Foscari holt aus. Es ist ihm ernst. Sehr ernst.

Wir sind alle Kinder des großen Braccioleone, Exzellenz. Über Heiraten. Abstammungen. Palatina führte den schwersten und blutigsten Konflikt der gesamten Zweiten Republik. Ein jahrelanger, ein zehrender Krieg. Ja, ein Vernichtungskrieg gegen das palatinische Volk. Florenz wollte die komplette Unterwerfung, die Ausradierung unserer Identität, die Niederringung Palatinas und Degradierung zu einer bloßen Provinzhauptstadt.

Er ballt die Faust.

Und wie wir es ihnen gezeigt haben. Wie wir den Krieg bis nach Siena trugen; wie wir bei Borghetto furchtbare Verluste hinnahmen; wie wir am Amor-See, als alles verloren schien, Braccioleone totgeglaubt war und unsere Truppen eingekesselt – wie der Doge selbst aus dem Dunkel trat, das Banner in seiner Hand, mit einer versteckten Flanke im Wald der Tausend Blätter plötzlich auftauchte, unter löwenbrüllendem „San Leone, San Leone!“ unsere Männer anspornte, wie jeder, jeder Mann das vernahm, und sich alle in einem Rausch an ihren Führer hefteten und in einem Sturm gleich über den Feind herfielen; so, wie damals jeder Ratsherr bei der Wahl Braccioleones seinen Platz verließ und sich an seine Seite stellte, so geschah es bei dieser entscheidenden Schlacht: niemand blieb stehen, alle folgten, bildeten eine Welle, die den Gegner bis weit hinter die eigenen Grenzen warf.

Es ist das einzige Mal, dass der Foscari in diesem Gespräch wirklich emotional wirkt. Seine Augen glitzern. Man kann darin die blitzenden Pikenspitzen der Infanterie sehen, glaubt, dass sein Körper selbst unter dem Donnern der Pferde bebt. Es sind ferne, heroische, bessere Zeiten. Zeiten von Größe, von Sicherheit, unter einem fähigen, einem starken Dogen, der sich nicht von Protokollen, Gesetzen, Ideologien beeinflussen ließ. Er tat, was er tun musste. Gleich was kam.

Die Stimmung legt sich. Seine Stimme wird ruhiger. Wird resignierend kühl. Beinahe vorwurfsvoll gegen die Geschichte an sich. Er senkt den Blick.


Wir standen vor Siena. Wir waren kurz davor, die ganze Maremma in unsere Gewalt zu bringen. Braccioleones gefährlichster Gegner war nicht Cosimo de Medici. Braccioleones gefährlichster Gegner waren die eigenen Palatiner, die ihm daheim einen Dolch in den Rücken jagten, ihn entmachten wollten, die Macht an sich rissen, seine Schwester gefangen setzten, seine Kontaktleute enthoben. Der Verrat innerhalb ist niemals so schlimm wie der blutigste Krieg auf den Feldern. Dem Feind draußen kann man mit offenem Visier begegnen. Der Feind innen trägt ein Messer unter dem Gewand.

Dan hebt er den Kopf, sieht Michele durchdringend an.

Wir sind Kinder des Braccioleone, Exzellenz. Und wie er werden wir an Größe und Pflicht gehindert. Es ist dieselbe Geschichte, die sich zu wiederholen droht.
In dem Moment, da sich der Staat von seinen kulturellen Fesseln löst – der Kirche, zivilen Institutionen, Sitten und Bräuchen – wendet sich nicht nur der Bauer gegen den Adligen, sondern auch der Arme gegen den Reichen; aus Gleichheit vor dem Recht pervertiert die Vorstellung sozialer Gleichheit. Zuletzt wendete sich gar der Idiot gegen das Genie, weil dieser das Verbrechen begangen hat, anders zu sein als er selbst. - Vittorio Barzoni

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Re: Das Castello

Beitrag von Michele di San Trovaso »

"Schmerzlich offensichtlich, Ihr sagt es, il mio Consigliere. Wenn wir versuchen wollen, diese Republik wieder zu alter Größe zurückzuführen und das Hermelin auf schwarzem Grund wieder aufleben lassen wollen, so müssen wir uns sicher sein, dass wir, in dieser Exekutive, wie auch in den anderen Gremien, Durchschlagskraft haben und die leisesten Zweifel von Widerstand und Revolution unterdrücken. Und wie Ihr bereits sagtet - ich denke, dass diese neue Truppe die Braccioleone ersonnen hat, uns noch gute Dienste erweisen wird."

Der Doge hörte dem Foscari mit ehrlicher Aufrichtigkeit zu, ließ sich jedoch nicht zu Emotionalität bewegen. Das erstaunte ihn an Marco immer wieder - dieser gerissene, vielbewanderte Mann, der am französischen Hof bereits den aalglatten Diplomaten gegeben hatte und ein nicht zu unterschätzendes Netzwerk aus Informanten besaß, dieser machiavellistischer Politiker, der nicht wenige Kandidaten ausgestochen hatte, um selbst Dogenberater zu werden - im Inneren trieb ihn ein solcher Ethos, geprägt von der Liebe zum ruhmreichen Palatina der zweiten Republik. Sowas setzte man nicht auf und man erlernte es auch nicht - man hatte es im Blut, oder war gänzlich davon unbeeindruckt.

Michele war ähnlich. Und doch anders. Er glaubte nicht an frühere, wiederkehrende Helden oder überbordenden Heroismus. Er war Pragmat in dem Sinne, dass er seine Heimat, seine Identität als Palatiner liebte und bis aufs Blut verteidigen würde - aber auch wusste, dass er keine Heerscharen mit demselben Elan und Feuer antreiben konnte, wie es vielleicht ein Testabella-Braccioleone konnte. Er wusste, dass er anders agieren musste, ihm andere Mittel und Wege offen standen. Die Staatsräson wurde bei Michele anders ausgedrückt, von anderen Wurzeln genährt. Natürlich war da die Sehnsucht nach altem Ruhm auf der einen Seite. Auf der anderen Seite stand die Ratio, mit der der Doge die Welt sah und bewertete - und welche Mittel er eben dafür aufwenden konnte und würde. Er hatte gelernt von Tiberio Braccioleone. Mochte sich vielleicht auch als einen geistigen Nachfahren sehen. Doch er wusste, dass er selbst anders war und anders würde handeln müssen.

Während der Consigliere die Schlacht des Armorsees beschreibt, das Funkeln in seinen Augen zu sehen ist, während er förmlich das Donnern der Kavallerie hören kann und sieht, wie die Florentiner die Flucht ergreifen - denkt Michele vor allem an den letzten Satz des Foscari.


"Man kann noch so ruhmreiche Schlachten schlagen - doch wenn man dann heimkehrt zu einem Trümmerhaufen, die Heimat einen zu verstoßen scheint, dann war jeglicher Sieg umsonst. Deshalb, mein Consigliere, da sind wir uns einig, muss unser jetziges Augenmerk darauf liegen, unsere geliebte Stadt zusammenzuhalten und die Gräben, die von diesen liberalen Scharlatanen gezogen werden, zu ebnen und den Fortbestand eines geeinten und freien Palatinas sicherzustellen."

Michele dreht sich kurz zu seinem Schreibtisch, kramt ein Pamphlet hervor.

"Die aristokratische Hydra ... ich nehme an, ihr habt davon bereits das ein oder andere Exemplar sehen können?" Spricht der Doge wie gelangweilt, reicht ihm eine Kopie des Druckes, der auch am Obelisken in der Neustadt hängt.

"Unser, nennen wir es internes Problem, ist die eine Sache. Verleumdungen wie diese die andere. Und doch - ich bin mir gewiss: wenn ihr denjenigen findet, der diese Pamphlete zirkulieren lässt, wird uns sicher auch der bald von den Engländern geforderte Schuldige auffindbar sein. Aber das nur als Bemerkung meiner Wenigkeit - ich denke, ihr habt auch bereits mit dem Braccioleone darüber gesprochen." Spricht der Doge und zwinkert seinen Dogenberater dann noch an.

"Ich hoffe, dass wir bald Ergebnisse sehen. Richtet das gerne dieser Truppe an besonderen Männern aus. Die Republik wartet in dieser Angelegenheit nur ungeduldig. Ich umso ungeduldiger."
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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Foscari nimmt den Druck mit der Hydra entgegen. Er hatte Berichte über dieses Plakat erhalten, er wusste, dass es existierte, aber kein Exemplar verlangt; er kannte bereits genügend Karikaturen jeder Seite und eine mehr oder weniger würde ihm nicht fehlen.

Dennoch analysiert er das Papier mit gebotener Präzision. Auf eine gewisse Art und Weise erheitert es ihn, weil er so viele Kollegen, Mitstreiter, Freunde und Verwandte auf dem Bild wiederfindet. Für ihn ist es ein politisches Wimmelbild, ein Zeitvertreib.


Mein Hals ist nicht so dick.

merkt er dann nach einiger Zeit ungerührt an, gibt das Stück Papier wieder zurück.

Auf Beleidigung des Dogen stehen bis zu fünf Jahre Haft. Da meint es jemand wirklich ernst.

Die Zensur in Palatina war ein spannungsreiches Feld. Zensurangelegenheiten gehörten nicht in sein Ressort, sondern in das des Dogenberaters des Inneren. Dort saß bis heute ein Konservativer, einer, den Michele und er ins Amt gelotst hatten, um mit den Vittoriani eine Koalition anstreben zu können. Der Preis dafür war ein gewisses Vertrauen in dieser heiklen Angelegenheit. Die Cavalieri konnten darauf spekulieren, dass die Konservativen ein ähnliches Interessen hatten, die schlimmsten Auswüchse zu verhindern. Ein hartes Durchgreifen war aber nicht möglich. Weil es auch taktisch unklug war: überspannte es die Regierung mit Beschränkungen, dann führte es zu mehr Unmut, als man ihn ersticken konnte.

Allerdings kannten auch die Vittoriani bei Beleidigung des Staatsoberhauptes keinen Spaß. Der Doge repräsentierte das Land, und wer ihn diffamierte, diffamierte zu einem beträchtlichen Teil die gesamte Regierung - und die Republik in toto.


Ich glaube, in San Paolo finden wir statt eine Hydra mit vielen Köpfen eher viele Hydren mit vielen Köpfen. Dahinter steckt nicht nur eine Person, sondern ein Drucker, Flugblattausteiler ...

führt er aus, macht dann aber eine saloppe Bewegung

Berechtigte Ungeduld, Eccellenza. Ich werde mich darum kümmern, sie so kurz wie nötig zu halten.

Dann faltet er die Hände. Foscari hat offenbar auch noch ein Anliegen; eigentlich noch mehrere, die morgendliche Besprechung vor den Sitzungen reichte kaum aus, um alle Pflichten Seiner Exzellenz zu erörtern. Manchmal musste man Michele in Erinnerung rufen, was für eine Position er eigentlich hatte, weil er noch nicht so gut an die Macht gewöhnt war.

Wir müssen über Euren nächsten Dogenerlass sprechen. Wie Ihr wisst, hat Euer Vorgänger, Desiderio Vargazza, bei der Widerherstellung der Autorität Eures Amtes auch dieses Instrument widerbelebt. Akte, die Dienstvorschriften der Ministerien betreffen, gehören dazu.

Er macht eine kurze Pause, betont dann:

Ihr kennt die Debatte. Seit mehreren Jahrhunderten führt Palatina drei Amtssprachen: Palatinisch, Hochitalienisch, Latein. Angesichts der wuchernden Bürokratie hat das zu einem unübersichtlichen Wust dreifach ausgestellter Dokumente geführt.

Eigentlich war es ein Vorschlag der Illuminati gewesen, um die überholte Verwaltung des Staates auf Vordermann zu bringen. Die Vittoriani waren natürlich dagegen. Aber die Serenissimi waren durchaus pragmatisch: man war nicht prinzipiell gegen Änderungen, sondern war selbst an Reformen interessiert; man stimmte nur mit den Liberalen nicht darüber überein, wie diese aussehen sollten.

Ich halte das für eine gute Gelegenheit, um unsere Verwaltung effizienter zu gestalten ...
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Re: Das Castello

Beitrag von Michele di San Trovaso »

"Natürlich nicht, mein bester Consigliere. Nicht, seitdem ihr wieder zu wenig schlaft und die ein oder andere Mahlzeit einem dringenden Termin weichen musste." Merkte der Doge süffisant an, neckte den Foscari ein wenig, bevor er das Blatt wieder entgegennahm und dann gelangweilt auf den Schreibtisch legte und diesem Schund keine Aufmerksamkeit mehr schenkte.

"Ihr wisst, dass mich diese Flugblätter persönlich kaum interessieren. Was mich aber trifft - das ist die Auswirkung auf das Ansehen meines Amtes und die Stimmung in unserer Bevölkerung. Solche Bilder vergiften unser Zusammenleben, erschweren die Arbeit der Regierung, wenn sie zuhauf aufzutreffen sind." Sprach er, drehte das Handgelenk in der Luft, wie als ob er einen Gedanken in die Luft heben will, um ihn nicht ausführen zu müssen sondern nur das Bild, das er vor Augen hatte, sprechen zu lassen. Der Foscari würde verstehen.

"Ich weiß, dass solche Angelegenheiten, unsere Innere Sicherheit, von Consigliere del Ponte beobachtet und bewältigt werden sollen. Und natürlich habe ich mein größtes Vertrauen in ihn ... " Schließlich hatten Marco und er ihn ins Amt gehoben - und seine Familie hatte mehr als fürstlich zahlen müssen, um einige Kandidaten auszustechen und den ein oder anderen Parlamentarier überzeugen zu können. "... doch ließen sich sicher einige Angelegenheiten, diskret, beschleunigen. Ich vertraue also umso mehr auf Eure Initiative - oder nennen wir sie lieber Braccioleones Initiative." Unterstrich er nochmal, wie wichtig ihm das energische Voranbringen der Suche nach liberalen Brandherden der Stadt war. Er würde keine Schreckensherrschaft wie in Frankreich anstreben, wo jeder andersdenkende hingerichtet wurde und alles irgendwelchen Idealen geopfert wurde, ob Bürger, Kirche oder König. Aber er würde sicher nicht derjenige Doge sein, der tatenlos zusah, während sich verschwörerische Kräfte im Herzen der Republik ans Werk machten.

"Die Probleme unserer Bürokratie sind mir durchaus bekannt, mio Consigliere. Wobei ich auch anmerken dürfte, dass nicht nur die dreifache Ausführung, sondern die Sondervorschriften diverser Ministerien, die wir seit Jahrhunderten haben, ihren nicht unwichtigen Teil dazu beitragen, dass unsere Archive ... mehr als peinlichst ausführlich sind." Bemerkte der Doge trocken, erinnerte sich an die - zum Glück - wenigen Male zurück, wo er selbst direkten Kontakt mit der zermürbenden palatinischen Bürokratie gehabt hatte.

"Was wäre Euer Vorschlag? Sicher würde Vereinheitlichung und die Anfertigung in weniger Sprachen einiges an Effizienz schaffen in unserem verschlafenen Beamtenapparat."
Michele di San Trovaso

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Re: Das Castello

Beitrag von Marco Foscari »

Jede Sprache ist nicht nur ein Signal nach innen, sondern auch nach außen, Eccellenza.

Mit dem Satz deutete Foscari an, dass die Sache durchaus komplizierter ist, als sie auf den ersten Blick erscheint; es gab dabei mehrere Felder zu betrachten.

Natürlich würde der alleinige Gebrauch des Palatinischen ein starker, patriotischer Impuls sein. Wir kämen außerdem den einfachen Schichten entgegen, weil diese die Dokumente verstünden, und es nicht immer gleich eines Notars bedarf, um die Schriften zu übersetzen, die auch einfache Leute betreffen. Wir würden damit zudem das Palatinische, das viele nur als Dialekt belächeln, zu einer echten Sprache erheben.

Natürlich würde man uns international dafür etwas schräg beäugen. Besonders die fortschrittlicheren Länder könnten behaupten, wir erhöben eine Bauernsprache ohne Prestige, Geschichte und Kultur auf dieselbe Stufe wie das Idiom Dantes - oder im Ausland - Shakespeares und Voltaires. Prestige besitzt das Palatinische außerhalb unserer Landesgrenzen nicht.

Er macht eine kurze Bewegung mit der Hand.

Ganz im Gegensatz dazu steht das Lateinische. Das Festhalten daran würde natürlich der Päpstlichen Kurie, mit der Palatina seit alters her ein gutes Verhältnis unterhält, sehr schmeicheln. Wir dürften also aus Rom eine positive Rückmeldung erhalten und auch andere Bischöfe und Fürstbischöfe dürften das als wohlwollendes Zeichen sehen. Zudem ist Latein - trotz aller Wandlungen - immer noch eine sehr internationale Sprache, die an den meisten Universitäten gesprochen und allen Ländern Europas gelehrt wird. Auch die alten Familien und Gelehrten dürften eine solche Entscheidung gutheißen, eben jene, die eine Entscheidungen zugunsten der Sprache des Pöbels bekämpfen würden.

Aber da liegt dann auch der Knackpunkt. Das einfache Volk und auch Teile der Mittelschicht wird kaum noch ein staatliches Gesetz verstehen ohne anwaltliche oder notarielle Hilfe. Aufgeklärte Kreise werden es geradezu als Ausschluss des Volkes von der Politik verstehen. Es wäre geradezu eine anti-fortschrittliche Geste, im Zeitalter der Nationalsprachen zurück ins Mittelalter zu wollen. Und sie hätte auch hohe Anforderungen an unsere Beamten, wenn diese sich alle ins Lateinische wiedereinarbeiten müssten. Es würde auch eine ziemliche Bürde für unsere eigenen Behörden werden.

Sodann kommt Foscari zur dritten Möglichkeit.

Das Italiensiche ist womöglich ein guter Mittelweg, weil es einerseits nicht so unverständlich wie das Lateinsiche ist, andererseits aufgrund von Musik und Literatur genügend Prestige in der Welt hat. Die großen Staaten der Halbinsel befinden sich bereits auf diesem Weg. Viele träumen bereits von einer italienischen Sprachunion, die vielleicht einmal einer politischen Union vorausgehen soll.

Womit wir natürlich unsere eigene palatinische Identität zugunsten einer gesamtitalienischen zu einem nicht ungefähren Teil aufgäben.

beendet er seine Zusammenfassung, räuspert sich

Mio Doge, vielleicht geben wir uns die Antwort gerade selbst, indem wir die Sprache, in der wir kommunizieren, auch zu jener machen, in der wir verbindlich schreiben. Das wäre die pragmatischste Lösung.
In dem Moment, da sich der Staat von seinen kulturellen Fesseln löst – der Kirche, zivilen Institutionen, Sitten und Bräuchen – wendet sich nicht nur der Bauer gegen den Adligen, sondern auch der Arme gegen den Reichen; aus Gleichheit vor dem Recht pervertiert die Vorstellung sozialer Gleichheit. Zuletzt wendete sich gar der Idiot gegen das Genie, weil dieser das Verbrechen begangen hat, anders zu sein als er selbst. - Vittorio Barzoni

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Michele di San Trovaso
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Re: Das Castello

Beitrag von Michele di San Trovaso »

"Natürlich, Consigliere. Jede Aktion die wir tätigen, wird eine Reaktion hervorrufen, vor allem, wenn es um so etwas Essentielles wie die palatinische Bürokratie geht."

Michele wusste, dass die Koalition zwischen Vittoriani und Serenissimi nicht felsenfest war und vor allem die Konservative Fraktion stark an ihren Gebräuchen und ihrer Identität festhielt. Die Leonisten waren keine Revoluzzer - im Gegenteil. Sie versuchten, die Republik zu alter Größe zurückzuführen. Und wenn das hieß, dass man sich von schwerem Tand löste, alte Gepflogenheiten auf den Prüfstand stellte und dann entschied, was das Wohl der Republik am meisten nähren würde - dann war das trotzdem Reaktionismus in seiner reinsten Form. Es ging nicht ums Bewahren. Es ging um das Zurückführen zu einem besseren Zustand.

Balance. Da war das Thema wieder. Der Doge kratze sich am glattrasierten Kinn, ließ den Blick schweifen, wie so oft, wenn er einem komplexen Gedanken nachging.


"Die Debatte ist nicht neu, mein bester Consigliere. Und ich bin mir der verschiedenen Vorzüge und Nachteiligkeiten der Sprachen bewusst, die wir in der Republik zu sprechen pflegen."

Es war ein Drahtseilakt. Eine Amtssprache zu wählen - so einfach dieser Akt auch erschien, so weitreichend waren seine Konsequenzen. Michele war sich bewusst, dass Latein zwar dem Klerus schmeicheln würde - aber kaum noch benutzt wurde. Selbst in den Nobili-Familien wurde Latein nur noch in der Schulbildung angesprochen, im Alltag hatte es außerhalb der Kirche jegliche Bedeutung verloren.

Und dann war da der Palatinische Dialekt. Von einer rauen Schönheit, würde man sagen. Ein Mischmasch der verschiedenen Regionen - Toskanisch, die Sprache des Latiums, gemischt mit Begriffen aus dem Spanischen ... es war ein wilder Dialekt, der auch nochmal in den Regionen unterschiedlich ausgeprägt war. Ein Portovecchianer mochte einen Palatiner aus der Hauptstadt verstehen, doch bei Borghetto war die Sprachbarriere wieder um einiges Größer und einen Belgraner verstand so oder so niemand. Doch trotzdem einte dieser Dialekt die Republik, war Teil der Identität der Palatiner. Sie direkt abzuschaffen hätte ein falsches Signal nach außen gesendet.

Und dann war da Hochitalienisch. Es war eine seltsame Sprache, die eigentlich nirgends und doch überall gesprochen wurde. Gebildete, Aristokraten, Bürger, die was auf sich hielten und auch nicht ganz unterschwellig dem Nationalgedanken einer vereinten Appeninhalbinsel hinterherhingen, hatten die Sprache Salonfähig und auch gängig gemacht. Es einte, über Grenzen hinweg. Es war simpel, standardisiert. Effizient und doch von graziler Anmut. Die Entscheidung, Hochitalienisch einzuführen, wäre auch für einen nicht kleinen Teil der Bevölkerung schon bereits keine große Umstellung - in der Città Antica hörte man kaum noch andere Sprachen - außer Französisch und Englisch.


"Ich danke euch für das Resümee, mio Consigliere. Es scheint, dass, zumindest für mich, die Wahl recht eindeutig auf Hochitalienisch fällt. Doch gilt es auch zu beachten, die einfacheren Schichten der Stadt und auch der Republik mitzunehmen, in dieser Entscheidung und Umstellung. Eine Übergangsphase, in der Palatinisch weiterhin genutzt wird, scheint mir sinnvoll. Der Balanceakt zwischen Effizienz und Akzeptanz wird mein größtes Augenmerk erfordern. Ich werde mir die Sachlage in Ruhe noch einmal zu Gemüte führen, mit den entsprechenden Ministerien Rücksprache halten und euch vor meiner Entscheidung meine Gedanken nochmal geordnet zukommen lassen - ihr werdet das ebenso mit der gewohnten Korrespondenz heute Abend zugeschickt bekommen, sollten wir uns bis dahin nicht mehr sehen."

Der Doge setzte sich wieder an seinen Schreibtisch, nahm ein weiteres Schreiben zur Hand.

"Lord Hesketh-Fortescue werde ich später im Billiardzimmer empfangen. In seinem Spiel war der Botschafter stets etwas ... einfacher zu handhaben. Danach werde ich mich mit den jeweiligen Ministern im Ministerium für Bürokratie und im Ministerium für Reglementierung des Ministeriums für Bürokratie treffen. Bis zu unserer nächsten Sitzung morgen früh um neun sollte sich also einiges getan haben, im Staate Palatina."
Michele di San Trovaso

"Man muss hart arbeiten, um zu regieren." - Louis XIV

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