Die Wälle

Auf der Spitze des Palatin liegt die Festung San Vittorio, um die sich mittlerweile ein kleines Dorf gebildet hat. Aus dem Zentralbau der Festung, dem Castello, ist in den Jahrhunderten der Sitz des Dogen entstanden, der diesen kleinen Stadtteil Palatinas direkt regiert.
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Die Signoria
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Die Wälle

Beitrag von Die Signoria »

Die Wälle von San Vittorio

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Meilenweit sieht man die hohen Renaissancemauern der Fortezza San Vittorio, prägen die Landschaft von Hügeln und Hainen. Unverändert seit dem 16. Jahrhundert stehen sie, unbeeindruckt von zwei Erdbeben und zwei Belagerungen. Die lange Friedenszeit hat sie konserviert. Sie thronen auf den Klippen des Palatin, der hinter der Festung steil bergab geht. Von hier aus geht der Blick bis weit ins Umland, und immer noch patrouillieren die Dogengardisten Tag und Nacht, obwohl die Wache zum reinen Ritual geworden ist. Näherte sich ein Feind, man wüsste es längst. So ist der Gang auf der Festung auch eher die Beschäftigung der Dogen selbst geworden, die in den letzten beiden Jahrhunderten hier spazierten, nachdachten, Pläne und Entschlüsse fassten …
Wissen Sie, warum die europäische Gesellschaft stirbt? Sie stirbt, weil sie vergiftet worden ist. Sie stirbt, weil Gott sie geschaffen hatte um mit der katholischen Substanz ernährt zu werden und weil Kurpfuscher ihr die rationalistische Substanz als Nahrung verabreicht haben. Die einzelnen Menschen können sich noch retten, weil sie sich immer retten können. Aber die Gesellschaft ist verloren, nicht deshalb, weil ihre Rettung eine radikale Möglichkeit an sich darstellt, sondern weil die Gesellschaft meiner Überzeugung nach ganz offenbar nicht gerettet werden will. - Juan Donoso Cortés

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Michele di San Trovaso
Seine Exzellenz
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Re: Die Wälle

Beitrag von Michele di San Trovaso »

Es war die Freiheit, die ihn trieb. Schlaflose Nächte bereitete. In der Ecke lauerte, jederzeit bereit, ihn anzuklagen. Freiheit, das hieß nicht nur das Recht jedes einzelnen, das hieß nicht nur endlose Möglichkeiten zu haben. Freiheit bedeutete auch Pflicht. Sie zu wahren. Zu schützen. Sich um sie zu sorgen, sie zu beobachten, sie zu studieren.

Freiheit war vielleicht die schlechteste Liebhaberin, die Michele jemals gehabt hatte.

Der Doge Palatinas stand einsam auf den Wällen der Fortezza - oder so einsam, wie es mit zwei Dogengardisten hinter ihm und seinem Sekretär ging. Zumindest wahrten sie einen respektvollen Abstand, während sie ihren Dogen sinnierend auf den Wällen stehen ließen. Und doch - eigentlich war er einsam. Nur, weil Personen um ihn herum waren, hieß es nicht, dass er es nicht spürte, diese Barriere, die sich zwischen ihm und allen anderen aufgebaut hatte. Nicht mehr "Ser San Trovaso", sondern "Vostra Eccelenza". Die ersten Tage hatte es ihn amüsiert, sogar mit einem gewissen Stolz erfüllt, dass er sich diesen Respekt erarbeitet hatte. Bis er langsam begriff, was es noch hieß. Wie weit plötzlich alle von einem entfernt waren, die er bis vor wenigen Wochen noch gesehen, mit denen er diskutiert, diniert hatte. Es war ein Prozess, das hatte man ihm gesagt, Doge zu werden. Mit der Wahl war das keinesfalls vorbei - sondern begann erst richtig. Selten, ganz selten, überlegte Michele, ob er nicht auf den Rat seines Vaters hätte hören sollen.

Aber dann rief die Freiheit. Die Freiheit der Republik. Etwas, wofür er sich aufgeopfert hatte. Etwas, wofür er jahrelang hingearbeitet hatte. Seine Ideale waren eine Bürde, die er aber tagtäglich beschwor, hochzuhalten und zu erleiden. Weil er daran glaubte - an Freiheit. Und an die Republik.


"Ist der Foscari schon da, Dante?"

"Sì, Vostra Eccelenza. Ihr werdet auf der Fortezza erwartet."

Michele ließ noch einmal den Blick in die Ferne schweifen. Auf die goldenen Hügel hinter der Festung, hinter denen auch seine Familie auf dem Landgut lebte. Wo im Norden die Habsburger in Florenz saßen - und wo, noch viel weiter weg, fast nicht greifbar derzeit, in Frankreich Könige ermordet und Emporkömmlinge regierten. Michele wusste, was die Nobiluomini sagten, was ihre Kontakte im Ausland weitererzählten. Und er wurde das dumpfe Gefühl nicht los, dass selbst diese Festungsmauern, auf denen er stand, die bereits Jahrhunderte gesehen hatten, Erdbeben und Belagerungen getrotzt hatten, ihn nicht vor dem schützen konnten, was er noch sehen würde. Doch er musste standhaft bleiben. Für die Freiheit. Für Palatina.

Weiter im Castello
Michele di San Trovaso

"Man muss hart arbeiten, um zu regieren." - Louis XIV

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