Die Taverne „Arsinoë“

Das Viertel der Fischer und Arbeiter ist der dichtbewohnteste Stadtteil Palatinas. Mit dem handelspolitischen Niedergang der Republik hat das Militär und die Waffenmanufaktur hier deutlich an Einfluss gewonnen. Die Cittadella und das Arsenal sind militärisches Sperrgebiet.
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Luca
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Luca »

Giacomos Erleichterung führt auch bei Luca zu einer Verbesserung der Gemütslage. Unter diesen Umständen kam auch direkt wieder Appetit auf das Fleisch auf, auch wenn Luca sich nicht ganz sicher ist, was Giacomo mit dem darauf folgenden Satz ausdrücken wollte.

Aber das war jetzt auch egal. Er hat nun endgültig Hunger.

Eilig macht er sich über das Stück Braten her, und unterbricht sein Essen nur, um Maddalena kurz ein dankendes Lächeln zuzuwerfen und Giacomo - mit gerade so leerem Mund - eine gute Nacht zu wünschen.

Das Fleisch schmeckt fantastisch und Luca kann sich gar nicht schnell genug eine Gabel nach der anderen in den Mund schieben. Allerdings... wenn er hier fertig war, würde er beten müssen...

Immerhin ging Giacomo nun ins Bett und würde ihn nicht dabei beaufsichtigen. Es war eine GANZE Weile her seitdem er das letzte mal eines der Gebete hatte Aufsagen müssen, und so ganz alleine war es eine ganz andere Sache, als es mit jemand anderem mitzumurmeln. Sicherlich würde er hier und da ins Stocken geraten und sicherlich würde es Giacomo nicht gefallen. So aber würde nun wohl die größte Hürde sein nicht vor dem Ende der dreißig Ave Maria einzuschlafen. Und selbst wenn... niemand würde es mitbekommen.

Nachdem der letzte Bissen verputzt ist, nimmt er seinen Teller und reicht ihn im Vorbeigehen Maddalena.


Danke. Gute Nacht.

macht er sich anschließend auf in "seine Kammer". Erst jetzt werden ihm Wortwahl und Umstände wirklich bewusst. Offenbar hatte man die ganze Zeit damit gerechnet, dass er wiederkommen würde. Man hatte auf ihn gewartet...

Luca lässt den Gedanken sacken während er die Treppe hinaufsteigt, leise, um Giacomo nicht wieder aufzuwecken. Ein merkwürdiges Gefühl...
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Don Giacomo
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Don Giacomo »

Giacomo hat eine gute Nacht gewünscht und sich dann aus dem Schankraum entfernt. Zurück blieb nur Maddalena, die den Tresen aufräumt, wischt, und bereits für morgen Gemüse schält. Der Dominikaner legte Wert auf eine gute Freitagsküche, denn ein Fleischverbot war keine Ausrede für ein schlechtes Mahl. Sie schält Kartoffeln und schneidet Sellerie, während Luca sein Mal zu sich nimmt, löscht das Feuer unter dem Kamintopf und räumt Geschirr wie Besteck ab. Zuletzt wischt sie die Gastbänke.

Maddalena war immer die letzte Person, die den Schankraum verließ. Giacomo zog es üblicherweise vor, die frühere Schicht zu nehmen, weil er morgens zum Gebet aufstand. Heute war alles etwas anders; vielleicht, weil der Dominikaner einen besonderen Sinn dafür gehabt hatte, heute länger aufzubleiben. Maddalena wusste allerdings: "heute" bedeutete schon die letzten Tage. Ob er damit gerechnet hatte, dass Luca auftauchen würde? Oder gab es einen anderen Grund?

Es waren Fragen, die Maddalena nicht näher erörterte. Sie nickt Luca zu, als er ihr den Teller reicht, und räumt dann den Schrank auf.
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Luca
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Luca »

Oben angekommen, schiebt er die Tür zu der kleinen Kammer auf. Durch ein ebenso kleines Fenster fällt bereits das Licht des anbrechenden Tages herein. Es ist ein kaltes, grau-blaues Licht, lässt das Leinen des darunter liegenden schmalen Bettes leuchten, der Rest des Raumes liegt in einem hölzernen Dunkel.
Tatsächlich ist das Bett offenbar frisch bezogen, auf dem straffen Kopfkissen zeichnet sich als Helligkeitskontrast der Rosenkranz ab, den ihm Giacomo schon vor Jahren geschenkt hatte. Er ist ordentlich darauf ausgebreitet.

Luca blickt auf die sich aneinander reihenden Perlen, das Kreuz an seinem Ende, auf ihn zurück zu schauen scheint.

Einen nicht unerheblichen Teil der letzten Wochen hatte Luca auf irgendeinem Boden geschlafen, nicht selten dem kalten Stein der Gassen St. Tranitás. Am liebsten würde Luca sich einfach direkt in die verlockenden Laken hineinfallen lassen, sich vollkommen in die Decke einrollen und endlich einmal wieder richtig schlafen. Doch er kann doch unmöglich Don Giacomo jetzt schon enttäuschen?... Seufzend kniet sich Luca vor das Bett und faltet auf dessen Kante die Hände.

Je schneller er die Gebete hinter sich bringen würde, desto schneller konnte er schlafen. So einfach.

Luca holt noch einmal tief Luft, beginnt dann deutlich, aber etwas lustlos mit dem ersten Teil.


Gloria Patri et Filio et Spiritu Sancto,
sicuterat…

Luca stockt. Es ist das eine, ein Gedicht auswendig zu lernen, irgendetwas was Sinn ergibt. Es ist etwas anderes sich den Wortlaut eines Textes zu merken, von dem man kaum ein Wort versteht, manches merkwürdig vertraut klingt, aber umso mehr unglaublich merkwürdig. Angestrengt denkt er nach.

in principio... et nunc et sempre et... in secula seculorum!

amen.

Luca seufzt. Wie ging es weiter? Es war irgendetwas mit Vater...

Padre nostre,...

so? Zumindest irgendwie so ähnlich...

Cui es in chelis.
Sanctificetur nomen tuum.
Adveniat regnum...

Luca kämpft sich durch den Rest des Gebetes. Hier und da hakt er etwas, doch im Großen und Ganzen ist er selbst überrascht an wie viel er sich noch erinnert, wenn er erstmal einen Anfang gefunden hat. Immerhin würde er den nächsten Abschnitt einmal in Erinnerung gerufen nur noch wiederholen müssen.

Etwas nervös rutscht er von einem Knie auf das andere, dann beginnt er.


Ave Maria,
grazia piena.

...

Dominikus tecum!
Benedictus tu in multi rebus...
E benedictus... fruttus ventres tui Gesùus!

Wird er dann immer flüssiger. Selbstsicher fährt er fort.

Santa Maria, Madre dei,
ora pro noi peccheremobus
dunque é ora morte nostre.
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Don Giacomo
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Don Giacomo »

Kaum sind die Worte verklungen, da beherrscht Unruhe das Haus. Irgendwo schlägt ein Laken durch die Luft; rammen Füße auf den Boden; schlägt eine Kammertüre auf; treten eilige Sandalen über den Boden, werden lauter, deutlicher, werden brechend laut.

So laut, dass sie tatsächlich durch Holz zu brechen scheinen - nämlich, als sie gegen die Zimmertüre von Lucas Stube jagen, sie aufstoßen, und hinter der aus den Angeln geschlagenen Türe plötzlich der Dominikaner im weißen Habit auftaucht, immer noch den Fuß erhoben, begleitet vom Krachen des Holzes, das gegen die Wand schlägt, Putz abbricht und den ganzen Raum erschüttert.

Giacomos Brust bebt. Sein Gesicht ist angespannt, Zornesfalten zeigen sich. Es ist ein heiliger, ein gerechter Zorn, als hätte er vor seinen Augen gesehen, wie eine Kirche von einem Mob militanter muslimischer Marodeure meuchelmörderisch heimgesucht wurde, Kandelaber stahl, Hostien schändete und den Priester niederstach.


Ich hörte Blasphemie!

Seine Stimme brummt, donnert von den Wänden, ohne zu rufen. Seine Stimme ist wuchtig, füllt die Luft zwischen den Wänden aus, aber er schreit nicht. Nein, es ist kein Ausruf: es ist eine Ansage.

Er war Dominikaner. Wenn sein Dominikanerhirn etwas auf zehn Meilen wahrnahm, dann Häresie und Blasphemie. Sein Orden war ins Leben gerufen worden, um Ketzer auszuräuchern, und letztlich hatte jeder Dominikaner ein inneres Bedürfnis danach, Gotteslästerer und Irrlehrer auf einen funkelnd-feurigen Scheiterhaufen zu werfen. Das war eine natürliche Veranlagung. Man wurde nicht Dominikaner. Man war es von Geburt an und musste zu diesem Orden finden.

Giacomo konnte tief schlafen. Aber sein Häretikerradar war trotzdem aktiv. Es war sensibler als eine Wünschelrute. Und es war deutlich exakter. Albigenser, Waldenser, Lutheraner, Calvinisten, Täufer, Pietisten, Puritaner, was auch immer; die feinen Sensoren des Dominikaners haben eine deutliche Schwefelspur eklatanter Gotteslästerei wahrgenommen, oder zumindest glaubten sie, diese so einordnen zu müssen.


Wiederhol das!

Seine Stimme quillt vor Autorität über. Giacomo wirkt wie ein Inquisitor, der von einem Häretiker fordert, noch einmal zu bestätigen, dass er des Nachts mit dem Teufel getanzt und diesen auf den Hintern geküsst hat.
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Luca
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Luca »

Luca will gerade zum zweiten Ave Maria ansetzen, als er das Poltern auf dem Flur vernimmt, erschrickt aber dennoch, als plötzlich die Tür so schwungvoll auffliegt, dass es sie aus den Angeln reißt.

Die Morgende waren einer der wenigen Zeitpunkte, an denen es in San Pietro Still war. Für gewöhnlich...

Luca kniet immer noch vor dem Bett, Kopf und Oberkörper aber zu Giacomo gewendet, der sich vor dem Jungen aufbaut wie das jüngste Gericht in Person.

Erschrocken starrt er ihn an.

Blasphemie?

Luca ist sich keiner Schuld bewusst und weiß sich nicht besser zu helfen, als die letzten Zeilen tatsächlich nocheinmal aufzusagen. Vielleicht hatte Giacomo sich einfach verhört.


ora pro noi peccheremobus...

wiederholt er zögerlich

dunque é ora morte nostre.

In seinem Blick steht ein großes Fragezeichen. Ein großes, angsterfülltes Fragezeichen.
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Don Giacomo
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Don Giacomo »

"Jetzt werden wir für uns sündigen,
deshalb ist es jetzt unser Tod"?!

übersetzt Giacomo baff die von Luca vorbereiteten Phrasen, wobei "baff" in eine Mischung aus Unglauben, Zorn und schrecklicher Rachsucht übergeht.

Könnte Luca nur so viel Latein, wie es Giacomo von ihm verlangen würde, so zöge er ihm jetzt die Ohren lang, wiederholte mit ihm die beiden Sätze, ginge Casus und Vokabel durch, bis Luca unter großer Pein, Tadel und Angst vor seinem Groll mit schlotternden Knien und stammelnden Silben die richtigen Worte geformt hatte, nur, um diese dann hundertmal an alle Wände und Dächer von Santa Trinità zu kleistern. Was kam als nächstes? Menschen, genannt "Romanes", gehen das Haus?


Wir werden jetzt das Ave Maria zusammen beten.

grollt der Dominikaner, wird dunkler

Solange, bis du es kannst.

Draußen kräht ein Hahn aus dem Hinterhof einer Barracke. Es ist zwischen dem 5. und 6. Stundenschlag morgens. Giacomo ist offensichtlich der Ansicht, den beginnenden Morgen mit einem Gebet einzuleiten, und der düstere Blick macht Luca bewusst, dass er es hier todernst meint.

Ich spreche vor, du betest mit.

Er macht ein großes Kreuzzeichen.

Und du hörst erst auf zu beten, wenn ich aufhöre.

Ein dumpfer Knall. Giacomo lässt sich einfach niederfallen. Offensichtlich sind seine Knie und sein Schienbein so abgehärtet, dass sie ganz schmerzlos das Niederfallen ertragen. Die demonstrative Bewegung sollte Luca klarmachen, dass er sich neben ihn fallen lassen sollte.

Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto,
sicut erat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum, amen.

Er macht nochmals ein Kreuzzeichen, hebt dann mit einer so lauten Stimmen an, als wollte er damit ein ganzes Kloster wecken; das war kein dahingesabbeltes Kirchenlatein pubertärer Schul- und Kirchenjungen; auch kein verzücktes Geheul hallelujarufender Allerweltsmönche; wenn Don Giacomo betete, dann hörte es sich eher wie ein martialischer Kampfesgesang gegen die vom Teufel besessene Welt an, gegen die es tagtäglich anzukämpfen galt; als brandeten seine Worte wie Wellen gegen satanische Felsen, um diese auszuhölen, zu brechen und in die Fluten zu werfen; als stürmten zwischen seinen Lippen Kavallerie und Infanterie, um einem osmanischen Heer in die Flanke zu fallen und Wien samt Abendland vor der muslimischen Invasion zu retten.

Gloria in excelsis Deo
et in terra pax hominibus bonae voluntatis.
Laudamus te,
benedicimus te,
adoramus te,
glorificamus te,
gratias agimus tibi propter magnam gloriam tuam,
Domine Deus, Rex caelestis,
Deus Pater omnipotens.

Domine Fili unigenite, Iesu Christe,
Domine Deus, Agnus Dei, Filius Patris,
qui tollis peccata mundi, miserere nobis;
qui tollis peccata mundi, suscipe deprecationem nostram.
Qui sedes ad dexteram Patris, miserere nobis.

Quoniam tu solus Sanctus, tu solus Dominus, tu solus Altissimus,
Iesu Christe, cum Sancto Spiritu: in gloria Dei Patris. Amen!


Nein, natürlich beginnt Giacomo nicht direkt mit dem Ave, sondern singt in strahlender Gregorianik vorher noch ein ganzes Gloria vor, damit dem Burschen, dessen Seele der Satan mit einer Hand ergriffen hatte, mal merkte, was es bedeutete, diesem Schmutz und Ekel der niederen Instinkte und Leidenschaften zu entfliehen, um wirklich dem Höheren zu dienen. Das war nur die Einführung.

Dann schmettert er:


Ave Maria, gratia plena;
Dominus tecum;
benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.

Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae!
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Luca
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Luca »

Luca zuckt mit den Schultern.
Für ihn ergeben die Worte so in jedem Fall halbwegs Sinn. Und was wusste er schon was genau man sich irgendwann mal bei diesem Text gedacht hatte?

Für einen Moment hatte Luca den Eindruck gehabt, Giacomo könne ihn vor Zorn mit Haut und Haaren fressen. Die Aufforderung zum gemeinsamen Gebet war also vergleichsweise glimpflich. Die dann ergänzte zeitliche "Begrenzung" allerdings deutlich weniger erbaulich. Er würde sich nun wirklich zusammen reißen müssen. Und irgendetwas sagte ihm, dass Giacomo nicht aufhören würde, nur weil er das Gebet einmal zufällig richtig mitsprechen würde...

Seufzend steht er auf, nur um sich dann etwas weiter neben Giacomo wieder auf die Knie fallen zu lassen. Das Aufkommen mit diesen ist das eine, die schmerzhafte Erschütterung seines geschwollenen Gesichtes, die bis unter die Schädeldecke dröhnt, etwas ganz anderes. Luca beißt die Zähne zusammen, um keinen Schmerzenslaut von sich zu geben, dann setzt er leise mit ein:


...et Filio et Spiritui Sancto,
sicuterat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum, amen.

Beinahe hätte er mit dem Ave Maria angesetzt, als er bemerkt, dass Don Giacomo sich erneut bekreuzigt anstatt weiter zu sprechen. Luca stockt, sein Blick wandert zu dem Dominikaner herüber und herauf. Zunächst etwas verunsichert, lässt er schließlich die Melodie auf sich wirken.

Die Worte füllen die spärlich eingerichtete Stube, sie durchschneiden die Stille des Morgens, ohne diese zu stören, sind kraftvoller als die Tür, die gerade an der Zimmerwand zerborsten ist, und gleichzeitig so viel sanfter, als alles was Luca in den letzten Wochen erlebt hat. Tatsächlich wird Luca ein wenig stiller. Nicht mit Worten - er schweigt ohnehin -, sondern innerlich. Sein Blick senkt sich vor sich ins Leere, bis das Ave Maria ihn wieder aus seinen Nicht-Gedanken reißt.

Schnell setzt er mit ein, versucht die richtigen Worte zu finden. Auch wenn er hier und da noch etwas schlingert, leiser wird, oder ein Wort aufholt, zu Zweit ist es deutlich einfacher.
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Don Giacomo
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Don Giacomo »

Giacomo hat sich nach dem zehnten Ave Maria in einen meditativen Rauschzustand hochgeputscht. Die Worte schallen durch den Raum, ohne dass man sie ihm noch zuordnen kann. Sie nehmen das Zimmer, das Haus ein; obwohl er nur ein einzelner Priester ist, kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass es sich wie beim Morgengebet in einer leeren Klosterkirche anfühlt, wo ein Chor das Gebet anstimmt. Auch Luca dürfte von den sich wiederholenden, vokalischen Versen nicht unbeeinflusst werden, auch wenn die Trance auf ihn womöglich nicht denselben Effekt hat.

Der Geist des Dominikaners hat bereits längst den Schall der Worte verlassen. Es geht nun nur noch um Anschauung, um das, was hinter den Worten steht, um die Überlegung, um die Deutung, um die Interpretation, um das Erkennen, was die Geburt des Erlösers für die Welt bedeutet. Inmitten der Schatten von San Pietro, wo sich Elend an Elend, Hunger an Hunger, Diebstahl an Diebstahl und Mord an Mord reihte strahlte das Ave Maria wie eine Fanfare, die verkündete, dass auch diese Welt nur ein vergängliches Jammertal war auf dem Weg zur Heimat jenseits des Leibes.


Ave Maria, gratia plena;
Dominus tecum;
benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.

Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae!

Von draußen dringen keine Töne, nicht einmal Gerüche. Nur das sich weitende Licht des anbrechenden Morgens breitet sich über das Fenster aus, nimmt Diele für Diele, Wandritze für Wandritze ein, als folgten sie den einzelnen Gebetsfetzen, die das Schlafzimmer zuvor erobert hatten. Giacomo ist derart konzentriert in der Anschauung der Geheimnisse des Glaubens, dass er nur geradeaus schaut, nicht bemerkt, ob Luca Fehler macht, sich verhaspelt oder aus dem Rhythmus kommt. Für ihn herrscht reine Harmonie.

Harmonie, in der sich Verse zu Noten wandeln, Worte zu Gesang, sodass sich für Giacomo das monotone Gebet längst in Musik verwandelt hat.
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Luca
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Luca »

Nach einigen Ave Maria hat auch Luca Worte und Rhythmus wiedergefunden. Für einen Moment ist er froh, es geschafft zu haben, doch dann beginnt die eigentliche Herausforderungen: Das selbe immer und immer wieder zu wiederholen....

Mit der Langeweile setzt auch der Schmerz in den Knien ein. Ungeduldig schielt er zu Giacomo herüber, doch der macht überhaupt keinen Anschein in nächster Zeit mit dem Gebet aufhören zu wollen.

Luca spürt, wie sich die Fugen und die Maserung der Holzdielen immer mehr in seine Haut graben, die Füße langsam ebenso kribbeln und taub werden.
Giacomo hatte ihm früher immer gepredigt im Zweifel die Zehen zu bewegen, ein paar Muskeln anzuspannen, um nicht mitten in der Messe umzufallen. Doch auch das kann den aufkommenden Schmerz nicht lindern, der stärker zu werden scheint je mehr Luca versucht dagegen anzukämpfen.

Unruhig versucht er das Gewicht von einem Bein auf das andere zu verlagern, ohne sich dabei nennenswert zu bewegen.


Ave Maria, gratia plena;
Dominus tecum;
Benedicta tu ...

jedes Gebet scheint sich länger zu ziehen als das vorherige. Und jedes mal setzt der Pater von neuem an, zerschlägt in Luca die - wenn auch winzige - Hoffnung er möge endlich erlöst werden.

Während Don Giacomo immer entspannter zu werden scheint, verschärft sich für Luca die Situation mit jeder Zeile. Zu dem Schmerz in den Knien und Schienbeinen, deren knochige Struktur sich mittlerweile mit dem Holz verzahnt zu haben scheint breitet sich Schwäche in Oberschenkeln und Oberkörper aus, sein Mund fühlt sich trocken an, zur Anspannung der Langeweile kommt eine immer stärker werdende Müdigkeit und Erschöpftheit, die ihn wieder einholt.

Aus dem zwischenzeitlich leisen, unmotivierten Nachsprechen, wird ein immer verzweifelteres Gebet, die Mutter Gottes möge ihre Gnade doch vor allem dadurch zum Ausdruck bringen, dass diese Tortur endlich ein Ende hatte. Am liebsten hätte er geweint und geschrien, doch er reißt sich zusammen, aus den Worten wird langsam wieder ein immer undeutlicheres Säuseln. Angestrengt blinzelnd, versucht er die immer trüber erscheinende Welt wieder in den Fokus zu holen, schwer atmend und die Hände ineinander verkrampft.


ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae

...


...


*WAMMMS*

Mit halb geschlossenen Augen, eine Hand nach hinten gestreckt, den anderen Arm angewinkelt neben dem Gesicht liegt Luca neben Giacomo lang auf den Holzdielen; seicht atmend durch den geöffneten Mund und die leicht blutende Nase.
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Don Giacomo
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Re: Die Taverne „Arsinoë“

Beitrag von Don Giacomo »

...
benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui
...

Giacomo ist völlig im Fluss angekommen, repetiert, repetiert und repetiert, während er an seinem geistigen Auge die wichtigsten Szenen der Marienverehrung vorbeiziehen, Verkündigung, Weihnachten, Karfreitag und Himmelfahrt ikonengleich vor ihm stehen. Er hat mittlerweile das 58. Ave Maria angestimmt und nichts, rein gar nichts lässt darauf deuten, dass er ebenso viele noch vor sich haben könnte. Sein Gesichtsaudruck ist derselbe, seine Sprachperfomanz dieselbe, die gefalteten Hände, die ruhenden Knie - dass ihm die Lippen nicht trocken werden, muss ein christliches Wunder sein.

Ein Wunder, dass plötzlich durch einen lauten Schlag unterbrochen wird, den aber Giacomo aus geistlicher Disziplin übertönt und ignoriert - wie oft hatte ein Priester eine Predigt zu halten, bei der keiner zuhörte, musste sich gegen vorlautes Volk erwehren oder unter allen Widrigkeiten Sakramente spenden! Den Dominikaner haben die Jahre seines Dienstes abgehärtet, und es ist völlig klar: egal, was in der Welt geschieht, das Ritual musste fortgeführt werden. Gerade, weil es der Materie enthoben war, durfte es sich von nichts beeindrucken lassen.

So braucht es etwa bis zum 60. Ave Maria, nach dem Giacomo das Gebet abwandelt, eine kurze Betrachtung der freudenreichen Geheimnisse einfügt, ein Kyrie eleison anstimmt, und zuletzt mit einem Dankgebet abschließt.

Dann - völlig versöhnt mit sich und allem um ihn herum - dann erst lächelt er, atmet durch ... und sieht zu Boden.


Oh.

Der Padre hebt die Augenbrauen. Jetzt erst vermag er die große Störung einzuordnen, die er bis dato als besonders freche Dreistigkeit des Satans eingeordnet und demnach vorbildlich bekämpft hatte. Luca liegt in sonderlicher Körperhaltung auf dem Boden, ein kleiner Tropfen Nasenblut entweicht und tränkt die Dielen.

Buße war gut, Buße tat gut. Zumindest auf dieser Ebene hatte der Junge vielleicht etwas seine Missetaten sühnen können, es war jedenfalls ein Anfang. Mit Anleitung. Für heute reichte es: der Junge war schon genug malträtiert, hatte tiefe Täler durchwandert und war zuletzt auf dem Herbergenboden der Tatsachen angekommen. Irgendwann musste man auch mal das Kreuz übernehmen.

Der Dominikaner fasst nach Luca, stemmt ihn wie ein kleines Bündel mit Wolle, und legt ihn auf das Bett. Er deckt ihn zu, macht ein kurzes Segenszeichen - und geht dann auf seine Kammer, um Ruhe und Schlaf zu finden.
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