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Der Hof
Verfasst: Samstag 9. Mai 2020, 20:21
von Die Signoria
Der Hof von San Vittorio
Was einmal ein klassischer Burghof war, hebt sich deutlich von dem ab, was man erwarten würde. Zwar befinden sich hier bis heute Stallungen und auch ein kleines Waffenlager der Garde. Ansonsten haben sich aber viele Neubauten in das Ensemble gequetscht, so eine neue Küche, ein Gesindehaus und eine Wäscherei. Vor dem Aufgang zum Castello gibt es einen großen, gepflasterten Platz mit Kutschenparkplätzen – der Rest des Burghofs ist mit Hecken und Bäumen zu einem Garten nach barockem französischem Vorbild ausgestaltet. Der ranzige Geruch von Pferdemist ist längst einem erfrischenden Duft von Blüten und Blättern gewichen. Gärtner gießen die Pflanzen, Diener kehren Treppen und Wege. Zwei Reiterstandbilder flankieren den Aufgang zum Castello, im Park warten Statuen griechischer und römischer Staatsmänner. Zwei Dogengardisten patrouillieren an den Festungswinkeln, sind aber angehalten, sich möglichst ruhig zu verhalten, um die zwitschernden Holunderdrosseln in den Sträuchern nicht zu stören.
Re: Der Hof
Verfasst: Dienstag 27. Oktober 2020, 21:43
von Marco Foscari
Rote Streifen zeigen sich am Himmel. Der Uhrenturm des Castello läutet fünfmal. Ein Brunnen plätschert vor einem aus der Hecke geschnittenen Hermelin. Blüttenblätter in Gelb und Rosa zieren die Gärten des Burghofes. Die Hände auf dem Rücken gefaltet spaziert der Dogenberater durch einen stillen Winkel der Anlage. Auf Sna Vittorio verbrachte er häufig längere Zeit. Immer wieder kamen wichtige Leute aus der Stadt und der Republik, um Michele zu treffen, sich mit ihm zu beratschlagen, ihn um etwas zu bitten, ihm etwas vorzuschlagen, zu fordern, zu erflehen; häufig auch, um ihm Informationen zu bringen, Bericht zu erstatten und in Kenntnis zu setzen.
Foscari hatte schon von Vargazza gelernt, dass man seine Kontakte pflegen und isolieren sollte. Die Zeiten, in denen die Regierungspolitik am Republikplatz gemacht wurde, war lange passé. Mochten Parlamentarier und Senatoren dort weiterhin ein- und ausgehen und die Minister verwalten. Die Exekutive blieb mittlerweile fast ausschließlich in der Nähe des Dogen beim Castello. Die offiziellen Büros der Dogenberater waren längst verwaist und vor Jahren in der Festung neugebaut worden. Nominell waren die Dogenberater immer noch die Vorsteher der Stadtteile; de facto führten sie als Staatssekretäre die Regierung, welcher der Doge vorstand. Palatina kannte keine geschriebene Verfassung, es hatte sich so entwickelt, und es würde sich in noch einmal hundert Jahren wieder anders entwickeln.
Für ihn bot die Festung einen geeigneten Ort. Man konnte Vertreter der Provinzen und Kommunen sprechen. Sich austauschen. Essen gehen. Parlamentarier und Senatoren interessierten ihn weniger; sie hatten nur eine Stimme in den Räten. Bürgermeister, Barone und Ortsvorsteher übten dagegen richtige Macht aus. Sie kannten ihre Leute nicht über Dokumente, sondern über das Gesicht. Ein Plausch mit dem Baron Montasio von Ocascura. Ein Essen mit dem Giudice von Lancelotti. In den Kommunen war das Leben noch normal. Die Leute waren normal. Sah man vielleicht von Mortadella ab.
Überall sonst spitzte man die Ohren, wenn man von den Umtrieben in San Paolo hörte. Der Rückhalt der Ritter von San Leone fand sich insbesondere auf dem Land. Und Foscari war froh, dass wenigstens diese Flanke nicht offen war und bleiben würde, gleich, wie unkontrollierbar die Jakobineragitation würde. Für das Land reichten diese offiziellen Kontakte.
Für die Stadt nicht.
Der fünfte Schlag ist schon vorbei. Wieso verspätet Ihr Euch?
Foscari schaut streng zu einer Gestalt, die einen braunen Kapuzenübermantel trägt. Sie steht im Schatten eines Vorbaus der Burg. Zwischen Quittenbäumen.
Die angesprochene Person bleibt stumm. Sie übergibt dem Dogenberater stattdessen ein Couvert.
Wurde auch Zeit ...
Keine guten Nachrichten