Die Bocciofila

Die Oberstadt auf dem Palatina ist immer noch der Sitz der Mächtigen und bedeutenden Familien. Seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts stagniert der Stadtteil jedoch, teils gibt es verfallene und verlassene Contraden. Das Parlament hat seinen Sitz im einstigen Dogenpalast. Die reaktionären Nobili und ihr Anhang haben hier ihren Platz.
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Cecilia Malvasia
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Die Bocciofila

Beitrag von Cecilia Malvasia »

Die Bocciofila im Parco Malvasia

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Eine Bocciofila ist eine ausgewiesene, mit Sand gefüllte und durch Planken abgesperrte Bahn, auf der das Ballspiel Bocce (gioco delle bocce) gespielt wird. Es handelt sich um eine Kugelsportart, die mit anderen ähnliche Geschicklichkeits- und Präzisionsspielen wie dem französischen Boules oder dem britischen Bowls verwandt ist. Alle Formen stammen vermutlich von einem altrömischen oder altgriechischen Spiel ab. In Italien gibt es zudem verschiedene Ausformungen dieses Ballsports, auf die einzugehen hier zu weit führen würde.

Die Palatiner kennen das Spiel zwar schon seit Jahrhunderten, seine Vollendung erreichte es jedoch erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts, als genaue Regelwerke, professionelle Bahnen und eindeutige Maßeinheiten für die Kugeln eingeführt wurden. Neben der professionellen Form des Bocce-Spiels existiert die raue Variante immer noch im gemeinen Popolo, das eine Urform immer noch in den Straßen San Pietros oder auf dem Land spielt.

Allen Spielarten ist gemein, dass es eine kleine Kugel gibt, die zu Beginn einer Partie ausgeworfen wird. Die Spieler versuchen dann ihrerseits mit deutlich schwereren Kugeln – im professionellen Bocce mit einem Gewicht von zwei Pfund – in die Nähe dieser kleinen Kugel zu landen. Von den großen Kugeln (sg. Boccia, pl. Bocce) leitet sich der Name des Spiels ab, die kleine Kugel nennt sich Boccino. Während der Boccino häufig aus Holz besteht, können die Bocce aus Stein, Leder oder Metall sein, solange sie die richtige Größe und das richtige Gewicht haben. Die höheren Schichten besitzen eigene Bocce-Sets, die Prestigecharakter haben.

Das Bocce-Spiel hat vorwiegend deswegen an Beliebtheit gewonnen, da nicht physische Kraft die Hauptrolle spielt und die Spieler sich nur einer geringen körperlichen Anstrengung aussetzen. Es ist damit der perfekte Treffpunkt der oberen Mittelschicht und höheren Gesellschaft, um Kontakte zu knüpfen oder Gespräche zu führen. Häufig bringen Diener den Spielern kleine Stärkungen oder Getränke. Politische Treffen finden hier ebenso statt wie Geschäftsabschlüsse.

Giorgio Malvasia, der Vater von Cecilia, gab 1779 seinen Vorgarten samt Bocce-Bahn für die Öffentlichkeit als kleinen Park frei, kurz bevor er ins Parlamento gewählt wurde. Seitdem treffen sich die Palatiner unter schattigen Bäumen auf eine kleine Partie an diesem Ort. Giorgio hatte dabei nicht nur im Sinn, seine Reputation vor der Wahl zu erhöhen, sondern wollte damit auch ein deutliches Zeichen setzen: in der Zeit ansteigenden britischen Einflusses hatte das Cricket-Spiel größere Verbreitung gefunden und drohte ältere palatinische Sportarten zu verdrängen. Giorgio stand im Ruf, kein großer Freund der Briten zu sein.
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Valerio Mascarpone
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Re: Die Bocciofila

Beitrag von Valerio Mascarpone »

Es gab Tage. Und es gab Stunden. Und manchmal, da gab es Stunden an Tagen wie diesen.

Vielleicht war es einer der bedeutsamsten Freitage in Valerios Leben. Er hatte seit Jahren kein solches Fieber in den Fingern mehr gespürt. Es war, als wäre er für einige Momente selbst zurück an die Reling getreten und hätte eine Prise Meeresluft durch seine Nase gezogen. Ein Kapitän bewegte etwas. Ein Provveditore bewegte dagegen nur Papierstapel.

Sein Sohn würde ab nun ein Mann sein. Costantino musste sich bewähren, den Elementen trotzen, das Seemannsgeschick erlernen. Über Generationen war dies ein Spaziergang gewesen. Reine Formalie, weil seit einem halben Jahrhundert das Mittelmeer seine Gefahren verloren hatte. Der Krieg hatte die heimische See lange nicht mehr heimgesucht. Selbst die gefürchteten Barbaresken verloren ihren Mythos, weil ihre veralteten Galeeren bald keine Bedrohung für die europäischen Schiffe waren. Es gab noch Plünderungen und Versklavungen; aber die Abenddämmeurng der Korsaren stand so bevor, wie die Sonne bereits über der Karibik untergegangen war.

Deswegen war diese Mission anders. Und Castelli wie Semifreddo hatten es gespürt. Das, was von der einst glorreichen Marine Palatinas übrig war, musste sich bald bewähren. Sie litten am Material. Nicht an der Qualität. Und er wagte etwas mehr als das. Costantino sollte nicht nur ein echter Seemann werden; die Seemänner, die ihn begleiteten, sollten einen Anreiz haben.

Man enttäuschte einen Provveditore nicht. Besonders nicht, wenn dessen Sohn an Bord des eigenen Schiffes heurmlungerte, und der Kindermund überall die Wahrheit kundtat, wenn man ihn fragte. Diese Mission würde gelingen - weil die Schicksale von Karrieren daran hingen. Valerio war kein Machiavellist. Aber er wusste, wie effiziente Organisation funktionierte. Belohnungen und Drohungen, Ziele und Träume brachten die gewünschte Motivation.

Das Kribbeln in seinen Fingern meldet sich wieder. Valerio sieht auf die Kugel in seiner Hand. Silberfarbiges Metall, auf dem der rote Schild der Mascarpone mit dem Tatzenkreuz glänzt. Er hält die Kugel mit beiden Händen knapp unter der Nase. Sinniert. Visiert mit den Augen den kleinen Holzball in der Ferne an, umringt von silbernen und blauen Kugeln. Zwischen den Astkronen des Malvasia-Parks fällt spätabendliches, rotes Licht, das auf der Sandbahn flackert. Außer zwei Spaziergängern ist niemand unterwegs. Es herrscht Stille, die nur vom papiernem Blätterrascheln unterbrochen wird. Valerio wartet die Brise ab, bis sich diese wieder gelegt hat.

Und wirft dann mit der Rechten die Kugel voran, die kurz auf den Sand fällt, für eine halbe Sekunde in die Luft hopst, in Richtung des hölzernen Pallino rollt - und dabei eine blaue Kugel davonschubst.


Ich kann es noch.
Es gibt drei Dinge, meine jungen Herren, die Sie sich immer ins Bewusstsein rufen müssen. Erstens: Sie müssen immer Ihren Befehlen gehorchen. Zweitens: Sie müssen jeden Mann als Ihren Feind ansehen, der schlecht über Ihren König spricht. Drittens: Sie müssen die Franzosen wie den Teufel hassen. - Horatio Nelson

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Cecilia Malvasia
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Re: Die Bocciofila

Beitrag von Cecilia Malvasia »

Guter Wurf.

Cecilia steht mit einem Fächer am Rande der Bocciofila. Sie betrachtet die blaue Kugel, die Mascarpone davongestoßen hat und immer noch davon rollt – eine blaue Kugel mit einem goldenen Lorbeerkranz, die gegen die Seitenplanke knallt, fernab des Pallino. Sie geht zwei, drei Schritte im Schatten einer Zypresse, fächert sich Luft zu, die Augen auf die Kugeln gerichtet.

Ich mag Herausforderungen.

Die Malvasia geht zu einem Korb, greift nach einer blauen Kugel mit Familienwappen, stellt sich an die Linie neben Valerio. Sie hebt die Metallkugel, wiegt sie in der Hand.

Und ich mag Leute, die offen spielen.

Cecilia wirft. Die Boccia blitzt in der Luft, fliegt zielgenau zur Mascarpone-Kugel. Doch statt diese davonzustoßen, wird sie plötzlich langsamer. Sie blaue Kugel schmiegt sich an silbernes Metall, rückt einen halben Finger näher an das hölzerne Kügelchen, ohne die gegnerische Kugel aus dem Spiel zu werfen. Valerio würde vor eine ähnliche Herausforderung gestellt: sollte er es wagen, diese Kugel neuerlich aus dem Umkreis des Pallino zu werfen, so riskierte er, stattdessen seine eigene Kugel aus dem Spiel zu nehmen.

Cecilia wirft dem Mascarpone ein listiges Lächeln zu.


Ich gebe Euch das Geld für die Enterbewaffnung. Und ich besitze immer noch das eine oder andere Boot, um das Material verdeckt nach Porto Vecchio zu transportieren.

Sie fächert sich Luft zu, schaut wieder auf die Spielfläche.

Ich weiß, es sollte mich nicht interessieren – aber widerspricht ein solcher Handel nicht den Gesetzen des Militärs?

Eine offensichtliche Frage. Dazu eine provokante. Natürlich wusste Cecilia, was hier ablief. Sie trieb es bewusst voran. Aber es gefiel ihr, den Mascarpone zu reizen. Valerio sprach von Ehre. Er tat harmlos und loyal. Aber tief in seinem Innern grollte etwas. Es war kein Hass, aber es war eine Form des Zorns. Wegen gefühlter Demütigung. Das Esercito hatte die Flotte so zerfleddert, dass sie sogar ihren einstigen Namen eingebüßt hatte. Von der stolzen „Armada“ zum Befehlsempfänger degradiert. Ohne Admiral. Ohne Bedeutung. Eine Teilsektion des Militärs, das Material, Munition und Geld aus der gönnerhaften Hand des Esercito erhielt und sich mit Personalkürzungen abfinden musste. Die Abhängigkeit von Soldaten, die das Heer gegenüber der Flotte bevorzugten, war eine Abhängigkeit, die jedem Marineoffizier bitter aufstieß.

Der Mascarpone war viel zu lange auf See gefahren, um zu wissen, dass es ein Übel war, den Gezeiten, Sandbänken und Flauten ausgesetzt zu sein. Viel schlimmer aber war es, Menschen ausgeliefert zu sein. Er suchte nach Optionen. Nach Möglichkeiten, die Segel auszurichten.

Und sie würde ihm geben, was er suchte. Obwohl er ein Nobile war. Obwohl er den Reaktionären angehörte. Obwohl er dem Staat diente. Obwohl er all das versinnbildlichte, was sie aus tiefstem Herzen verabscheute.

Weil der gemeinsame Feind zu groß war, um sich in Kleinigkeiten aufzureiben. Jeder Schaden, der dem Esercito zugefügt wurde – und handelte es sich nur um eine Stärkung der Marine, um es aus dessen Bevormundung zu befreien – war ein guter Schaden.
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Valerio Mascarpone
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Re: Die Bocciofila

Beitrag von Valerio Mascarpone »

Grazie.

Valerio nickt, aber seine Miene bleibt ausdruckslos. Seine Augen sind auf die Kugeln gerichtet. Nur eine einzige Sekunde geht sein Blick zur Malvasia, als sie auf den vermeintlichen Verrat zu sprechen kommt. Sie reizt ihn - nicht zum ersten Mal. Er war darauf gefasst, weil es die Kontinuitäten in diesem tête-a-tête waren, wie sie sich immer wieder boten, weil man darauf verweisen musste, wer man war, was man war - und wo man stand. Er spürte keine Sympathie für die junge Erbin des Malvasia-Vermögens, keine persönliche Affinität - und besonders keine philosophische oder gar politische.

Valerio entstammte einer der ältesten Familien der Republik. Aber nicht mehr der mächtigsten, auch nicht mehr der reichsten. Hätte seine Linie nicht in das Geschlecht der Tartuffo eingeheiratet, vielleicht genösse sie nicht mehr dieselben Privilegien wie noch vor zweihundert Jahren. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte sein Vorfahr an der Spitze des fünften Kreuzzuges gestanden und Palatina nach Ägypten geführt. Mittelalterliche Legenden. Aber es waren Episoden, die im Bewusstsein seines Geschlechtes blieben. Vielleicht würden es andere als Dünkel verstehen; andere Leute, die keine Ahnung hatten.

Die Mascarpone hatten sich über Jahrhunderte um Palatina verdient gemacht. In der Politik und im Krieg. Sie hatten Söhne für das Vaterland geopfert und Kredite ausgestellt, obwohl sie wussten, dass sie diese nie zurückgezahlt bekämen. Sie gehörten zu den wenigen Familien, die ihren Gottesglauben über Jahrhunderte gewahrt und behütet, Stiftungen und Schenkungen ausgestellt, und das eigene Vermögen deshalb immer mehr aufgebraucht hatten. Aus der Sicht einer Malvasia musste er ebenbürtig sein, weil sein Vermögen geringer, aber seine Macht als Provveditore größer war.

Doch die Mascarpone waren keine Firma, sondern eine Dynastie. Eine Dynastie, die das Vielfache ihres Vermögens für Ehre, Ruhm und historische Entscheidungen aufgeopfert hatte. Ihr Vermögen lag auf einem himmlischen Konto der Jahrhunderte und überstieg das jeder Patrizierfmilien um Äonen. Weil die Dynastie Mascarpone nicht für ein Leben, sondern für hunderte Leben Geld verdient und ausgegeben, gekämpft, getötet und gestorben war - zugunsten eines Staates, den die Jakobiner verachteten.


Es gibt höhere Gesetze als die des Militärs.

Seine Stimme ist dunkel. Seine Hand fasst nach einer Mascarpone-Kugel.

In der Tat gibt es sogar eine ganze Hierarchie von Gesetzen. Die Gesetze des Militärs sind hohe Gesetze, keine Frage. Darüber gilt jedoch das Gesetz des Staates - und darunter vor allem das Gesetz der Staatserhaltung. Staatsraison. Jedes Gesetz, das der Staatsraison widerspricht ... ist ein nichtiges Gesetz.

Sein Schuh rutscht kurz durch den Sand, findet dann halt. Der Staub fächert über die Bahn.

Von den philosophischen Gesetzen - des Anstandes, der Moral, der Ehre, der Tugend - oder den am höchsten stehenden Gesetzen - ja, ich rede von den göttlichen Gesetzen, oder auch: Naturgesetzen - will ich gar nicht anfangen.

Er wiegt die Kugel in die Hand. Er wartet. Dann sieht er zu Cecilia. Die Augenlider leicht gesenkt, sodass seine Pupillen scharf wirken.

Ich diene der Republik, Messiera. Und der Republikerhalt hat Priorität. Die Marine verlottern zu lassen - kann nicht im Sinne des Staates sein.

Die Mascarpone-Kugel mit dem Taztenkreuz kullert in Richtung Pallino. Anders als zuvor stößt sie nicht den blauen Konkurrenten davon - sondern lehnt sich an die Malvasia-Kugel.
Beide Bälle liegen nun so nah am Ziel, dass es kaum zu unterscheiden ist, wer näher dran ist.


Deshalb finde ich ... Alternativen. Ganz im Staatsinteresse.
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Cecilia Malvasia
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Re: Die Bocciofila

Beitrag von Cecilia Malvasia »

Mascarpone war ein Narr. Er glaubte, ein Staatsmann zu sein, der Machiavellis Ratschläge beherzigte, wenn er von der Staatsraison sprach, und sie zugleich mit Marc Aurel und Thomas von Aquin zu vereinigen versuchte. Es war ein Unterfangen, das scheiterte, weil es scheitern musste. Nicht der Philosophie oder gar der Moral wegen; sondern, weil Mascarpone von ganz falschen Prämissen ausging.

Der Staat war nicht erhaltenswert, wenn er versagte. Ja, im Grunde noch mehr als das: er war prinzipiell nicht erhaltenswert, wenn er von Gütern und Blut seiner Untertanen lebte. Der Staat war eine kalte Bestie, die Opfer um Opfer forderte, ob nun auf den Altären der Kriegsfelder oder bei der Auspressung seiner Kinder, denen er Dukate um Dukate abwürgte. Ein Mensch hatte nicht dem Staat zu dienen. Der Staat hatte Menschen zu dienen. Wenn er es nicht tat, dann musste er verschwinden. Staaten konnte man teilen, zerstören, ausrufen. Menschen konnte man nicht mehr lebendig machen.

Zugegeben, einer der wenigen Belange, in denen der Staat den Menschen tatsächlich überlegen war. Aber das machte ihn umso monströser. Jedem abgeschlagenen Kopf entwuchsen zwei neue. Er vermehrte, teilte und erneuerte sich, mit jeder Abteilung, jedem Ministerium, jedem neuen Amt. Die palatinische Bürokratie war ein Tumor, der sich ausbreitete und den Individuen die Luft abschnürte.

Sie sieht den Provveditore an. Ihre Augen sprechen. Sie muss nichts sagen. Sie hat keine Verachtung für ihn übrig. Eher Mitleid. Und einen Hauch der Belustigung für einen Theologen, der einem Atheisten die Existenz Gottes nahebringen will. Mascarpone konnte nicht anders. Er war ein Nobile. Er musste Nobile-Dinge tun und Nobile-Dinge sagen. Er war intelligent. Er war mutig. Er war ehrlich.

Aber er war nicht frei.


Wir haben eine Vereinbarung.

Mehr sagt sie vorerst nicht. Sie wiederholt Bekanntes. Aber es sind die deutlichsten Worte, die sie finden kann. Ehre, Ruhm, Frömmigkeit - nichts, das etwas bedeutete, wenn man einen Kaufmann in den Ruin trieb oder eine Stadt einäscherte. Geschäfte dagegen banden. Gemeinsame Interessen - gemeinsame Verpflichtungen. Niemand würde über diesen Deal reden, weil jeder etwas zu verlieren hatte.

Er glaubte den Staat zu retten, indem er sich mit jemandem verbündete, der den Staat zerstören wollte. Und er wusste es. Entweder überschätzte - oder sie unterschätzte ihn. Dazwischen gab es nichts.


Allerdings kenne ich nur die Gesetze des Profits, Messer. Ich würde mich zu gerne Euren Gesetzen ergeben, wenn Ihr mir ein Pfund Ehre oder einen Zentner Gott in die Hände drückt.

Sie zieht ihren Fächer, geht in einem katzenhaften Gang an der Bahn entlang, dorthin, wo Valerios letzte Kugel gelandet ist. Genießt den Wind, der sie in der Abendbrise umgibt.

Sie betrachtet die Mascarpone-Kugel, die eine Fußnagelspitze näher am Pallino liegt als ihre eigene.


Nicht schlecht für einen Nobile.

Er war ein Fossil. Ein Nobile, der dort stand, wo er stand, weil er ein Nobile war. Wegen Geschacher. Wegen Absprachen. Wegen Geburt. In Cecilias perfekter Welt bekam jeder die Stelle, die er verdiente. Weil er sich bemüht, weil er sich angestrengt, weil er sich den Posten erworben hatte.

Zugleich war das der Grund für ihren Respekt vor Mascarpone. Sie glaubte, dass er auch bei niedriger Geburt vielleicht nicht dieselbe Stelle erlangt hätte - aber doch zumindest eine vergleichsweise hohe, auf der sie mit ihm reden konnte.
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Valerio Mascarpone
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Re: Die Bocciofila

Beitrag von Valerio Mascarpone »

Die Malvasia betrog nicht nur ihn - sie betrog sich selbst. Nichts an ihren Äußerungen sollte einen Zweifel daran lassen, dass sie an nichts glaubte, was sie nicht gesehen hatte; dass sie nichts Wert beimaß, dasss sie tasten konnte; und dass es für sie nur auf Interessen, auf Motive, auf Ziele ankam. Wie Demokrit und Epikur beharrte sie darauf, dass die Welt nur aus kleinen Teilchen bestand und in kleinen Teilchen vergehen würde. Für einen gottesfürchtigen Mascarpone eine Provokation; aber nur, wenn ein Mascarpone so einfach gestrickt gewesen wäre, auf diese Finten hereinzufallen.

Valerio merkt es ganz genau. Er ist kein begabter Machiavellist. Aber Machiavellismus bedeutete nicht bloßen Machterhalt. Es bedeute, eine andere Person so zu analysieren, dass man ihr Motiv erkannte, und an diesen Motiven weitere Wünsche und Handlungen ablesen konnte. Cecilia sprach von Profit. Aber hätte der Profit ihr einziges Ziel bedeutet, dann hätte sie sich nicht an ihn gewandt. Es gab bessere Partner, reichere, verlässlichere, auch ideologisch ähnlich tickende. Dem Mascarpone fällt auf Anhieb ein ganzes Dutzend Leute ein, mit denen er an ihrer Stelle zuerst verhandelt hätte.

Aber darum ging und geht es ihr nicht. Er kann es nicht beweisen, nur erahnen und spekulieren. Valerios Erfahrung sagt ihm, dass jemand wie Cecilia sich nicht mit Macht oder Geld begnügte. In ihr tobte ein destruktives Feuermeer; wie im Herz der Medea, die auf Rache sann, furchtbare, grenzenlose Rache. Eine Rache, die nicht gegen ihn gerichtet war. Aber eine Rache, die sich gegen das wandte, was er verteidigte und für das er stand. In ihrem Spiel sollte er Öl vergießen. Das roch er ganz genau.


Wir verstehen uns.

Er belässt es bei einem Nicken. Er geht nicht auf das herablassende Lob ein. Nobile zu sein bedeutete nicht Privileg, sondern Bürde - eine Sache, die der Rest des Volkes nie verstehen würde. Und es war ein paradoxer Vorwurf von einer jungen Dame, die selbst nicht von dem lebte, was ihre eigenen Hände geschaffen hatten, sondern vom Erbe ihrer Vorfahren. Valerio kannte diesen Typus des Sesselrevolutionärs, der vorgab, sich für die Rechte der unteren Schichten einzusetzen und von Leistung und Meritokratie schwafelte, weil man als Rentier nichts anderes zu tun hatte. Er wusste von Elend und Not in San Pietro, er wusste von der Ausbeutung der Kohlearbeiter in Carbonara. Es wäre ihm aber nie in den Sinn zu kommen, sich als Anwalt dieser Leute aufzuspielen. Er konnte spenden, er konnte Hospize errichten lassen. Die Rettung in der Politik zu suchen war ein absurder Gedanke. Gerade ein Nobile, dessen Vorfahren seit Jahrhunderten in der Politik tätig waren, wusste, wie wenig die Politik etwas änderte.

Aber Jakobiner scherten sich nicht um die Realität. Sie scherten sich um Ideen. Das war weitaus gefährlicher, als an Gott, an Ehre oder das Vaterland zu glauben.


Grazie, Messiera, für das Gespräch, das nie stattgefunden hat und die Partie, die weder Anfang noch Ende hatte.

Er macht eine halbe Verneigung. Dann geht Mascarpone an der Malvasia vorbei, sammelt die Kugeln ein.
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Cecilia Malvasia
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Re: Die Bocciofila

Beitrag von Cecilia Malvasia »

Cecilia wartet. Selbst als der Mascarpone schon weg, und sein Schatten längst zwischen Maulbeerbäumen verschwunden ist. Der späte Nachmittag weicht dem Abend. Die Schatten werden länger. Es bleiben nur sie und die blauen Kugeln mit dem Lorbeerkranz der Malvasia übrig. Sie ist allein. Wie immer.

Es wäre töricht zu glauben, dass Mascarpone sich nicht eigene Gedanken gemacht hätte. Er war ein Narr. Aber die meisten Narren dieser Welt waren klüger als die reichsten und mächtigsten Männer. Leute wie er rochen Betrug. Dass er auf dieses gefährliche Geschäft einstieg, sagte ihr, dass er von ihren ehrlichen Absichten überzeugt war. Er lag richtig: sie würde einen Provveditore nicht hintergehen. Dafür war er zu wertvoll. Zugleich ahnte er, dass diese Abmachung Konsequenzen hatte, die er vielleicht bereuen konnte.

Es gab diese Stelle bei Shakespeare, die Cecilia nicht vergaß. Sie hatte sich bis vor ein paar Jahren nicht für Theater oder Oper interessiert. Jemand hatte sie darauf gebracht. Macbeth hatte den König umgebracht und wurde von Halluzinationen heimgesucht. Lady Macbeth begegnete dem mit oberflächlichen Worten: was passiert ist, ist passiert, man kann die Vergangenheit nicht ändern. Aber Shakespeare wäre nicht Shakespeare, wenn die Passage nur substanzloses Geschwätz gewesen wäre. Später erliegt die Königin selbst dem Wahn und sagt: Was geschehen ist, kann man nicht ungeschehen machen.

Nein, nichts ist Schicksal. Alles ist Handlung. Damit ist alles Schuld. Und alles eine kaum zu bewältigende Freiheit, die einen erdrückt, weil jede Entscheidung ein Desaster für sich selbst, für Mitmenschen, für Städte, für Nationen - für die ganze Welt bedeuten kann. Glücklich die, die immer richtig entschieden; aber Glückliche gab es nach dieser Logik nicht. Nur Menschen, die Glück hatten, bis ihnen ein Fehler unterlief. Unverzeihliche, nicht zu korrigierende Fehler.

Und es gab manche Fehler, die richtig waren. Es waren die schlimmsten Fehler. Weil man wusste, das Richtige getan zu haben; die Erinnerungen, die Zweifel, die Reue aber immer wieder zurückkehrten. Unbegründet, allesamt. Menschliche Gefühle, die sich gegen die Venrunft stellten.

Cecilia sieht zur Fassade des Palazzo Malvasia hinter der Bocciofila. Mit Mascarpone konnte sie reden. Es gab ihr ein Gefühl zurück, das sie nicht mehr erlebt hatte, seitdem sie Zio Atanasio seinen Schlummertrunk verabreicht hatte; das Gefühl, nicht komplett einsam, nicht komplett verloren, nicht komplett auf einsamen und unverstandenem Posten zu stehen. Sie beherrschte ein vermisstes Zwittergefühl, das ihr einerseits Lebensgeister einflößte, weil sie sich herausgefordert fühlte, weil sie etwas Großes tat, was nur er verstand; und andererseits war da diese Angst, scheitern zu können, dass alles aufflog, und sie für diesen Fall keinen Ersatzplan zur Hand hatte.

Es war das unwohle Gefühl, dass er ahnen könnte, was sie wirklich vorhatte.
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