Die Taverne „Arsinoë“

Das Viertel der Fischer und Arbeiter ist der dichtbewohnteste Stadtteil Palatinas. Mit dem handelspolitischen Niedergang der Republik hat das Militär und die Waffenmanufaktur hier deutlich an Einfluss gewonnen. Die Cittadella und das Arsenal sind militärisches Sperrgebiet.
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Don Giacomo
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Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Don Giacomo »

Die Taverne „Arsinoë“

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Nicht weit vom Campo Trinità in der gleichnamigen Contrade liegt an einer Kanalbrücke die Taverne Arsinoë. Früher stand hier eine alte Brauerei, die aber längst vergessen ist, und von deren Überbleibseln das Gatshaus lange gezehrt hat. Der eine oder andere Kessel - und angeblich auch ranziges Bierfaß - steht im Keller, aber der Brauereibetrieb wurde schon lange aufgegeben. Woher der Name des Etablissements rührt, bleibt ein Geheimnis; einige spekulieren, dass es sich um eine hochtrabende Anspielung auf eine antike Königin handelt, wieder andere halten es für viel glaubwürdiger, dass es sich um einen direkten Verweis auf das gleichnamige, berüchtigte Schmugglerschiff hochkarätigen Schnupfzuckers aus der Neuen Welt handelt.

Mit der Verlagerung des Armenviertels weiter Richtung Süden und der Verwahrlosung der Contrade "Feste Inseln" wurde Santa Trinità zum Brennpunkt des modernen Palatina - und damit auch dieser Ort, der fast genau im Zentrum dieses Stadtteils liegt. Gesindel, Gauner, Schmuggler und Hehler machen hier ihre Runden, aber auch die ganz normalen Männer aus der Waffenmanufaktur betrinken sich hier zum Arbeitsende.

Vor Jahren hatte die Kaschemme einen noch schlimmeren Ruf als heute. Mit der Übernahme durch Don Giacomo hat sich das Etablissement etwas gebessert, insesondere wurde der Bordellbetrieb eingestellt. Der Dominikaner versucht die Atmosphäre familiär zu gestalten, und familiär heißt hier: man kennt sich, man hilft sich, und verzichtet darauf, sich innerhalb der Mauern die Kehle abzuschneiden, weil der Dominikaner dem Störenfried sonst Feuer unterm Hintern macht - im wahrsten Sinne des Wortes.
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Don Giacomo
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Don Giacomo »

Die Türe schlägt auf. Giacomo tritt ein, hält mit einer Pranke die Klinke, damit Luca mit dem Krug folgen kann. Danach verschwinden seine Hände zwischen dem Habit. Die Wärme aus dem offenen Kamin füllt den Raum, vertreibt die Kälte, die sich eben auf seinen Körper gelegt hatte. Tabakrauch liegt in der Luft, mischt sich mit dem Aroma von Gewürzwein und Hochprozentigem, dazwischen fetter Bratengeruch.

Die Taverne hat sich mittlerweile geleert. Maddalena weist ein paar Zecher aus dem Haus, nachdem sie Becher und Teller weggeräumt hat. Ein böser Blick Giacomos zu einem rauchenden Hehler hilft diesem auf die Sprünge, es ihm gleichzutun.


Maddalena, wärm doch bitte etwas von dem Pferdefleisch auf, das du in Essig gelegt hast.

Seine Stimme klingt deutlich milder als eben auf der Straße. Luca muss jedoch feststellen, dass das nur an die Köchin gerichtet ist. Ohne zu ihm zu sehen, fährt er fort mit dem letzten Gespräch.

Zum vierten Stundenschlag nach Mittag. Ich werde ein paar Psalmen rezitieren. Dann die Litanei der Heiligen anstimmen. Danach Fünf Ave Maria. Zuletzt das Bittgebet mit einem kleinen Exorzismus. Die Passagen jeweils von einem Pater noster unterbrochen.

erklärt er, schaut dann zu ihm:

Wir werden viel Weihrauch und viel Weihwasser verwenden. So wie in zivilisierten Teilen der Welt.

"Und du wirst knien, bis dir die Knie bluten" fügt er in Gedanken hinzu. Aber Luca konnte sich das denken. Giacomos Mittel waren begrenzt, aber für den Ritus opferte er alles. Das wenige Geld, das er verdiente, hatte er erst kürzlich für ein prächtiges Gewand ausgegeben. Jahre hatte er dafür gespart. Nichts ging über die Würde der Feier. Sie brachte Blattgold und Samt in eine Welt aus Dreck und Blut. Santa Maria Maddalena zu reinigen würde eine Zeremonie werden, deren Licht alles überstrahlen würde.

Setz dich.

Giacomo hat Platz an einem Banktisch genommen. Er weist auf den Platz ihm gegenüber hin.
Und fügt dann hinzu:


Du willst mir sicherlich sagen, wen du suchen musst, wenn dein Suchen mindestens so wichtig ist wie eine Heilige Messfeier, die ein Gotteshaus heiligen soll. Es muss eine sehr wichtige Person sein. Mit Sicherheit wirst du sie kennen.

Der letzte Satz ist nicht sarkastisch, nicht vorwurfsvoll- aber mit einer Deutlichkeit vorgetragen, die Luca signalisiert, dass er ihn hier besser reinen Wein einschenken sollte.
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Luca
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Luca »

Hmmm... Luca spürt dem Geruch warmen Essens nach, der ihm bereits in der Tür entgegen schwebt. Tatsächlich war seine letzte warme Mahlzeit die gewesen, die Dom ihm vor ein paar Wochen an irgendeinem Straßenstand organisiert hatte. Er verzieht das Gesicht. Hätte er bloß da schon "nein" gesagt.

Warmes Fleisch. Ja. Das klang gut!
Er nickt Maddalena zur Begrüßung freundlich zu.

Nachdem er den Krug an der Theke abgestellt hat, zieht er sich eilig das Hemd über. So in der Taverne fühlte er sich nun doch etwas nackt. Außerdem hatte er auf dem Weg an sich herunter geschaut und bemerkt, dass er auch noch zwei große blaue Flecken unterhalb der Schlüsselbeine hatte...

Er schaudert, als der kalte, feuchte Stoff seine Haut berührt, doch schon im nächsten Moment ist auch wieder die warme Kaminluft zu spüren, die sich durch diese nasse Barriere hindurchdrückt. Sicherlich würde es schnell trocknen.

Dann dringen Don Giacomos Worte an sein Ohr. Er hatte beim Anziehen nur halb zugehört und jetzt wird ihm gerade gewahr was er da sagt. Psalmen, Gebete, Weihrauch? Luca kann nichts gegen den bestürtzten Ausdruck unternehmen, der sich auf seinem Gesicht breit macht. Mit leicht geöffnetem Mund und gekräuselten Augenbrauen schaut er den Dominikaner an, jedes Wort hallt in seinem Kopf nach. Jetzt versteht er auch, warum Giacomo vorhin davon gesprochen hatte, einen Messdiener für die Reinigung zu brauchen! Er hatte sich über diese Wortwahl bereits gewundert, doch der Geistliche tendierte ohnehin dazu, alles mögliche als "Gottesdienst" zu betrachten, dass für Luca nur schwerlich damit in Verbindung zu bringen war. Er hatte sich folglich nichts weiter dabei gedacht. Das war definitiv viel schlimmer als Putzen. Und es klang so, als würde es sich seeeeehr lange hinziehen.

Giacomo hatte schon als Luca noch jünger war öfter versucht ihn in solche.... "Tätigkeiten", so man es denn überhaupt so bezeichnen konnte einzubinden, doch er hatte sich oft erfolgreich gedrückt. Das ewige Ausharren war noch viel schlimmer als Putzen oder alles andere. Es war nicht nur nervig, es war beinahe unerträglich. Nein, es war unerträglich. Aber diesmal würde er wohl nicht darum herumkommen...


Verstehe...
sagt er kleinlaut, setzt sich dann zum Padre an den Tisch, die eine Hand vor sich um die Faust der anderen gelegt.

In seinem Habit wirkt Giacomo in der Taverne stets irgendwie deplatziert. Das saubere, leuchtende Weiß, das würdevolle Wallen des weiten Stoffes bei gleichzeitiger Schlichtheit, die Ruhe und Selbstsicherheit mit der der Dominikaner dieses Gewand trägt, sie alle standen stets im Kontrast zur primitiven, umtriebigen und bisweilen verruchten Atmosphäre der Taverne und wirkten so sehr auf diese zurück, dass sie die Spelunke fast zu einem anderen Ort machten. Gefühlt sitzt Luca mit mindestens einer Gesäßhälfte nicht auf einer Tavernen- sondern auf einer Kirchenbank.


Sein Blick wandert seitlich zum Kamin, einen Moment schaut er nicht nur ausweichend, sondern auch nachdenklich ins Feuer, dann vor sich auf den Tisch.

Er heißt Dom.

Beginnt er dann stockend, aber mit entschlossenem Tonfall.

Ich sollte für ihn einen Warenaustausch durchführen.

Die Waren einer anderen Person annehmen, zu ihm bringen, dann später wieder Geld an diese Leute.

Unsicher wandert sein Blick kurz zu Giacomo um abzuschätzen wie der Dominikaner reagiert. Lucas Handfläche knetet unruhig die Finger der anderen Hand, ansonsten wirkt er ruhig und gefasst. Den Blick auf selbige gesenkt fährt er fort.

Dom hat kein Geld, aber besondere Kontakte. Deshalb war es abgemacht, dass er nicht im Voraus bezahlt, sondern den Lieferanten am Gewinn beteiligt. Für mich sollte auch ein wenig was abfallen...

... und ich brauchte Geld. fügt er dann zerknirscht hinzu.

Es war natürlich klar, dass das alles ein wenig heikel so ist... aber letztlich hatte ich ja viel weniger Risiko als der Lieferant und der hat sich ja auch drauf eingelassen!

versucht er dann seine Entscheidung deutlich aufgebrachter zu rechtfertigen. Seine Augen wandern für einen kurzen Moment zu Giacomo, als könne er diesen mit einem unschuldig flehenden Blick überzeugen, dann senkt sich sein Kopf wieder.

Außerdem hatte Dom mir vorher geholfen... ich schuldete ihm was.

Er seufzt.

Jedenfalls behauptet Dom jetzt die Ware sei nicht in Ordnung und er könne sie nur schlecht loswerden. Deshalb hat er bisher kaum etwas an den Lieferanten gezahlt. Und jetzt machen sie mir Druck...
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Don Giacomo
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Don Giacomo »

Maddalena kommt mit einem Topf vorbei, lächelt halb, bevor sie zum Kamin geht. Ein Holzscheit knallt in den kamin, ein Zündholz flackert. Der Schürhaken stochert zwischen glühender Asche.

Giacomo hat sich bei der Geschichte zurückgelehnt. Die letzten Wochen hatte er sich Gedanken gemacht, was mit Luca passieren konnte. Der Vorfall in Santa Maria Maddalena betraf ihn besonders, da er als einziger das Gotteshaus wieder reinigen konnte. Aber er hatte noch ganz andere Fälle bestatten müssen. Seit Jahrzehnten ging Santa Trinità vor die Hunde; und in den beiden Jahrzehnten, die er erlebt hatte, war keine Besserung zu sehen. Zuerst hatten die Behörden weggeschaut; dann hatten sie sich nicht mehr interessiert; zuletzt hatte man sie vergessen. Den letzten Wächter, so erzählten ihm die Greise, habe man in Santa Trinità im Jahr 1757 gesehen - Jahre, bevor die Wache aufgelöst worden war.

Man fand Gewichtfälscher in den Kanälen treiben. Kartenbetrüger lagen blutig in den Ecken. Man musste nicht der Mörder eines Mörders sein, um wie ein Mordopfer zu enden; es reichte, wenn man ein Exempel statuieren wollte, oder weil man einfach im falschen Moment an die falsche Person geriet. Giacomo hatte mit allem rechnen müssen; was Luca geschehen war, war daher noch Glück.


Dieser Dom ... gehört er zur Casa Nostra oder der Sodoma?

Das war die erste Frage. Die wirklich gefährlichste Sache in Santa Trinità bedeutete, wenn man in den Bandenkrieg geriet. Die Casa Nostra und die Sodoma hatten Kanäle und Straßen als Revier abgesteckt. Sie stritten um Schmuggelware, Bordelle und die Kontrolle über Hausparzellen, von denen sie Schutzgeld erpressen konnten. Sie redeten von Ehre und von Loyalität. Das meiste Blut, das zwischen Manufaktur und der Porta Castiglione floss, klebte an ihren Händen. Sie waren einerseits die größte Gefahr in dieser Contrade - und zugleich der einzige Faktor, der durch Organisation, Netzwerke, Arbeit und Fürsorge so etwas wie Ordnung nach Santa Trinità brachten.

Giacomo wusste das. Denn er bestattete und taufte. Auf beiden Seiten.


Wie bist du an diesen Dom gekommen?

fragt er weiter
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Luca
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Luca »

Zu keiner von beiden, glaube ich.

Beantwortert Luca die erste Frage direkt.

Er kommt eher von außerhalb.
Ich habe ihn im Viertel auch vorher noch nicht wirklich gesehen.

ergänzt er Schulterzuckend, wird dann wieder still.

Es verunsichert Luca, dass Don Giacomo sich alles so ruhig anhört. In seinem Gesicht waren unmöglich seine Gedanken zu lesen und auch die Nachfragen klangen einfach nur sachlich. Einerseits macht ihm das das Erzählen einfacher... andererseits hatte er Sorge sich in falscher Sicherheit zu wiegen und am Ende eine böse Überraschung zu erleben.

Es fällt ihm sichtlich schwer zur Antwort der zweiten Frage anzusetzen. Angestrengt kaut er auf seiner Unterlippe.


Ich hatte Ärger mit...

jemand anderem.

Er macht eine Pause, als müsse er sich versichern, dass Giacomo nicht jetzt die Fassung verlor. Immerhin ist die Vorgeschichte der ganzen Sache noch wesentlicher unrühmlicher, als das Problem als solches. Er würde versuchen die allzu belastenden Details auszusparen, aber vermutlich würde Giacomo ahnen woher der Wind wehte und vielleicht nachfragen.

Dann erzählt er weiter.

Er hat das mitbekommen und mir geholfen.
Es kam mir komisch vor, ich wollte das eigentlich nicht und habe versucht ihm aus dem Weg zu gehen...

Aber er hat mich am nächsten Tag auf der Straße gesehen und meinte, ich solle ihn wenigstens anhören.

Dass Dom sich dieses "Anhören" mit einer Schale Suppe mit Fleischeinlage erkauft hatte, während Luca noch unter den Auswirkungen nachlassenden Zuckers in einer Straßen-Ecke mehr lag als saß, sparte er lieber aus. Es würde Giacomo zu viele Hinweise darauf geben, wie die Tage davor verlaufen waren, und womöglich weitere unangenehme Fragen aufwerfen. Sein Gefühl sagte ihm allerdings, dass einige dieser Art so oder so zu befürchten waren.
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Don Giacomo
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Don Giacomo »

Wo die Welt unchristlicher und unchristlicher wurde, kompensierten es die Menschen mit dem Satanischen. Das galt für Völker wie Individuen. Die Welt war das Reich des Teufels. Aber das da draußen vor der Türe war Gomorrha. Luca hatte sich dafür entschieden. Vielleicht aus Wut, vielleicht aus jugendlichem Übermut, vielleicht aus Leichtsinn - aber es war freiwillig und ohne Zwang erfolgt, tief in die Schluchten herabzusteigen, die nach Fabrikschwefel und Kanonensalpeter rochen. Schaute man Abends zur Manufaktur, wo noch spät die Schlote qualmten und eine Feuersbrunst nach der nächsten in den Fenstern loderte, dann konnte man tatsächlich glauben, dass sich der Höllenfürst hier einen Sitz eingerichtet hatte.

Was nützte einem die Seele, wenn man an der Welt verlor - das fragten sich nahezu alle Menschen in dieser gottlos gewordenen Zeit. Die Korruption des Glaubens war nicht nur Sache feister Pfründebesetzer, die sich eher von Politik als Jesus Christus leiten ließen; oder von schwadronierenden Salonrevolutionären, die mit ihren Sophistereien Gott beleidigten. Was Giacomo schmerzte, war vielmehr der Verlust des Glaubens im einfachen Volk. Es war aristokratisch geworden. Das hieß für ihn: korrupt, egoistisch und auf Genuss bedacht wie die Nobili. Sie sündigten, weil sie es einfach haben wollten. Umstände gab es; aber niemand war verdammt dazu, sie zum Leitbild zu erheben.


Wie oft hast du dich gefragt - als du das alles getan hast - ob du das Richtige tust? Mit "richtig" führt er aus meine ich nicht, was du für dich als richtig erwogen hast; sondern objektiv, ob das, was du tust, richtig an sich ist.

Giacomo unterbricht damit die Erzählung. Er will nun etwas anderes hören. Nicht nur Fakten. Nicht nur, was Luca sich nicht dabei gedacht hatte; sondern was er gedacht hatte.

Und glaubst du, dass, wenn du eher nach letzterem als ersterem gegangen wärest, im Dreck unter deinem eigenen Blut aufgewacht wärest?

Ein Metalldeckel tönt, hebt sich vom Fleischtopf. Im Hintergrund zieht sich Maddalena zwei graue Topflappen an, die so ausgeleiert sind, dass man ihre ursprünglich bläuliche Farbe mit weißen Mustern kaum noch erkennen kann. Sie bringt ihn mit einem leichten Scheppern zur Bank von Luca und Giacomo, stellt ihn dann ab. Unter ihrer Schulter holt sie ein Holzbrett vor, schiebt es zu Luca rüber.

Mit einem Spieß sticht sie in den Topf, fischt ein dampfendes, dünnes Stück Pferdefleisch hervor, begleitet von einem Duft aus Öl, Essig, Petersilie und Wacholder.


Danke, Maddalena.

Er verschränkt die Arme, beugt sich auf diesen vor, schaut Luca streng an. Die Botschaft ist klar: bevor Luca sein Gewissen nicht erforscht hat, gibt es hier kein Fleisch. Eher würde er ihn für die nächste Mahlzeit selbst zerfleischen. Die Dominikaner hatte man als "domini canes" - Hunde des Herrn - bezeichnet. Tatsächlich ähnelt Giacomo in diesem Moment einem Hund.

Und am ehesten noch einem angriffsbereiten Molosser.
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Luca
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Luca »

Merkwürdiger Weise wirkt Don Giacomo immer noch irgendwie gelassen auf Luca. Nach wie vor ist ihm die Situation unangenehm, er kann nicht einschätzen, woran er gerade ist.

Doch dann werden seine Gedanken von dem gebrachten Kessel mit Fleisch abgelenkt. - Und von seinem Hunger, den er jetzt wieder deutlich spürt. Nicht nur der Anblick des saftigen Bratenstücks lässt ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen, alleine der Geruch, warm, intensiv und würzig ist unglaublich verlockend.

Fast sind seine Bedenken vergessen, als der Dominikaner sich plötzlich nach vorne lehnt. Mit einem Mal ist dessen Skepsis, Kritik, die Ablehnung seiner Taten und das was er wahrscheinlich dahinter vermutete voll zu spüren. Nicht nur sein Blick, auch seine Frage lastet auf Luca.

Er hatte damit gerechnet weitere unangenehme Details beantworten zu müssen, dazu genötigt zu werden den ein oder anderen Fehltritt gestehen zu müssen, von denen es, insbesondere aus den Augen des Padre in den letzten Wochen so viele gegeben hatte.

Die nun aber tatsächlich gestellte Frage überfordert Luca. Aus seinem Gesicht weicht für einen Moment jeglicher Ausdruck, während er Giacomo ansieht. Dann presst er die Lippen aufeinander.

Die Antwort ist vermutlich einfach "nein".

Nein, er hatte sich nicht gefragt, ob dass was er tut "grundsätzlich" richtig war. Nein, er hatte sich eigentlich nichtmals gefragt ob es überhaupt für irgendwen richtig war. Eigentlich hatte er gerade in den ersten Tagen nur versucht, irgendeinen Weg zu finden, mit seiner Wut und der Verzweiflung fertig zu werden, irgendwie der allgemeinen Sinnlosigkeit und der Anspannung zu entfliehen, indem man einfach nicht daran dachte. Und danach hatten sich die Dinge nunmal so ergeben.

Nein, er hatte auch als er Dom für den Auftrag zugesagt hatte nicht darüber nachgedacht, ob dies in irgendeiner Weise richtig oder falsch wäre.

Und nein... vielleicht wäre der heutige Morgen anders verlaufen, wenn...

Ja, wenn was?

Die Frage für Luca war viel weniger, ob das was er getan hatte richtig war, sondern vielmehr was er denn, wenn er überlegt hätte und zu dem Schluss gekommen wäre, dass es falsch war, hätte anders tun sollen? Was er hätte anderes tun KÖNNEN.


Ich... ich weiß es nicht.

antwortet er betreten.
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Don Giacomo
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Don Giacomo »

Also nicht.

So mussten sich die Guillotinenbeile anhören, wenn sie auf dem Pariser Platz der Republik nach unten sausten. So scharf klingt Giacomos Urteil. Seine Augen senken sich. Ist es Enttäuschung? Resignation? Nein, es ist Akzeptanz des Unvermeidlichen. Offensichtlich hatte er dem Jungen nichts beigebracht. Gar nichts. Ein Gewissen in gewissenloser Umgebung zu formen, war so, als wollte man einen perfekten Krug ohne Töpferscheibe formen. Mit Ton, der porös und trocken war, dass er immer wieder zerfiel, wenn man am Rand arbeitete.

Das Leben für Calvinisten und Aufklärer war einfacher. Calvinisten glaubten an die Prädestination. Es war vorherbestimmt, ob man in die Hölle oder in den Himmel kam; ob man demnach ein guter, oder ein schlechter Mensch war. Der Calvinismus war nicht umsonst eine Religion der Wohlhabenden. Wenn man reich war, hieß das gewissermaßen, dass Gott einen lieben musste. Und wenn man glaubte, es schlecht zu haben, musste man noch mehr arbeiten und Geld verdienen.

Die Aufklärer hatten es ebenfalls leichter. Sie glaubten, dass Menschen von Natur aus gut waren. Bildung, Bildung, Bildung! Das formte sie. Veredelte ihre Humanität. Man musste sie nur anleiten. Wie ein Mann, der vor eine Wagenlore geraten war, und dessen Urteilsvermögen ein Leben lang geschädigt war, jemals einen Homer verstehen sollte - ein Kreuz im Großen Plan. Die Aufklärer sprachen von Freiheit, aber sie wussten gar nichts von der Freiheit; Freiheit, das war eine Last, keine Befreiung, eine Pflicht, keine Muße. Freiheit zwang zu Entscheidungen, tagtäglich.

Luca scheiterte bereits an der eigenen Freiheit, obwohl es hier nicht um Menschenrechte, Verfassungen oder Tyrannen ging. Die Aufklärer hatten die Freiheit weder errungen noch erfunden. Sie hatten die Freiheit verklärt. Die Leute vergaßen deshalb, dass Freiheit nicht bei Zeitungsartikeln, Meinungen oder Wahlen begann, sondern bei der simplen Entscheidung, ob man die Wahrheit sagte oder nicht, ob man davonfuhr, wenn man eine Hausecke mit dem Wagen gestreift und angeschlagen hatte, ob man das sagte, was man glaubte, oder vorgab, einer Meinung zu sein.

Gott liebte die Menschen; aber er verachtete Feigheit, Trägheit und Lauheit. Die Lauen waren die, die nicht einmal die Hölle verdient hatten.


Du hast also mit mir gebrochen, um dich dann treiben zu lassen.

fasst Giacomo etwas sardonisch zusammen

Und jetzt kommst du zurück, obwohl du frei warst. Du hast von der Frucht gegessen, und willst jetzt in den Garten zurück. Das bringt nur ein Adam fertig.

Er atmet tief durch.

Wie alle Menschen ...

Giacomo spürt, wie er diesen Satz nachklappen lassen muss. Was erwartete er? Er war kein Calvinist, kein Aufklärer. Sein Gegner war der Teufel selbst, mit dem er um Lucas Seele rang. Täglich. Immer und immer wieder.
Aber wenigstens etwas Mithilfe hätte er dabei schon verlangt!


Jetzt iss.

Er schiebt ihm den Teller rüber.

Und danach fängst du mit den Ave Marias an. 30.

erhöht er
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Luca
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Luca »

Luca schaut Giacomo bestürzt an.
Mit einem Mal ist ihm sämtlicher Appetit vergangen.

So ...getroffen, hatte Luca den Padre noch nie erlebt. Ja, natürlich ärgerte er sich über Luca. Das war nichts neues und kam häufig vor. Aber das jetzt war etwas anderes. Die Bitterkeit die in seinen Worten lag schien nicht primär gegen Luca gerichtet, es war kein Tadel darin, sondern vielmehr eine Verletztheit. Er kann es nicht einordnen, aber er spürt es deutlich. - Und das wiederum trifft ihn selbst.

War seine Antwort so schlimm gewesen? Was hatte er falsch gemacht? Wieso war es so relevant, was er nach dem Streit getan hatte?

Luca runzelt angestrengt die Stirn, schaut Giacomo immer noch an.


Ich... ich habe nicht mit Euch gebrochen!

Sagt er mit einem gewissen Schmerz in der Stimme. Dass er Giacomo großes Unrecht getan hat, sich unmöglich verhalten hatte, das war klar, das wusste selbst er. Aber er hatte es nicht getan, um sich absichtlich von Giacomo loszusagen. Schon gar nicht, weil er sich davon einen Lustgewinn versprach. Es war wie mit einem Krug, den man zu Boden warf, weil man wütend war. Aber nicht auf den Krug, sondern auf irgendetwas anderes. Am Ende war natürlich der Krug kaputt, aber das war nicht Ziel der Handlung gewesen. Und dann gab es plötzlich keinen Weg mehr zurück.

Ich war nur...
dumm.

Fügt er er kleinlaut hinzu.

Und ich habe mich auch nicht treiben lassen!

Die letzten Worte geraten schon wieder etwas aufbrausender, denn es liegt eine gewisse Wut darin. Wut darüber, dass Giacomo offenbar annimmt, er habe einfach nur widerstandslos in den Tag gelebt. Als ob es nicht ein ständiger Kampf gewesen wäre. Gegen alles mögliche. Wut darauf, mit diesem Kampf nicht gesehen zu werden. Aber vor allem Wut auf sich selbst, nicht in der Lage zu sein, Giacomo deutlich zu machen, dass das alles nichts mit Giacomo zu tun hatte. Dass es doch nur an ihm lag. Und das er nicht aus Gleichgültigkeit gegangen ist, sondern aus dem genauen Gegenteil. Am Ende ist es vor allem ein verzweifeltes Aufbrausen.
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Don Giacomo
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Don Giacomo »

Giacomo hebt die Mundwinkel. Kein Lächeln. Aber der Ausdruck minimaler Erleichterung, als Luca die eigene Dummheit eingesteht.

Wir machen Fortschritte.

Der Dominikaner kann für diese Nacht mit dem Satz leben. Luca war jung. Er kannte manchen Siebzigjährigen, der noch auf dem Sterbebett an seiner Torheit festhielt. Wenigstens auf diesem Feld scheint also der Junge nicht ganz verloren. Dass er so sehr dagegen rebelliert, der Acedia anheim gefallen zu sein, übergeht der Priester dagegen; es war deutlich zu spät, um nun mit der Unterrichtung über die Taubheit des eigenen Herzens zu beginnen.

Sie hatten Zeit genug. Er würde Zeit haben müssen.


Wenn man das Rechte nicht von dem Falschen unterscheiden kann, wird man unweigerlich Sklave des Letzteren.

Giacomo belässt es bei diesem Satz. Es waren Worte, über die Luca noch genügend Zeit haben würde nachzudenken. Womöglich kam er selber drauf. Wenn nicht, dann, wenn er reifer war. Aber irgendwann verstand er es.
Der Dominikaner erhebt sich von seinem Platz. Die zunehmende Dämmerung, die über den Dächern der Contrade scheint, macht ihn unruhig.


Es ist eine unheilige Zeit. Und ich muss schlafen gehen. Der alte Tartini ist bettlägerig und braucht die Beichte. Ich wollte ihn morgen Mittag besuchen - und einkaufen gehen. Kein Freitag ohne Lachs.

Er geht dann ein paar Schritte, bleibt aber dann stehen, als hätte er etwas vergessen.

Deine Kammer ist frei. Ich habe dort nichts geändert. Maddalena hat dir aber vor ein paar Tagen das Bett bezogen.
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