Der Palazzo Braccioleone

Die Oberstadt auf dem Palatina ist immer noch der Sitz der Mächtigen und bedeutenden Familien. Seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts stagniert der Stadtteil jedoch, teils gibt es verfallene und verlassene Contraden. Das Parlament hat seinen Sitz im einstigen Dogenpalast. Die reaktionären Nobili und ihr Anhang haben hier ihren Platz.
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Adriano Braccioleone
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Der Palazzo Braccioleone

Beitrag von Adriano Braccioleone »

Der Familienpalast der glorreichen Sippe der Braccioleone


Bild

Die Herkunft der Familie Braccioleone ist nicht völlig geklärt. Sie tritt als bedeutendes Geschlecht erst im Laufe des späten 13. Jahrhunderts in Erscheinung, und es ist nicht mehr festzustellen, ob ihre Wurzeln in Palatina selbst oder im Umland liegen; auch ist nicht mehr zu rekonstruieren, ob sie aus dem Landadel stammt, oder einer reichen Kaufmannssippe entwuchs. Die Grundsubstanz dieses Palazzo lässt jedoch darauf deuten, dass ein erstes Haus der Braccioleone um 1300 an dieser Stelle fand. Da die Gegend um den Ratsplatz als besonders prestigeträchtig galt und bis heute zu den feinsten Adressen gehört, muss bereits zu diesem Zeitpunkt der soziale Stand enorm gewesen sein. Mit der Einheiratung in die Testabella-Sippe und der Beerbung derselben rückten die Braccioleone endgültig in die Ebene der Zwölf Familien. Der alte Testabella-Palast an der Hauptstraße blieb bis zu dessen Zerstörung im Jahr 1743 im Familienbesitz, doch verlor er spätestens ab dem späten 15. Jahrhundert seine Funktion.

Ursächlich dafür war die reichhaltige Umgestaltung und Erweiterung des Braccioleone-Palastes. War der Testabella-Palast bis dahin bei Weitem größer, so entschieden die Testabella-Braccioleone um 1500 eine grundlegene Erneuerung dieses Anwesens um ihn repräsentativer auszugestalten und dem neuen Geschmack der Renaissance anzugleichen. Der Testabella-Palast mit seiner gotischen Architektur entsprach nicht mehr den Bedürfnissen einer großen Nobile-Familie, die mit dem Beginn der Zweiten Republik wieder an Einfluss gewann. Ein zweiter Punkt war die komfortablere Lage des Braccioleone-Grundstückes, da in Richtung Hügel genügend Platz vorhanden war, um einen weitläufigen Garten anzulegen. Diese Möglichkeit blieb dem Testabella-Palast im Stadtzentrum verwehrt.

Der Braccioleone-Palast wurde in zehnjähriger Bauzeit in seiner Größe nahezu verdreifacht. Seine Grundform änderte sich dabei von einem Rechteck mit langer Fassade zur Straßenseite hin zu einem quadratischen Grundriss mit Innenhof und einem landläufigen Garten dahinter. Die Braccioleone ließen das Innere mit Fresken und Allegorien schmücken, die insbesondere die militärischen Erfolge der Familie hervorkehrten, sowie deren wichtige Bedeutung in der Geschichte der Republik. Gästen sollte sofort vorgeführt werden, dass Palatina ohne die Testabella-Braccioleone nicht das wäre, was es heute war. Hochgeschätzte Kunstwerke von Parmesano, Casazzino und anderen namhaften Größen sind zu bestaunen. Mit seinen Skulpturen und Malereien gilt der Palazzo Braccioleone damit als einer der größten Aufbewahrungsorte von zeitgenössischer Kunst in der Republik. Nur wenige andere Nobile-Geschlechter mögen da mithalten. Insbesondere unter Antea di Testabella e Braccioleone wurde die Kunstsammlung beträchtlich erweitert.

Der Palazzo ist einer der wenigen Familiensitze, die durchgängig genutzt und nie verlassen wurden. Anders als viele Nobili haben die Braccioleone die Stadt nie gegen das Landleben eingetauscht, ach nicht nach dem Erdbeben von 1743. Selbst, nachdem die Umgebung in Trümmern liegt, Gärten und verwilderte Anlagen das Gebiet prägen, erhebt sich das Anwesen wie ein strahlender Leuchtturm inmitten von rauer See und Felsen. Obwohl auch dieses Gebäude erheblich unter dem Beben litt, haben die Braccioleone es exakt so wieder aufbauen lassen, wie es vor dem Beben war: Stein für Stein, Scherbe für Scherbe, Dachpfanne für Dachpfanne. Dass die Braccioleone Palatina nie verließen, sollte den Einwohnern selbst in der Zeit der Patrizierdogen klar machen: diese Familie war da, blieb da und würde immer da sein.


Orientierung:

Keller: Gewölbe mit Weinvorräten und Zugang zu den Katakomben.

Erdgeschoss: Diverse Säle, Räume und andere Zimmer, die der Repräsentation und des Nobile-Lebens dienlich sind

Erstes Obergeschoss: Großer Ballsaal, Museum, Atelier, Musikzimmer

Zweites Obergeschoss: Schlafgemächer
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Adriano Braccioleone
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Re: Der Palazzo Braccioleone

Beitrag von Adriano Braccioleone »

Der süße Geruch einer heißen Schokolade füllt einen Salon mit Spiegeln, eingefasst von Rokokorahmen und rosafarbenem Marmor, in den Blattgoldfurchen eingelassen sind. Jenseits von Kristallvasen, Bronzestatuetten und schweren Vorhängen steigt Dampf aus Brokatsesseln mit Braccioleone-Wappen hoch. Adriano nippt an einer winzigen Porzellantasse mit Goldmuster, blickt durch das offene Fenster hinaus in den Garten, wo Vögel zwitschern und ein Brunnen plätschert. Die Sonne scheint aus Südosten, formt Morgenschatten von der Flanke, indes die Festung gut sichtbar auf dem Hügel thront und das Panorama einnimmt.

Mit einem stecknadelgroßen Löffel fügt der Braccioleone seiner tiefschwarzen Kakaomasse einen winzigen Tropfen Milch hinzu, rührt im Trunk. Sein Blick geht gen San Vittorio.

Sein Bruder würde auf der heutigen Sitzung der Signoria sein. Vielleicht den einen oder anderen Ratschlag als Vertreter des Generals geben, Entscheidungen abwägen und zu einem eigenen Urteil kommen. Er überließ Battista den Vortritt. Sein älterer Bruder war jemand, der zugriff. Praktisch begabt. Sehr geradlinig und zielgerichtet. Schnörkel und zu viele Umstände waren ihm zuwider. Deshalb war er ein Militär - und Adriano Politiker.

Viele hatten erwartet, dass Adriano als Ritter von San Leone Dogenberater werden würde. Eigentlich sollte er heute auf San Vittorio sein. Eigentlich. Aber Adriano kannte die Familiengeschichte zu gut. Die Palatiner respektierten die Braccioleone, ja, einige verehrten sie. Aber man liebte sie nicht. Das Volk hatte einem seiner größten Dogen den Beinamen "der Harte" gegeben. Nicht der "der Mutige", nicht "der Kluge", nicht "der Große". Vielleicht, weil einige im tiefsten Inneren wussten, dass die Braccioleone die Nachfolger der Testabella waren; und damit die ungekrönten Herrscher wie die Herzöge von Malpazzi.

Der Argwohn war berechtigt. Tiberio Livio di Testabella e Braccioleone hatte als Doge die Macht 33 Jahre in Händen gehalten. Manche hatten befürchtet, er würde gleich seinen Sohn auf den Dogenthron hieven. Der Argwohn der Palatiner rührte auch aus einer anderen Tatsache. Inkompetente Beamte, Heerführer und sogar Dogen wurde man los, wenn sie offensichtlich an sich selbst scheiterten. Sie standen zum Abschuss bereit. Bei den Braccioleone wusste man, dass sie das, was sie in die Hand nahmen, nie wieder losließen. Sie scheiterten nie. Sonst hätten sie die Aufgabe nicht angenommen. Man wurde sie nicht wieder los.

Nach der Dogenwahl Micheles war Adriano daher Senator geblieben, statt die nächste Stufe zu erklimmen. Zwei Braccioleone in der Signoria - die Palatiner hätten Angst gehabt. Angst, weil sie gut regiert werden würden. Zu gut. Zu gut, als dass sie einen anderen Dogen wählen würden, als einen Braccioleone, weil sich die Brüder als so hervorragend erwiesen. Die Palatiner trauten sich selbst nicht.

Adriano war manchmal dankbar dafür. Man konnte länger schlafen. Die Süße eines Nobiluomo-Leben mit intrigantem Geplänkel mischen. Als Dogenberater konnte man das nicht. Zu viele Verpflichtungen. Zu viele Gespräche. Zu viele langweilige Gesetze, die man besprechen, einbringen, verteidigen und begleiten musste. Wo blieb da noch Zeit für die eigenen politischen Spiele? Man war so mit dem Staat beschäftigt, dass die ganzen Annehmlichkeiten palatinischer Intrigen flachfielen.


Kommen wir zu den Verpflichtungen des Tages.

Adriano legt die Tasse auf einem von drei Schachbrettern ab, die als Rundtische auf steinernen Säulen stehen. Die Figuren sind auf keinem der drei Bretter in der Eröffnungsstellung. Es handelt sich durchweg um offene Partien.

Dann greift er zu einem Stück Papier. Notizen waren das halbe Leben. Adriano hatte sich in den letzten Jahren allerlei kleine Zeitvertreibe zugelegt, die ihn dazu nötigten, Buch über alle Angelegenheiten zu führen.


Erledigungsliste für Freitag
  • Heiße Schokolade trinken.
  • Den Abgeordneten Pandolfo Gabusi mit delikaten Beweisen anschwärzen oder erpressen; je nach dem, was sich ergibt.
  • Die Absetzung eines liberalen Ministers beantragen. Entscheidung per Roulette, wen es trifft.
  • Heißen Tee trinken.
  • Den Pudel der Buonavista mit vergifteten Ködern locken.
  • Enrico Albizzis Geschenk versenden.
  • Konfekt verspeisen.
Er blinzelt, schaut dann nachdenklich hinauf zur stuckverzierten Decke.

Stimmt. Der Albizzi ...
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Battista Braccioleone
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Re: Der Palazzo Braccioleone

Beitrag von Battista Braccioleone »

Auf der Straße vor dem Palazzo ist es still, als Battista sich seiner Heimstatt nähert. Viele der umstehenden Gebäude stehen seit dem großen Erdbeben ohnehin leer, und die wenigen verbliebenen Bewohner aßen wohl gerade zu Mittag. - Wie hoffentlich auch Adriano, sonst wäre er umsonst hergekommen.

Auch der Palazzo seiner Familie hatte schon bessere Zeiten erlebt, erhebt sich aber immer noch mächtig über der Straße. Bewohnt allerdings ist er ebenfalls nur noch spärlich. Seitdem der Vater gestorben ist, lebt eigentlich nur noch Adriano dort. Wie er ihn kennt, ist dieser über das zusätzliche Personal zu seiner Verfügung sicher nicht unglücklich. Dennoch dürfte es fragwürdig sein, ob Adriano wirklich alle Bediensteten behalten wollte oder vielmehr sollte. Er selbst war nur gelegentlich hier. Irgendwie zog er das Leben in der Cittadella vor. So war er einfach näher am Geschehen und besser informiert. Eigentlich unbegreiflich, dass ausgerechnet sein Bruder das nicht verstand.

Durch das schwere Portal betritt er das Erdgeschoss des Palastes. Einen Hausangestellten grüßt er nur beiläufig, als er zielgerichtet zum Speisezimmer vorgeht.
Dadurch unterscheidet sich der vorausdenkende Staatsmann von dem schwatzenden Pöbel oder der Leidenschaft der Partei, daß er die Elemente der Gefahr von Ferne erkennt und ihnen vorzubeugen sucht.
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Adriano Braccioleone
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Re: Der Palazzo Braccioleone

Beitrag von Adriano Braccioleone »

Aus dem Speisezimmer duftet es. Battista tritt bereits auf dem Korridor eine wohlriechende Duftschade entgegen, die aus einer offenen Doppeltüre herrührt. Was aber noch mehr überrascht, das ist Musik. Klaviermusik.

Dunkelroter Wein rauscht durch eine Flasche in ein Glas. Auf dem Etikett das Wappen der Familie Foscari-Ambrogio. An einer langen Zwölfpersonentafel, die parallel zu einer großen Fensterreihe mit Blick auf den Englischen Garten dahinter entlangläuft, sitzt Adriano unter verspielten Glaskronleuchtern. Vor ihm stehen silberne Platten: darauf Risotto in Safran, Holunderdrossel* "nach Festungsart", Pasta mit Oliven, Kapern und Tomaten, Hummer aus Porto Vecchio, gegrillte Zucchini und Auberginen, zuletzt eine Schale mit Zitrusfrüchten vom Casazza-See. Auffällig ist, dass jede Speise auf den Platten nur etwas angenagt ist, aber nichts wirklich aufgegessen.

Adriano sitzt am Kopf der Tafel mit Perlmuttsilberbesteck, liest den "Serenissimo" nebenbei. Der Klavierspieler im Hintergrund unterstreicht die Atmosphäre eines leeren Edel-Restaurants, das genau für einen einzigen Gast eingerichtet wurde.

Als Battista durch die Türe des Speisesaals tritt, lugt Adriano zuerst hinter den Schlagzeilen hervor.


Mein liebster, bester Bruder. Schön, dass du kommst.

Er legt das Blatt ganz fort.

Setz dich, mein bester, größter Bruder! Der Hummer ist noch so frisch, ich glaube, er hat sich eben noch bewegt.

Der Pianist bemerkt das Eintreten Battistas, wechselt kurz in ein marschähnliches Thema.

Ach bitte.

Das Klavierstück wechselt wieder in den Duktus des mittleren 18. Jahrhunderts. Es wird offensichtlich, dass Adriano diesen einen Pianisten nur für dieses Essen bestellt hat. Man leistete sich ja sonst nichts.

Freundlich beschwingt schüttet Adriano seinem Bruder schon ein Glas Rotwein ein.


________________________
*Bekanntlich hatte der berühmte Theologe, Philosoph und Feinschmecker Thomas von Aquin argumentiert, dass die Holunderdrossel in Wahrheit eine Pflanze sei, weil sie sich dauernd in Holundersträuchern aufhalte, und daher natürlich am Freitag verspeist werden dürfte.
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Battista Braccioleone
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Re: Der Palazzo Braccioleone

Beitrag von Battista Braccioleone »

Zielstrebigen Schrittes schreitet Battista durch die geöffnete Tür. Sein Blick fällt zuerst auf Adriano, dann kurz zum Klavierspieler, über die groß angelegte Tafel und wieder zurück zu seinem Bruder, während er weiter auf das Ende des Tisches zugeht, an dem Adriano sich gerade den teuren Wein einschenkt. Beinahe merkwürdig, dass er dies nicht auch durch einen Hausangestellten erledigen lässt. Die überschwängliche Begrüßung übergeht er wortlos.

Battista hatte seinen Bruder beim Essen anzutreffen erwartet, doch nun beschleicht ihn das ungute Gefühl, dass dieser IHN erwartete. Wer weiß, was der Foscari - und damit ist nicht der Wein gemeint - und er bereits ausgeheckt hatten. Dazu diese Musikeinlage. Sie erscheint so beiläufig, so spontan und willkürlich, dass sich der Gedanke aufdrängt, Adriano habe den Pianisten dazu ebenfalls instruiert....

Battistas Blick wird kritischer und wandert zwischen dem in das Glas sprudelnden Wein und Adrianos Gesicht hin und her. Endlich erreicht er das Tischende, an dem Adriano Sitzt und nimmt seinerseits auf einem Stuhl Platz, während ihm der Bruder nun ebenfalls Wein einschenkt.


Guten Tag Adriano
sagt er als er sitzt trocken, sich mit vor dem Platzteller verschränkten Armen leicht in die Richtung seines Bruders lehnend.

Was willst du?
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Adriano Braccioleone
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Re: Der Palazzo Braccioleone

Beitrag von Adriano Braccioleone »

Adriano setzt ein freundliches Lächeln auf. Er nimmt die Zeitung, öffnet sie - worauf eine zweite, versteckte Zeitung aus dem "Serenissimo" fällt, ähnlich, wie mancher Greis eines der liderlichen Schmuddelblättchen in einem hochintellektuell wirkenden Buch versteckt, um nicht ertappt zu werden. Das Schmuddelheftchen, das Adriano versteckt hat, gehört wohl tatsächlich zum Dreckigsten, was ein reaktionärer Nobile in seiner Nähe verstecken kann:
Es handelt sich um den "Libero".


Ist es nicht das Mindeste, dass ein großer Bruder seinem kleinen Bruder ab und an eine Hilfestellung gibt? Einen Rat? Weil seine Lebenserfahrung und seine Klugheit so viel größer ausfallen?

gibt sich der Jüngere der Braccioleone-Brüder ganz unterwürfig, aber auf eine solch gespielte Weise, dass Battista erahnen kann, dass er ihn weniger fragen, als testen wollte - oder tatsächlich eine wirklich gute Analyse der Sachlage verlangt. Adrianos Tonfall bleibt hier ambivalent.

Er hebt die Schlagzeile aus dem Sprachrohr der Giacobini hoch, gibt sie dem Offizier. Der kennt diese vielleicht vom groben Wortlaut und Inhalt. Nicht jedoch das Detail. Adriano zitiert sie aus dem Gedächtnis, während er mit einem Löffelchen in Kompott stochert.


"Bonaparte marschiert unaufhaltsam nach Italien ein!"

spricht er mit stolzer, heroldsmäßiger Stimme, hebt das Löffelchen wie einen Offiziersstab hoch. Dann isst er wieder ungestört weiter, ohne Battista weiter zu beachten.

Einen Hang zum Pathos haben sie ja, unsere Liberalen. Unaufhaltsam! Das hat etwas von einer Lawine. Diese Leute halten sich immer für so abgeklärt, sind Gott und Schicksal gegenüber skeptisch, glauben, jeder von ihnen sei ein Wissenschaftler, rational, nur von Venrunft beseelt - und doch, wie viel Religion, wie viel Apokalypse, wie viel Endzeitstimmung hängt darin. Unaufhaltsam! Das heißt: nichts und niemand kann ihn aufhalten, er ist eine Naturgewalt, das Ende der Geschichte festgeschrieben.

Er schnalzt mit der Zunge, als er die Süßspeise verzehrt hat - und sieht dann interessiert zum großen Bruder.

Ich glaube nicht, dass ich es bin, der etwas von dir will, mein lieber großer Bruder. Es ist eher ein Pseudofranzose korsischer Prägung. Den Rat, den ich in brüderlicher Zuwendung von dir erfrage, ist folgender:

Erklären wir uns im Senat für neutral und warten ab, oder stellen wir uns sofort auf die Seite Österreichs, um dann in die Pflicht genommen zu werden, ohne einen Erlös für unsere Allianzhilfe zu bekommen?
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Battista Braccioleone
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Re: Der Palazzo Braccioleone

Beitrag von Battista Braccioleone »

Natürlich. Er wollte einen Rat von ihm. Als ob.
Der Tenente colonello würdgt seinen jüngeren Bruder nur mit einem geringschätzig-skeptischen Blick, der deutlich machen dürfte, dass er sich nichts aus den schwülstigen Ehrerbietungen seines Gegenübers machte.

Battista würdigt auch die Seite mit der Schalgzeile nur eines kurzen Blickes, legt sie dann vor sich ab.
Natürlich ging es darum. Um was sollte es sonst gehen? Auch nur die Idee gehegt zu haben, sein kleiner Bruder könnte sich eventuell nicht mit dem Berater Foscari abgesprochen haben war naiv gewesen.

Adrianos endlos scheinenden Vortrag über Stil und Sitten der Jacobiner quittiert er nur mit einem Schnauben und einem genervten Gesichtsausdruck.
Komm zum Punkt. Bruder.

Dann endlich, lässt Adriano ein Stück seiner Maske fallen, wenngleich er sich im selben Satz aus dem Fokus zu stehlen versucht. Der Franzose ist in der Tat ein Problem, ein nicht unerhebliches, in das Battista durch seine Vertretung für den General mehr involviert war als es ihm lieb ist. Dennoch ist es Unsinn, dass dieser Mann irgendetwas "von ihm" wollen könnte. Adriano versuchte ihn schon wieder persönlich in eine Sache zu involvieren, die eigentlich eine militärisch-politische war. Und somit nur in Teilen sein Thema. Dennoch verdüstert sich sein Blick, als Adriano den kleinen Korsen erwähnt.

Battista holt tief Luft, lehnt sich dann mit überschlagenen Beinen in seinem Stuhl zurück und verschränkt die Finger ineinander.


Adriano... setzt er ruhig aber sichtlich genervt an
du weißt ich habe mit diesem außenpolitischen Kram nicht viel zu tun.
Mich interessieren vor allem unsere Feinde im Inneren. Wenn Palatina neutral bleibt, kochen wir dieses Problem weiter auf kleiner Flamme. Das kann von Vorteil sein, wenn es darum gehen soll weitere Informationen zu sammeln. Bei einem offenen Bündnissen müssen wir auch innerhalb der Stadt mit größerem Widerstand rechnen, haben dann aber wenigstens die Möglichkeit zurück zu schlagen.

In jedem Fall... Battista schwenkt nachdenklich das Weinglas vor seinem Gesicht, beobachtet wie der Wein tiefrote, beinahe violette Schlieren bildet, die langsam an den Wänden das Glases herabgleiten. Mit einem kalten, selbstsicheren Grinsen schaut er schließlich daran vorbei direkt in Adrianos Gesicht.

wir haben die Situation unter Kontrolle.

Battista hält den durchdringend Blick einen Moment aufrecht. Zum einen aus Genugtuung, bei dem Gedanken daran endlich einiger Agitatoren habhaft werden zu können, sollte die Lage hochkochen, andererseits um eine Reaktion in den Gesichtszügen seines Bruders auszumachen.

Er nimmt einen kräftigen Schluck aus dem Glas und stellt es dann auf dem Tisch ab, als ob er damit auch das Thema herunterschluckte, lehnt sich dann wieder zurück.


Aber das wolltest du nicht wissen.

Battista macht eine Pause, bevor er weiter spricht, nur um den Bruder ein wenig zappeln zu lassen. Adriano hatte gerne die Kontrolle über ein Gespräch und es schadete nicht, ihm diese so gut es ging streitig zu machen. Verbal war dies schwierig, da der Jüngere den halben Tag damit verbrachte seine Gespräche zu planen, deren Inhalt er schon größtenteils vorher kannte und kontrollierte und sie immer wieder eine eine Richtung lenkte, die ihm genehm war. Häufig wartete er nur auf das richtige Stichwort, um in die nächste Richtung zu steuern. Das Tempo aber, konnte er nicht kontrollieren. Battista weiß, dass Adriano es sich nicht anmerken lassen würde, aber er genoss alleine den Gedanken daran, den Bruder mit diesen Pausen in seinem Lenkungsbestreben warten zu lassen.


Ich halte nichts von Versteckspielen.


Wir wollen diesen Emporkömmling bekämpfen, also sollten wir uns auch offen gegen ihn stellen. Du weißt ich mache mir nichts aus euren politischen Ränkespielen. Wenn ihr es für sinnvoll erachtet zunächst den Unbeteiligten zu miemen, werdet ihr es sowieso tun.


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Adriano Braccioleone
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Re: Der Palazzo Braccioleone

Beitrag von Adriano Braccioleone »

Adriano lehnt sich zur Seite. Machtspiele mit Battista! Es war schwierig, unter solch einem Braccioleone ein Bruder sein zu können. Vielleicht war das Misstrauen Battistas gerechtfertigt. Vielleicht musste er es honorieren, weil es ihm Ehre erwies, dass man ihn, den Jüngeren nicht missachtete, sondern ernstnehmen musste.

Aber der Senator nippt nur beiläufig am Wein.


Wir sind Braccioleone. Eine Familie. Ein Ziel.

stellt er analytisch klar wie ein ehrlicher Kaufmann, der seine Bilanz vorstellt.

Ich halte dir den Rücken im Senat frei und suche unseren Vorteil. Dafür muss ich wissen, was für einen Vorteil du willst, wertester Bruder. Wir müssen uns abstimmen, so einfach ist das.

Das war der Deal. Ein ganz offensichtlicher Deal. Battista schlug die übliche Karriere ein. Seit Jahrhunderten hatten sich die Braccioleone auf dem Schlachtfeld bewährt. Schon in der Zweiten Republik, als sie anfangs von den Ghibellinen ausgestochen wurden, hatten sie über militärische Erfolge ein Standbein aufgebaut, dass man nicht an ihnen vorbeikam. Aber die Strategie erforderte Konzentration. Zwei Braccioleone-Brüder im Militär waren unüblich. Jemand musste sich um das Politische kümmern. Das Repräsentative. Den Hintergrund. Oft hatten das die Braccioleone-Frauen erledigt, aber ihrer Mutter war es nicht vergönnt gewesen, eine Tochter zur Welt zu bringen, und den entfernten, verwöhnten Cousinen traute keiner von beiden.

Adriano hatte also diesen Posten angenommen, und ihm gefiel seine Stellung, die er hatte. Er vertrieb sich die Zeit. Aber im Grunde schob er Battista an. Auf nicht ganz immer klaren Wegen. Adriano wusste, dass er kein selbst kein Mann der ersten Reihe war; nicht, weil er nicht dazu befähigt war; sondern, weil er schlicht nicht wollte. In Battista sah er dagegen mehr. Auf den ersten Blick würden ihn viele Aktionen verärgern, die er hinter seinem Rücken tat - aber es war doch nur zu seinem Besten! Er LIEBTE seinen Bruder.

Auf eine ganz besondere Art. Er wollte das Beste für ihn. Aber er liebte es auch, zu überraschen. Nicht in die Karten blicken zu lassen.

Für Adriano war es völlig logisch, dass es daher auch unumstößlich richtig sein musste, Battista nach Strich und Faden zu betrügen, wenn ihm am Ende damit geholfen wurde. Nach vielen, vielen Umwegen.


Wo wir von Familie sprechen ...

kommt ihm wie beiläufig eine Idee. Er hebt den Finger. Es wird ganz offensichtlich, dass er jetzt das Geheimnis lüftete, weshalb er Battista so freudig empfangen hat.

Überraschungen. Ja. Er hatte eine. Für Battista.


Es gibt da noch so eine kleine Abstimmung. Ich habe da etwas vorbereitet.

Aus der Tischschublade zieht er etwas hervor. Einen Rahmen. Der ein Portrait umfasst.

Etwas frivol-gewinnend grinsend schaut er versichernd zu Battista.


Na?

Im goldumfassten Bild sieht man eine Frau.
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Battista Braccioleone
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Re: Der Palazzo Braccioleone

Beitrag von Battista Braccioleone »

Battista seufzt leise, als Adriano den Familienverbund erwähnt. Dieses Thema war ihm stets besonders wichtig, und er ließ keine Gelegenheit aus um seinen Beitrag zu Battistas Erfolg deutlich zu machen. Das stand ihm auch zu, und im Grunde konnte sich Battista auf seinen jüngeren Bruder verlassen. Die Art und Weise allerdings, wie Adriano seine Ziele erreichte, hatte ihm nicht selten missfallen. Er kommentiert es nicht weiter.

Als Adriano schließlich den Rahmen aus der Schublade zieht, wandert Battistas Blick erst zu dem Objekt, dann etwas geringschätzig in das Gesicht des jüngeren Bruders und schließlich zurück auf das Portrait.


Hübsch.

Battista lässt es mehr wie eine allgemeine Feststellung klingen, als eine persönliche Meinung. In der Tat war die Frau auf dem Bild ausgesprochen anmutig, doch war auch klar, worauf der jüngere Bruder hinaus wollte.
Er versuchte ihn mal wieder zu verkuppeln. Das war eine genau dieser Sachen die Adriano "für die Familie" und "zu seinem Besten" tat, jedoch für gewöhnlich ohne ihn danach zu fragen was er davon hielt.

Ja, natürlich war er in einem Alter, indem er durchaus verheiratet sein könnte. Und ja, natürlich machte er sich etwas aus Frauen. Dennoch wurde er gerade vor allem auf der Zitadelle gebraucht und brauchte keine weitere Person, die ihm einredete, dass er dort zu viel Zeit verbrachte. Irgendwann würde er schon jemanden kennen lernen und heiraten. Aber nicht jetzt. Und nicht eines von Adrianos Arrangements.

Battista schaut Adriano fragend an, als sei es nun sein Part die - wenngleich völlig offensichtliche - Bewandnis dieses Gemäldes zu erklären.


Deine neue Bekanntschaft?

greift er dann selbst das frivole Grinsen des Bruders, nicht ohne deutliche Ironie auf.
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Adriano Braccioleone
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Re: Der Palazzo Braccioleone

Beitrag von Adriano Braccioleone »

Adriano bleibt gut gelaunt. Er kannte dieses Spiel zu gut.

Ich führte bereits Korrespondenz mit dem Vater. Pancrazio Roccolo hat gleich mehrere Töchter im richtigen Alter, die allesamt auf dem Land leben, bei Colline Palatinesi. Eine gegenseitige Anreise dauert jedoch nur einen halben Tag.

In der Art eines Buchhalters, der eine akribische Zehn-Jahres-Bilanz eines fremden Unternehmens vorgenommen hat, führt er weiter aus:

Sie ist die Mittlere von drei Töchtern, eine Verlobung mit einem mandranischen Geschlecht schlug fehl. Ihr Vater besitzt zwei große und ein kleines Landgut, das Hauptanwesen liegt in den Hügeln und Hainen. Gute Verbindungen zur Nobiltà des Umlandes, solide finanzielle Situation, wenn auch nicht übermäßig. Der Bruder hat Ambitionen, im Senat seinem Vater nachzufolgen.

Es wird damit ganz offensichtlich, woher er den Vater kennt, und ersichtlich, welche eigenen Ideen Adriano wohl mit der Vermählung verbindet. Es ist davon auszugehen, dass eine Familie wie die Roccolo dazu verhelfen würden, die Anliegen der Braccioleone im Senat weiter zu stärken.
Dann meint er wie völlig kontextlos:


Du bist daher Montagabend zum Essen im Repubblica verabredet. Vielleicht ziehst du eine von den schicken Paradeuniformen an?

schlägt er gewinnend vor, gibt sich weiterhin offen wie diplomatisch

Sollte dir der Termin deiner Verpflichtungen wegen unangenehm sein, so kann ich ihn natürlich auch auf einen anderen Tag verschieben. Wir sind Braccioleone. Wer wagte es, uns unseren Terminkalender diktieren zu wollen?

Der jüngere Bruder kennt natürlich die Situation. Battista würde nicht nur verschieben wollen. Er würde weit verschieben wollen. Vielleicht um Wochen, Monate - Jahre. Aber auch darauf war Adriano gefasst. Er holt ein zweites Portrait hervor.

Sollte dir meine Initiative missfallen, so habe ich natürlich noch eine Alternativkandidatin ...

Er legt den nächsten Rahmen auf den Tisch. Und lächelt ironisch.

Schönheit ist eine innere Angelegenheit, wenn die Dukatensäcke draußen liegen. Die Witwe Pecorino wäre auch noch frei!
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