Das Kaffeehaus „Caffè degli Specchi“

Das schmucke Kanalviertel beherbergt den selbstbewussten Mittelstand der Stadt, in dem aufklärerische und jakobinische Ideen Fuß gefasst haben. Das Kaffeehaus, die Akademie und die Freimaurerloge gelten als intellektueller Treffpunkt und politischer Unruheherd.
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Campari
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Re: Das Kaffeehaus „Caffè degli Specchi“

Beitrag von Campari »

Draußen, hinter dem Gebäude, steht ein Schrank. Ein großer, schwarzer Schrank. Ein Schrank mit Beinen und verschränkten Armen. Juanino de las Casas war ein Berg von einem Mann und so schwarz wie die Asche der Soufrière. Der freigelassene Sklave, der dreiundzwanzig Jahre lang Zucker geschleppt hat, und über einen aurianischen Geschäftsfreund an Campari als Leibwächter gelandet war, steht auf dem steinernen Steg vor einem Lastkahn.

Juanino gehörte zu den Typen, die man an die strategische Position eines Hauses stellte, um sicherzugehen, dass niemand reinkam, den man nicht drinhaben wollte. Juanino hatte keine große Ahnung davon, was Liberalismus war. Aber er wusste, dass sein Chef zu den Leuten gehörte, die gerne ihre Ruhe hatten, wenn man sich zurückzog. Ob Mafiaboss, Drogenbaron oder Kaffehausbesitzer. Das Konzept war dasselbe.

Und so will es der Zufall, dass sich im Rücken von Juanino langsam das Fenster zum Waschraum öffnet. Zuerst hört er nur einen Ton, den er nicht zuordnen kann. Merkwürdige Geräusche.

Dann tippt das Fenster ganz sachte mit der spitzen Ecke in seine rote Weste.


Que ...

Langsam, ganz langsam dreht der Ex-Sklave aus der Karibik sein fast quadratisches Haupt in die Richtung, wo Scipio zwischen Sims, Fenster und Zimmerdecke balanciert ...
Die Verteidiger der Freiheit werden immer nur Geächtete sein, solange eine Horde von Schurken regiert! - Maximilien de Robbespierre

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Scipio Chiodo
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Re: Das Kaffeehaus „Caffè degli Specchi“

Beitrag von Scipio Chiodo »

Scipio versucht sein Ohr noch fester an den Krug und den Krug noch fester an die Dielen der Decke zu pressen, als er noch keinen verständlichen Laut aus dem oberen Geschoss ausmachen kann. Doch schon nach kurzer Zeit schmerzen seine Oberschenkel, mit denen er sich auf dem Sims hockend gegen die Decke zu stemmen versucht, um nicht herab zu fallen. Sein Arm, mit dem er sich seitlich in den Fenstersturz klemmt beginnt zu zittern. Sicpio versucht ruhig zu atmen, und alle Kraft aufzubieten, doch er spürt, dass er nicht mehr lange durchhalten würde. An sein Ohr dringt unterdessen nur undurchdringliches Gebrabbel, das Klimpern von Porzellan, das Klickern eines Löffels in einer Tasse. Offenbar war oberhalb des Waschraums ganz gewöhnlicher Kaffeehausbetrieb.
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Campari
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Re: Das Kaffeehaus „Caffè degli Specchi“

Beitrag von Campari »

Juanino, der mit seinem Körperbau so ziemlich die ganze Fensterfront einnimmt, steht jetzt genau davor. Seine Konturen sind als bedrohlicher, dunkler Schatten erkennbar. Ein Schatten, der durch das Fenster fällt, und sich ziemlich deutlich auf Chiodo legt, weil er schlicht die Sonne verdeckt.

Omb'e ... was machst du da?

Der schwarze Leibwächter ist vielleicht nicht das hellste Licht. Er kennt aber seinen Job. Und der sagte ihm: ein Typ, der sich in einem Waschraum so verdächtig anstellt wie dieser unbekannte Simstänzer, der gehörte in die Kategorie verdächtiger Subjekte.
Verdächtige Subjekte, die man vorwarnte, fragte - bevor man sie zu Muß zerquetschte oder in den nächsten Kanal warf.
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Re: Das Kaffeehaus „Caffè degli Specchi“

Beitrag von Scipio Chiodo »

Unerwartet wird es dunkler in dem kleinen Waschraum und kurz darauf dringen Worte aus ganz ungeahnter Richtung an Scipios Ohr. Scipio zuckt zusammen, will sich in Richtung des Lautes umwenden, doch aht nicht genug Platz auf dem Sims. Als er durch die versuchte Wendung leicht aus dem empfindlichen Kräftegleichgewicht gerät, sieht er keine andere Möglichkeit, als vom Sims zu springen, bevor er herunter kippt. Gerade so gelingt es ihm bei der Landung in tiefer Hocke die Hand mit Krug in die Höhe zu recken, um diesen nicht auf dem Boden zu zerdeppern.

Kurz hält er inne. Ein Anflug von Panik steigt in ihm auf: Jemand hatte ihn erwischt.
Dann, andererseits.... wer auch immer dort das Fenster verdunkelte konnte wohl kaum Details aus dem Innenraum sehen. Er ist ein normaler Gast in einem normalen Waschraum, der sich nur womöglich etwas merkwürdig verhalten hatte.

Was er jetzt brauchte waren weder Kampf noch Flucht, sondern lediglich eine gute Ausrede.

Scipio lässt den Krug am Boden stehen und rappelt sich auf. Während er sich den Staub aus den Gewändern klopft, tritt er an das Fenster heran, um einen Blick auf denjenigen zu erhaschen, der an der Kanalseite des Hauses steht.


Scusi?
Mit wem habe ich die Ehre?

fragt Scipio in gespielt unschuldigem, aber ehrlich verunsichertem Tonfall.
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Campari
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Re: Das Kaffeehaus „Caffè degli Specchi“

Beitrag von Campari »

Scusi ist keine Antwo't.

Juaninos kreolischer Akzent kann nicht über dessen Beharrlichkeit hinwegtäuschen. Er hatte zuerst gefragt, was der Mann da machte, und die Frage beantwortet der dreiste Kerl einfach mit einer Gegenfrage.

Du hast die Eh'e mit dem Mann, de' ve'dächtige Leute wie dich beobachtet. Ich stelle hie' F'agen.

gibt der Mann von den Antillen schroff zurück, als duldete er solche Spielchen nicht. Der stämmige Ex-Plantagenarbeiter baut sich noch ein Stück weiter auf. Offensichtlich ist er noch etwas größer als bisher gedacht. Seine Hände stemmt er in die Hüften, ob es nun Scipio durch das Fenster sieht oder nicht.

Was wolltest du auf dem Sims?
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Re: Das Kaffeehaus „Caffè degli Specchi“

Beitrag von Scipio Chiodo »

Das Cafè hat doch tatsächlich offenbar eine Wache. Scipio ist nur im ersten Moment verwundert. Bedenkt man, was er hier vermutete, war es natürlich gar nicht so dumm. Genau wie der schwarze Mann mit dem plumpen Akzent. Zumindest mal Beharrlichkeit, konnte man ihm nicht absprechen.
Eine Sache vergaß der Aufmerksame jedoch anscheinend. Er stand außerhalb an der Gebäuderückseite, Scipio im Inneren. Und so einfach würde der Hühne auch nicht durch das Fenster hinein kommen. Wenn Scipio wollte, könnte er einfach umdrehen und gehen, und wäre vermutlich aus dem Gebäude heraus bevor der Mann um die Hausecke gelaufen kam.

Er konnte also genau so gut versuchen, noch an ein paar Informationen zu kommen.


Ah, Sie beobachten verdächtige Leute.

sagt Scipio in einem anerkennenden Tonfall.

Gibt es denn hier so viele davon, dass sich das lohnt?

fragt er freundlich.
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Re: Das Kaffeehaus „Caffè degli Specchi“

Beitrag von Campari »

Ja.

meint der Leibwächter von den Attillen nur ganz knapp.

Bis ich sie get'offen habe. Dann sind die Simbesteige' Ex-Simsbesteige'. Sie simsen dann nicht meh' auf dem Sims.

Offensichtlich hätte Juanino auch sehr gut auf der Post arbeiten können, angesichts dieser poetischen Worte.
Schroff meint er dann:


Name.

Langsam verliert der schwarze Schrank die Geduld. Es ist für Scipio vielleicht nicht ersichtlich, wie stark der Ex-Sklave ist. Aber Juanino ist mindestens bald so verärgert, dass er darüber nachdenkt, das ganze Fenster rauzureißen, sollte ihm der Unbekannte dumm kommen.

Oder es mit dem Metallstock einzuschlagen, den ihm Campari zum zenhnten Berufsjubiläum geschenkt hat, und der sich ganz prächtig dazu anwenden ließ, um Fenster - oder vorlaute Störenfriede je nach Lage zu Brei zu hauen ...
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Scipio Chiodo
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Re: Das Kaffeehaus „Caffè degli Specchi“

Beitrag von Scipio Chiodo »

Scipio muss einsehen, dass es keinen Sinn hatte mit dem Wachposten noch weiter zu diskutieren. Offenbar war er entschlossen. Er selbst jedoch, würde sich nun entschließen müssen, ob er dem Schrank irgendeinen Namen nannte, um noch ein wenig zu verweilen, Zeit zu schinden und vielleicht doch noch etwas mitzubekommen; oder ob es klüger sein würde, genau JETZT einfach zu gehen.

Der Leutnant überspielt die kurze Unsicherheit mit einem Lächeln.


Pasquale Comincino

entgegnet er dann beinahe aus dem Bauch heraus.

Sehr erfreut.

Unter normalen Umständen hätte er dem Wächter nun noch die Hand entgegen gestreckt, um seine Arglosigkeit zu unterstreichen. Unter DIESEN Umständen jedoch ist er froh über jede Distanz, die sich zwischen ihm und dem Schwarzen befindet. Scipio mochte geschickter und besser ausgebildet sein als dieser Schrank, er ist sich aber auch sicher, dass er nichts zu lachen haben würde, wenn der Neger mit seinen Schraubstockhänden ihn einmal zu fassen bekommen würde.

Scipio nutzt den kurzen Moment der Stille, um nocheinmal in den Raum zu horchen. Kann er irgendwelche Leute hören, die sich nähern? Hört er jemanden die Treppe hinunter kommen?

Ideal wäre es, die hübsche verdächtige Frau auf ihrem Rückweg abzupassen und zu verfolgen. Aber das konnte sonstwann sein und er wusste auch noch nicht, wie genau er das anstellen sollte.
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Campari
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Re: Das Kaffeehaus „Caffè degli Specchi“

Beitrag von Campari »

Haben Sie vielen Dank! Ich werde es ...

Draußen krächzt Camparis Stimme von der Treppe. Chiodo kann dieses Mal, trotz Tumults, ganz deutlich die klackenden Frauenschuhe hören die eigentlich nur einer einzigen Person im Caffè gehören können. Nicht etwa, weil Chiodo sensibel geworden ist für jeden Frauenschuh, in der Hoffnung, es könne La Femme sein. Nein, es ist die Kombination und Logik die sich aus der Verabschiedung und dem Geräusch ergibt. Nur eine Frau wie sie konnte solch ein melodisches Klacken von sich geben. Das war Mindestandard bei Frauen wie ihr.

Es ist nicht ganz deutlich gewesen, was Campari genau gesagt hat, aber es wird ersichtlich, dass es mit dem Objekt zu tun hat, dass La Femme bei sich führte.

Ein kurzes Pfeifen geht von einem Kaffeetisch aus. Scipios Gehör kann daraus schließen, dass die Dame wohl in Richtung Ausgang gegangen ist, da es sich in einiger Entfernung befindet.
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Scipio Chiodo
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Re: Das Kaffeehaus „Caffè degli Specchi“

Beitrag von Scipio Chiodo »

Noch bevor der Handlanger sich wieder zur Scipio umgewendet und seinen Redefluss wieder gefunden hat, hat der junge Leutnant schon eilig den Schlüssel an der Türe gedreht und schlüpft durch diese hinaus.

Das verräterische Klackern hallt bereits durch den Saal des Kaffeehauses, in dem es immer noch unglaublich voll ist. Hinter der Tür schlagen ihm wieder Gaschirrgeklimper, Zeitungsrascheln und Stimmengewirr entgegen. Scipio weiß, dass es nun auf Sekunden ankommt. Sein Blick gleitet suchend durch den prall gefüllten Saal, in dem ankommende und gehende Gäste mit den Bedienungen durcheinander laufen, sich ein Gewirr aus Köpfen und Hutschmuck vor seinem Auge erstrecken. Wo ist sie?

Scipio reckt den Hals, macht noch ein paar Schritte von der Tür weg, bewegt sich in Richtung des Ausgangs und des Tisches, an dem er vorhin noch gesessen hatte. Ein Ober läuft beinahe in ihn herein, als er in den Gehweg tritt, kann ihm jedoch mit einer geschickten Ausweichbewegung der Hüfte unter dramatischer Schieflage des Tabletts mit Kaffee gerade noch ausweichen. Doch das interessiert ihn gar nicht. Sein Blick sucht weiter nach der Schönheit Verdächtigen im hellen Mantel.
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